Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
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176 hat in hohen Schulen und Klöstern nichts gelernt, denn nur Esel,. Klötze und Blöcke werden. Ich schweige das schändlich, lästerlich Leben, darinnen die edle Jugend so jämmerlich verderbt ift."1 2 3 * 5) Er, zieht hart gegen die „Geizwänste" und „Scharrhansen"^), das sind, die Protzen und Adeligen, her, welche Wissen und Kunst verachten, weil sie nicht Geld oder Ruhm eintragen. Hinfort sollte der Unterricht nicht mehr „auf den Bauch" gerichtet sein, sondern sich auf das Wort Gottes gründen. Dieses hauchte denn auch die harte Schulzucht mit seiner liebreichen Milde an. Der Glaube konnte nicht eingeprügelt werden, sondern nur unter den warmen Strahlen der Liebe in ben jungen Herzen aufgehen. Luther mahnte: „Was man allein mit Ruthen und Schlägen soll zwingen, da wird keine gute Art daraus, und wenn man's weit bringet, so bleiben sie doch nicht länger fromm, als die Ruthe auf dem Nacken liegt. Aber hie wurzelt es ins Herz, daß man sich mehr vor Gott als vor Ruthen und Knütteln fürchtet."^) Doch wenn er auch erklärt, daß „Freude und Ergötzen den jungen Leuten ebenso hoch Vonnöthen ist wie Essen und Trinken," so verschmäht er doch die Ruthe nicht ganz: „Für böse Kinder und Gesind soll man einen eichenen Butterwecken in die Hand nehmen und ihnen die Haut damit vollschmieren." Doch „muß man also strafen, daß. der Apfel bei der Ruthe sei." Die Musik empfiehlt er deshalb mit außerordentlicher Wärme, weil „sie eine halbe Disziplin und Zuchtmeisterin ist, so die Leute gelinder und sanftmüthiger macht." — In die besonders nach den Rathschlägen Philipp Melanchthons, des xraeeextor Germaniae, geleiteten Lateinschulen zog ein erustes Streben, aber doch nur wenig Milde ein. Das berühmte Disziplinargesetz des Rektors Valentin Friedland von Trotzendorf (bei Goldberg in Schlesien), welcher nach Melanchthons Ausspruch zum Schulmeister geboren war wie Scipio zum Feldherrn, athmete strenge Gerechtigkeit. Es trachtete danach, in dem großen, vielfältig zusammengesetzten Schülerstaate eine von jedem Standesunterschiede unabhängige, gleichmäßige Furcht vor dem Gesetze, eine stille Frömmigkeit und einen ernsten, rührigen Fleiß zu erwecken. Trotzendorf selber wachte als äietator perxekuus mit Strenge über die gehorsame Befolgung dieses Gesetzes, und vor der Ruthe des kleinen Mannes mit den blitzenden Augen zitterten selbst seine bärtigen Schüler. Neben der religiösen Katechese herrschten nun die lateinischen und griechische:! Klassiker?) Die Lehrmethode war zumeist ein mechanisches und gewaltsames Eindrillen unverstandener Pensa. Die Lehrer erblickten ihre Aufgabe in der Aufarbeitung des vorgeschriebenen Lehrstoffes, nicht in der naturgemäßen und harmonischen Entwickelung des jungen Menschen. Die Schüler sollten stille halten, damit das Schulgeschäft nicht gestört würde; was in ihren Gemüthern vorging, wie sich ihre Charaktere gestalteten, begriffen und würdigten die Schulpedanten nicht. Dabei wurden Leibesübungen vollständig vernachlässigt. Die Autorität der Kirche war nun gebrochen. Man hätte die Leute nicht mehr überreden können, „vor Heiligkeit Heu zu fressen". Aber an ihre Stelle war die Autorität des Buchstabens getreten. Gegen diese lehnte sich zuerst Franz Baco von Berulam, der Lordkanzler der Königin Elisabeth, auf. Er erklärte^) alle Worte, die nicht aus der Natur der Dinge geschöpft seien, für Hirngespinste, die den Verstand trüben und die Natur verschleiern. Nur Beobachtung und Erfahrung führten zur wahren Erkenutniß. Darum sollte nicht 1) Luthers Schreiben an die Bürgermeister und Rathsherren rc. 1524. 