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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-10 · Heft 15 (10.4.1896) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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177 Don der Mission des Judenthums, von der Blüthe seiner Litteratur, von der Glorie seiner' Geschichte, von Jehuda Halevi und Moses Maimonides sprechen, also von lauter Dingen, die ihnen vorher so unbekannt wie möglich waren. Solche Thatsachen können nicht ohne Wirkung auf das innere religiöse Leben des deutschen Judeuthums bleiben; sie müssen aber auch nothwendig dazu beitragen, das Interesse für die Litteratur des Judenthums zu verbreiten. Das gesprochene Wort verfliegt, der Buchstabe aber bleibt, und es muß nun unsere eifrigste Sorge sein, dem geschriebenen Wort dieselbe Allerkennung in weiteren Kreisen zu verschaffen, deren sich das gesprochene in seinem Kreise 311 erfreuen hatte. Das kann nur durch Zeitungen und Bücher geschehen. Das Kapitel von den jüdischen Zeitungen ist aber ein recht trauriges. Und so oft ich daran denke, muß ich auch an beit Vers Jehuda Halevi's denken: „Wekojo l’ebel kinori"—. „Da ziehen Trauerklänge über meine Harfe,,. Die Apathie, welche die Majorität unserer Glal'.bensgenosseil der jüdischen Presse gegenüber hegt, ist geradezu unerklärlich. Mall kann dreist behaupten, daß die weit überwiegende Majorität derselben kein einziges jüdisches Blatt lese. Ja, noch mehr. Es giebt sehr viele und sehr gebildete deutsche Jndell, die gar keine Ahnung davoil haben, daß in Deutschlaild überhaupt eine den Angelegenheiten des Judeuthums gewidmete Presse existire. Alich das in den Tagen des Antisemitismus wieder erstarkte Selbstbewußtsein Ullserer Glaubensgenoffeil hat hierin nicht Wandel zu schaffen vermocht. Und selbst die Litteratlirvereine habeil diese Apathie bis jetzt nicht gehoben, ja sie haben sogar dadurch, daß meistells ein Exemplar der in Deutschland erscheinenden jüdischen Blätter in einem Verein zirkulirt, der jüdischen Presse insgesammt eher Schadell als Nutzell zugefügt. Es wäre ein müßiges Beginnen, den Ursachen dieser Apathie uachzuforschen. Die jüdische Presse als solche trägt jedenfalls nicht die Schuld daran. Sie thut redlich ihre Pflicht, und es gehört-wirklich der Teilnahmslosigkeit ja Abneigung vieler unserer Glaubensgenoffeil gegenüber eine tüchtige Portioil Mannesmuih und Ueberzengungstreue der Redakteure und mindestens ebensoviel Opferfreudigkeit der Verleger dazu, um trotz allem und allem ein jüdisches Blatt herauszugeben. In den Tagen des stärksten Alitisemitismus hat die jüdische Presse ihre Schuldigkeit vollauf gethan. Sie hat freimüthig uild llnerschrocken für Ullsre heiligsten Güter gekämpft; sie ist sich iulmer ihrer schwierigen Aufgabe bewußt geblieben ulid hat sich in ben schwersten Situationen und trotz aller Heralisforderuilgen fast nie zu irgeild welchen Taktlosigkeiten hinreißen lassen. Sie hat ihre große Aufgabe, die wirkliche Meinuug des Judenthums gegenüber den großell Tagesblättern, welche man auf gegnerischer Seite mit Unrecht als „jüdische Presse" bezeichnet hat, vollalif erfüllt. Dies Alles hat sie selbstverständlich ohne jede Aussicht auf Erfolg nnb Anerkennung, rein lesehem schomajim, gethan. Aber die deutschen Juden follten ihrer Pflicht der jüdischen Presse gegenüber mm auch etwas mehr eingedenk sein. Gemeinhin erinnert man sich ihrer nur, wenn der Vater seinen 70. Geburtstag feiert, weiln der Vorsteher der Gemeillde gestorbeli ist, oder welin es sich um den Bericht über ein goldenes Ehejubiläum handelt. Das ist zu wenig. Wir verlangen (und daß ich hier ilicht pro clomo spreche, werden Sie mir wohl gern glauben) ein lebhafteres Jntereffe und eine werkthätige Theiluahme für unsere Bestrebungen! Die jüdische Presse als solche, gleichviel