Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 Kchupucht. Von Mittelschullehrer M. Golde in Dresden. I. f ie neuere Zeit hat den Wunsch nach der staatlichen Gleichberechtigung des jüdischen Religionsunterrichtes zu neuem Leben erweckt. Die Regierung überwacht bereits zur Zeit einen Theil der jüdischen korporativen Einrichtungen, sie bestallt oder bestätigt einen erheblichen Theil der jüdischen Beamten und stützt deren schwankendes Ansehen durch ihre Machtfülle, ohne jedoch auch den Geist ihrer Wirksamkeit gu bevormunden. Dieselbe Gunst war auch für den Religionsunterricht angesprochen worden, und zwar aus Gründen, welche die Bedeutung der Schulzucht ins Auge faßten. Da die streitenden Parteien sich vor dem zuständigen Forum der Oeffentlichkeit eingefunden hatten, so wird es vielleicht willkommen fein, über moderne Schulzucht einige Aufklärung zu erhalten. Die Schule der Gegenwart setzt sich die sittliche Erziehung der ihr anvertrauten Jugend zum allgemeinen Zweck. Welcher Art auch ihre besonderen Aufgaben sein mögen, ob sie als Volksschule die fürs Leben allgemein nöthigen Kenntnisse und f^ertiafeiteu zu bieten oder wie die Mittel- und die Realschule eine für bestimmte Berufskreise erforderliche höhere Bildung zu vermitteln wünscht, oder ob sie endlich mit der Propädeutik der Wissenschaften bekannt machen will, wie das Gymnasium; überall ordnen sich die Sonderausgaben jenem allgemeinen Zwecke der Erziehung unter. Diesem ist zum großen Theile auch der Unterricht unterworfen. Derselbe will nicht allein den Erwerb des täglichen Brodes erleichtern, will auch nicht nur das Reich der Wissenschaft erweitern helfen; das Wissen soll, nach dem Worte knowledge is power, zu einer sittlichen Macht werden, welche den Charakter in der Liebe zunr Guten und Edlen kräftigt und ihn mit den nöthigen Mitteln ausrüstet, um für die Wohlfahrt der engeren und weiteren Kreise der Gesannntheit mit Erfolg wirken zu können. Alle diejenigen Mittel, welche geeignet sind, einen solchen Geist und ein solches Streben in dem Kinde heranzuziehen, und die auch insbesondere den Unterricht in diesem Sinne unterstützen, bilden zusammen die Schulzucht. Um ihr inneres Wesen genauer zu erforschen, fragen wir bei den wissenden Töchtern der weisen Urwala an. Die Norue der Vergangenheit, die das Seil der Erdenthaten an den Baum der Erkenntniß vergangener Zeiten knüpft, kann uns erzählen, „wie das ward". Ihre jüngere Genossin schlingt das Gewebe dann um den Fels der Gegenwart und berichtet, „wie das wird". Mag endlich die jüngste der Normen das Seil hinter sich in den dunklen Abgrund der Zukunft werfen, wenn sie uns auch nicht meldet, „wann das wird". Eine Darstellung desWerdeganges unserer heutigen Schulzucht muß mit dem früheren Mittelalter beginnen, denn diese hat sich aus dem Widerstande gegen die Schäden, welche den Schulen des früheren und späteren Mittelalters anhafteteu, heraus entwickelt. Damals lag die Erziehung der Jugend in den Händen der Kirche. In den KlösternJ) besonders der Benediktinermönche gab es (etwa seit 530) Schulen, in welchen die wie Samuel?) dem Herrn geweihten Knaben, die pueri oblati, oft schon von ihrem siebenten Lebensjahre an vollständig erzogen wurden. Später (gegen 750) kamen dazu noch bischöfliche Domschulen. Die zum geistlichen Stande bestimmten Knaben wurde!: bereits in die klösterliche Askese hereingezogen. Die Regel, welche der Bischof Chrodegang von Metz den geistlichen Err) Schumann, Lehrbuch der Pädagogik, und Dittes, Schule der Pädagogik. 