Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 über „das Volksschullesebuch uud sein Inhalt"; hier ist bereits ein gewisses Gewicht darauf gelegt, daß auch für den religiösen Theil des Gesinnungsunterrichtes, dem in dem kirchlichen Gesangbuche und dem Katechismus schon eine reiche Lektüre zu Gebote steht, das Lesebuch Sorge tragen soll; wenigstens sollen — wie die Höhepunkte des Weltlebens — so auch die des kirchlichen Lebens, die kirchlichen Festzeiten, von denen zum Theil auf Wochen hinaus die Grundstimmung des kindlichen Gemüths bedingt wird, zu schildern nicht verabsäumt werden. Das Lesebuch hat die erforderlichen Stoffe dieser Art zu bieten. Und nun. meine Herren, sehen Sie sich die neueren' Bücher an, die nach der Falk'schen Zeit erschienen sind, sie alle tragen den einseitig konfessionellen Charakter mehr und mehr zu Tage; so z. B. das Lesebuch von Gabriel und Suppriau, das in sehr vielen Schulen eiugeführt ist. Hinsichtlich der Ausstattung ist es das hervorragendste, das wir in Deutschland besitzen. Ich brauche nur, um in wenigen Worten Sie über das Buch zu informiren, auf die Besprechung desselben von Pfarrer Göbel hinzuweisen: „In dem Buche," heißt es wörtlich, „kommt ein frommer, evangelischer Geist zum Ausdruck." Dieses Lesebuch wird bekanntlich von dem Ministerium in jeder Weise bevorzugt. Das Buch von Keck und Johausen, das dem Minister Falk so anstößig vorkam, erschien soeben in Halle in neuer Auflage als „Lesebuch für mehrklassige Volksschulen." In der Einleitung heißt es: „Unbedingt ist alles ausgeschlossen, was mit der gesunden, evangelisch-christlichen Bildung, die das Ziel aller unserer Volksschulen wie Gymnasien sein muß, irgendwie in Widerspruch zu stehen schien." Ich brauche Ihnen nur meine zwei Seiten laugen Notizen über Lesestücke und Gedichte, die ganz einseitig konfessionell sind, zu zeigen, uud Sie werden mir zustimmen, daß das Lesebuch von Keck und Johausen ebenso im Dienste des Religionsunterrichtes steht wie die ersten Lesebücher, die von unseren Rabbinen verfaßt worden sind. Diese neueren streng, konfessionell zugeschnittenen Lesebücher haben in jüdischen Lehrerkreisen das Verlangen nach Lesebüchern konfessionellen Charakters für jüdische Schulen hervorgerufen; so fordert Ostwald ein besonderes Lesebuch für jüdische Schulen in der Weise, daß ein vorhandenes, gutes Lesebuch als Grundlage benutzt wird, daß aus diesem Buch die Stücke, die ein christliches Gepräge tragen, ausgemerzt und dafür prosaische und poetische Stücke jüdischen Inhalts gesetzt werden. Wenn Sie sich an meine Ausführungen über derartige Hineinarbeitungen gelegentlich der Nathan'schen Bearbeitung von Preuß und Vetter und der Hecht-Blumenfeld'schen von HaesterS erinnern, so werden Sie mit mir einsehen, daß die Gefahr, wieder etwas Unbefriedigendes zu schaffen, sehr nahe liegt und daß eine so gestellte Forderung, die in jüngster Zeit auch der Hannoversche Lehrerverein in Erwägung gezogen hat, abzuweisen ist. Ich komme zu der Grundfrage: Ist überhaupt ein konfessionelles Lesebuch für jüdische Schulen zu schaffen? Die Kollegen, die für ein konfessionelles Lesebuch stimmen, gehen meistens von folgender Erwägung aus: Angesichts des Abfalls und des Jndifferentismus, der sich auf allen Seiten zeigt, sind in der jüdischen Schule in das Lesebuch Stücke aufzunehmen uud zu verarbeiten, die geeignet sind, den Religionsunterricht zu unterstützen. Der Religionsunterricht bedarf dieser Belebung und Ergänzung, um die Begeisterung in dem kindlichen Gemüth zu erzeugen, die es wappnet vor allen Anwandlungen und Anfechtungen im späteren Leben. Der Religionsunterricht kann diese Begeisterung bei der für diesen Unterrichtsgegenstand so knapp bemessenen Stundenzahl, bei der Fülle des Materials, das in diesen Stunden zu verarbeiten ist, nicht immer