welcher Partei und Richtung sie angehört, ist die Trägerin der großen Ideen, welche das Judenthum der Gegenwart erfüllen; sie allein ist die berufene Vertreterin unserer Anschauungen und Wünsche, sie allein hat die Aufgabe, das Judenthum nach außen hin zu repräsentiren, so lange wir keine öffentliche Vertretung deffelben haben. Und in dem noch lange nicht ausgefochtenen Kampf gegen den Antisemitismus, ltnferen Erbfeind, ist ihr die Mission zugefallen, im Namen des Judeuthums zu sprechen und dieses auf Grund unserer Lehre und Geschichte zu vertheidigeu, während doch der Standpunkt der großen Tageszeitungen, die unsere Sache führen, naturgemäß ein ganz anderer ist. Die jüdische Presse kann aber diese Aufgabe nur dann lösen, wenn sie von der Sympathie und Theiluahme der Gemeinschaft, an die sie sich wendet, getragen wird. Ich weiß augenblicklich wirklich nicht, welche Mittel anzuwenden seien, um diese Sympathie in weiteren Kreisen zu wecken und jene oben geschilderte Apathie zu heben — das aber weiß ich, daß solche Mittel gefunden werden müssen, weil eine kräftige, angesehene und viel gelesene jüdische Presse einer der wichtigsten Hebel ist für die Erstarkung der geistigen Kräfte innerhalb des Judenthums. 6. K. Der Einfluß der Inden auf die Leipziger Mejfen. 1. «ie Leipziger Messe hat für die Juden in halbvergaugener Zeit eine große Bedeutung gehabt. Die Aelteren von uns erinnern sich gewiß noch dieses Ereignisses, der Voraussetzullgen und Folgen, die es hatte, und der Bedeutung, die es im jüdischen Leben gewonnen. Nun hat aber ein angesehener Historiker. Dr. Richard Markgraf, im Leipziger Geschichtsverein auch den Einfluß geschildert, welchen die Juden auf die Entwickelung und das Gedeihell der Leipziger Messen ausgeübt haben. Das „Leipziger- Tageblatt" brachte ein sehr ausführliches Referat über diesen Vortrag, das wir hier nach dieser Quelle in extenso wiedergeben. Die Handelsstädte haben von Alters her auf die Judeli eine starke Anziehungskraft ausgeübt. Auch die Handelsmetropole Leipzig leukte schon zeitig das Jntereffe des jüdischen Elements auf sich. Vor Allem führten die Messen viele Juden nach Leipzig. Dieser besondere Umstand, sowie die Bedeutung und Beurtheilung der Inden im Allgemeinen ließ es wohl berechtigt erscheinen, die Geschichte der jüdischen Meßfierauten in Leipzig einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen. Das dem Vortrage zu Grunde liegende Material boten großenteils ungedruckte Akten des Rathsarchivs in Leipzig, theils wurde es Prof. Dr. Hasse's ausführlichem Werke „Geschichte der Leipziger Messen" entilonnneu. Insbesondere verband sich mit dem Vortrage der Zweck, das Volkswirthschaftlich-Statistische aus der Geschichte der jüdischen Meßfieranten vorzuführen. Da das Rathsarchiv erst vom Jahre 1675 an statistische Nachrichten über die Meßjuden in Leipzig bringt, wurde dieses Jahr als Ausgangspunkt dieser historischen Betrachtung genommen und als Endpunkt das Jahr 1839 gewählt, weil in diesem der erste Jude in Leipzig das Bürgerrecht erlangte und dadurch nicht nur die Geschichte der Juden in Leipzig einen gewissen Abschluß fand, sondern auch die Verhältnisse der jüdischen Meßfieranten sich günstiger gestalteten. Wann die ersten Juden auf den Leipziger Messen erschiene!! sind, läßt sich mit Bestimmtheit nicht angeben. Wahrscheinlich haben sie sich unter Markgraf Dietrich von Landsberg, also in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, zuerst in Leipzig eingefunden, wofür sowohl der Umstand spricht, daß Dietrich in seinem Lande die von seinem Vater für das Meißnerland gegebene liberale Judenordnung nach welcher den Juden zu Gefallen der Markttag vom Sonnabend auf den Freitag verlegt wurde, bestätigte, sowie, daß er der Stadt

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