2) 1. Buch Sam. 1, 28. ziehern vorschrieb, forderte: „die Knaben und Jünglinge durch feste kirchliche Ordnungen dergestalt in Schranken zu halten, daß der jugendliche Muthwille keinen Spielraum finden könne, um zur. bösen That auszuschlagen". „Die Jahre des versuchungsvollsten Alters sollten sie unter kirchlicher Zucht hinbringen." Diese folgte dem Grundsätze, daß der Mensch von Jugend an zum Bösen neige. Darum war sie tyrannisch hart, und streng, oft selbst barbarisch. In den später eingerichteten „äußeren Schulen", wo Jünglinge aus vornehmen Geschlechtern für ihren Stand herangebildet wurden, konnte zwar der Einfluß der Welt nicht ganz beseitigt werden. Aber auch hier beruhte sowohl Zucht als Unterricht auf dem Prinzip unbedingt herrschender Autorität und unbedingt unterwürfigen Gehorsams. Persönliche Freiheit und selbstwilliges Streben fanden keinen Raum. Um der^eingedämmten Jugendkraft einen Ausweg zu verschaffen, wurden an gewissen kirchlichen Festtagen Spiele gestattet. Diese entsprachen jedoch zumeist der harten Zucht; so warfen sich die Knaben gegenseitig mit Steinen, während sie durch Panzer geschützt waren. — Als infolge der Krenzzüge den Blicken des pilgernden Abendlandes sich neue, wundervolle Fernen eröffueten, als unter ihrem fremden Einflüsse ein freierer Schwung der Thatkraft und eine größere Selbständigkeit des Denkens gegenüber dein Papstthum erstand, da stellte sich neben die Priester-auch die Laienbildung. Doch blieb die völlige innere Befreiung des Geistes von den Fesseln des kirchlichen Autoritätszwanges hinter der äußeren Lockerung derselben noch lauge Zeit zurück, daher schlug die frühere straffe Kirchenzucht am Ende des Mittelalters vielfach in eine maßlose Zuchtlosigkeit um. Ausgestoßene Mönche, verkommene Studenten und entlassene Schreiber drängten sich zum Schuldienste — ein Zustand, der bis in den Anfang unseres Jahrhunderts hinein fortdauerte. Die Autobiographie des späteren Buchdruckers und Schulrektors Thomas Platter schildert uns das Leben des fahrenden Scholaren in jener Zeit. *) Dieser lernte hungern, betteln und stehlen, aber kaum lesen und zog mit großen Scharteken, aber winzigein Wissen von einer Schule zur andern. Das Szepter, unter dem die Schule stand, war die Ruthe geblieben, und sie wurde dem Schulmeister der Stadt bei seiner Amtseinführung feierlich als Amtszeichen überreicht. Noch viel später sagte der berühiute Kauzelredner Geiler von Kaisersburg (gestorben 1510): „Wenn man ein Kind hauet, so muß es dann die Ruthe küssen und sprechen: Liebe Ruth', treue Ruth', wärst Du nicht, ich thüt nimmer gut." Die Reaktion gegen das Poesielose und Unästhetische der mittelalterlichen Gelehrsanikeit war der Humanismus?) Dieser kehrte mit Bewunderung zu den Formen und auch zum Inhalte des klassischen Schriftthums zurück. Man strebte nach künstlerischer Bildung und geistiger Kraftentfaltung, und die herrliche Frucht dieses neuen Strebens war — die Gewinnung der Individualität. Damit drang ein leiser Frühliugshauch der Freiheit auch in die finsteren Schulröume. Man begann sich jetzt darauf zu besinnen, daß die Schule nicht nur eine Standesbildung, sondern auch eine spezifisch menschliche Bildung zu gewähren habe. Die Hieronymianer, eine freie Kirchensekte in Holland und Norddeutschlaud, nahmen die seit Karl dem Großen gänzlich vernachlässigte Volksschule wieder auf, führten hier die deutsche Sprache ein und gründeten auch Mädchenschulen. Aber erst der Reformation war es beschieden, die von ihnen ausgestreute Saat zur Reife zu bringen. Mit wuchtigen Worten wendet sich Luther gegen die Unwissenheit und Zuchtlosigkeit in den Schulen: „Man 0 Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens rc. S. 58. -) L. Geiger, Renaissance und Humanismus in Italien und Deutschland.