2) Sermon an die Prediger rc. 1530. 3) Schumann: Pädagogik I. 179. 4) Dittes: Geschichte der Erziehung und des Unterrichts § 28. 5) Schmid, Encyklopädie des Erziehungswesens. länger aus Büchern (er dachte vor allem an die aristotelischen, die er sämmtlich verbrennen wollte) studirt, sondern die Natur selber angeschaut werden. Aus ihren Erscheinungen sei das Gesetz zu folgern. Diese neue Forderung eines induktiven Verfahrens in den Naturwissenschaften machte aus seine Zeitgenosieu einen gewaltigen Eindruck. Jeder Engländer von Bildung und Stand richtete sich ein Laboratorium ein, und Retorte und Schmelztigel waren bei ihnen bald so allgemein, wie heute Rennpferd und Stahlroß. So ward Baco der Urheber aller späteren Erfindungen im modernen England. In die Schule wurden diese Grundsätze von Comenius, dem böhmischen Bischöfe einer protestantischen Sekte, herübergenommen. Er weist in seiner Mutterschule nach, wie sich das Kind schon vom Wohnzimmer aus ein ganz beträchtliches Wissen erwerbe, indem es die Dinge seiner Umgebung aufmerksam betrachte. Diesem natürlichen Verlaufe müsse auch der spätere Unterricht folgen, der jenes erste Wissen zur Grundlage in Geographie, Natur- und Himmelskunde, Zeitkunde und Geschichte, Geometrie und Arithmetik, Musik und Sprachlehre annehme, dürfe ihn aber nicht durch eine auf leere Worte hinauslaufende mechanische Dressur zu ersetzen suchen. Darum sollen die Worte erst dann gelehrt werden, wenn die sie bezeichnenden Sachen bereits bekannt seien. Er verfaßte den ordis pietus, welcher mit Hilfe von Abbildungen zugleich Sach- und lateinische und deutsche Sprachkenntniß beibringen wollte, und erregte damit die Bewunderung und den Eifer der damaligen Welt. Es ist bekannt. daß.Goethe das Werk nicht nur in seiner Jugendzeit benützt, sondern in der Erinnerung daran auch gerühmt hat, und es wurde noch im ersten Drittel unseres Jahrhunderts neu aufgelegt. Mit dem anschaulichen Lehrverfahren in diesem Werke tritt auch die Geschichte der Schulzucht in eine neue Epoche ein. Jüdische Litteraturdrirfe. ii. Ä^ch habe Sie lange auf eine Antwort warten lassen, lieber Freund. Aber freilich, welche Antwort hätte ich Ihnen auch geben können, die Sie sich nicht schon längst gegeben haben. Es muß eben anders werden, soll nicht Alles zu Grunde gehen. Das ist der Grundgedanke, das Leitmotiv und der immer wiederkehrende Refrain in allen Betrachtungen über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Litteratur. Aber wie soll das anders werden? Drei Faktoren verbreiten die Litteratur im Volke: Bücher, Zeitungen und Vorträge. Diese drei Faktoren sind in unserer Zeit zu einer ungeahnten Bedeutung gelangt, und wir müssen uns aller drei bemächtigen, wenn wir einen Einfluß auf die breiten Schichten unserer Glaubensgemeinde gewinnen wollen. Hinsichtlich der Vorträge ist es ja gottlob besser geworden in den letzten Jahren. Ja, es ist sogar ein mächtiger Aufschwung zu verzeichnen, den wir den Litteraturvereinen zu verdanken haben. Es wird immer der Stolz meines Lebens sein, daß es mir beschiedeu war, dieses Werk ins Leben rufen zu können. In mehr als 70 Gemeinden Deutschlands werden heute Vorträge und Diskussionen über Juden und Judenthum gehalten. Die Zahl dieser Vortrüge übersteigt im Verlauf eines Winters 500 und die Zuhörerzahl wohl 6000. Welch ein Erfolg! Und was das Wichtigste ist, die Idee der Litteraturvereine ist in Kreise gedrungen und hat sich. Familien wie Städte erobert, die dem Judentbum bereits sehr entfremdet waren und die den Weg zur Synagoge längst verloren hatten. Diese hören nun