erregen; da soll denn fördernd und helfend das Lesebuch, als das Lieblingsbuch des Kindes, das Haus- und Lebensbuch, eintreten, um diese Begeisterung kräftig hervorsprießen zu lassen. So herzlich ich jede Gelegenheit begrüßte, die leider so sehr im Schwinden begriffene Liebe zu der Väter Glauben neu zu entfachen, so kann ich mich doch nicht entschließen, die alte pädagogische Forderung, die gerade wir Juden, eben weil wir nur ein Häuflein sind, doppelt zu beachten allen Grund haben, preiszugeben, die Forderung: das Lesebuch soll im Gegensatz zu den übrigen Büchern des Kindes, die dem speziellen Unterricht dienen, „das Bilderbuch des Idealen, die schöne Litteratur des Kindes" sein, wie Horwitz sich ausdrückt. In Rücksicht auf den Erziehungszweck sollen religiöse uud nationale Ideen gewiß reichlich im Lesebuch vertreten sein; es sott auch durch das Lesebuch der Same tiefer, wahrer Frömmigkeit in das kindliche Herz gelegt werden durch eine Reihe von'Erzählungen von Stämmen und Einzelpersonen, die für ihren Glauben zu sterben bereit waren, durch eine Anzahl stimmungsreicher Gedichte, die das kindliche Vertrauen der Menschen zum allgütigen Vater im Himmel zum Ausdruck bringen. Der Stoff zu diesen Erzählungen, die Grundlage der Gedichte mag mehr oder minder der jüdischen Litteratur und Geschichte entnommen sein — aber keinesfalls darf in dem Lesebuch der Zweck der religiösen Belehrung aufdringlich hervortreten, noch weniger darf sich einebesondere religiöse Tendenz breit machen oder dürfen positive Glaubenssätze im Lesebuch gepredigt werden. Durch eine Anzahl von Poetischen und prosaischen Stücken, die die Anhänglichkeit an die heimathliche Flur, an den väterlichen Besitz, an den Schützerdesselben schildern, soll das nationale Element breiten und kräftigen Ausdruck finden, die Liebe zum Vaterland und dem angestammten Herrscherhaus in den jugendlichen Herzen erregt und befestigt werden, aber ohne daß ein politischer Zweck zu Tage tritt. Gerade in der idealeren Belehrungsweise, die das Lesebuch gewährt, liegt ja der Reiz und Zauber, den das Buch auf die Kinder ausübt, und der Einfluß, den es auf die kindliche Entwickelung übt. Nicht ein Religionsbuch, nicht ein Geschichtsbuch darf das Lesebuch werden: Erwärmen und. veredeln soll es das Gefühl des Kindes, es vorbereiten, empfänglich machen zur Aufnahme der herrlichen Güter, die ihm im Geschichtsunterricht als die Folge der staatlichen Ordnung vor Augen geführt werden. Halten die jüdischen Lehrer eine Belebung des Religionsunterrichtes selbst durch eine Anzahl poetischer und prosaischer Stücke nothwendig, so mögen diese Stücke ihren Platz hinter dem biblischen Geschichtsbuch als Anhang finden, oder noch besser: Es möge ein Religionsbuch geschaffen werden, das in seinem ersten Theile eine kurze, der kindlichen Auffassung angemessene Darstellung der Glaubens¬ und Sittenlehre bringt und in seinem zweiten, gleich werthvollen Theile diese Darstellung lebendig macht durch die erwähnten Stücke. Daß auch diese der Altersstufe der Kinder angemessen und in klassischer Sprache abgefaßt sein müssen, brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen. In einem solchen Buche haben als Ergänzung und Klarstellung der eingeprägten Lehren die Schilderung eines Freitagabends im altjüdischen Hause, formvollendete Uebersetzungen von Gedichten hervorragender jüdischer Dichter, Erzählungen und Gedichte zur Verherrlichung jüdischer Märtyrer Platz — in ein Lesebuch, das dem deutschen Unterricht zu Grunde liegt, gehören diese Stücke nicht hinein. Wir müssen vom Standpunkt unserer religiösen Anschauungen als vornehmlichste Forderung an ein Lesebuch, das auch in jüdischen Schulen gebraucht werden soll, diejenige stellen, daß sich in ihm nichts finde, was irgendwie unser religiöses Gefühl verletzen könnte.