Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 Jeder rechte Sohn der Civilisation, jeder warme Kulturfreund wird es mit uns beklagen, wenn immer von Neuem und von allen Seiten Zündstoffe herbeigetragen werden, um die sogenannte „Judenfrage" nur ja in Flammen zu halten. Ein fertig ausgebauter Kulturzustand wird keine Judenfrage mehr kennen. Es ist nur Master auf die Mühle der allerschlimmsten Radau-Antisemiten, wenn selbst augenscheinlich wohlwollende Judenfreunde sich in allerlei Lösungen der „Judenfrage" versuchen. Herr Arthur Bonus ist denn heute auch bereits eine Autorität der Antisemiten, die sich freudig auf die „Preußischen Jahrbücher" berufen und mit Stolz „das ausnahmsweise sehr richtige Urtheil über den Antisemitismus" abdrucken, welches lautet: „Der Antisemitismus geht bei seinen hervorragenderen und edleren Führern mit einem hohen Grade nationaler Begeisterung zusammen. Diese Begeisterung ist bei den Einem seine werbende Kraft, bei den Anderen seine Selbstrechtfertigung." Herr Pastor Bonus versucht ja auch in seinen Briefen seiner jüdischen Korrespondentin harmlos „zu einem gerechteren Urtheil über den Antisemitismus" zu verhelfen. Wir aber müssen sein Wort: „Schützt Euch vor Euren Freunden vor Euren Feinden wollen wir Euch schützen" — auf ihn selbst anwendeu und förmert ihn höchstens zu den Freunden zählen, vor denen wir uns schützen müssen. Die Lesebnchfrage in jüdischen Schulen. Vortrag, gehalten in der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" von Rektor Dr. S. Adler. (Schluß.) ir kommen nun an das Ende der sechziger Jahre. Es wird Ihnen in Erinnerung sein, welche ganz andere Tendenz sich damals kundgab, eine Tendenz, die auch auf die Abfassung der Lesebücher ihre Wirkung äußerte. Was Horwitz bereits 1850 ausgesprochen hatte, was Dr. Klette in der Vorrede zum Lesebuch von Auras und Gilerlich 1862 zum Ausdruck brachte, wurde die herrschende Meiiillng in pädagogischen Kreisen in den letzten Jahren des Mühlerschen Regimes. In der erwähnten Vorrede älißert sich Dr. Klette: Durch das Lesebuch soll das Nachdenken geweckt, das Gefühl vertieft, der Wille gekrästigt und von dem Irdischen zum Himmlischen geführt werden. So wird das Lesebuch, ohne positive Glaubenssätze zu predigen, doch wahre Religiosität fördern, die Liebe zum deutschen Vaterlaude in den jugendlichen Herzen beleben und befestigen. Außer einem Weihnachtsliede finden Sie in dem Auras und Gnerich'schen Buche nichts, was das Gemüth eines jüdischen Kindes irgendwie unangenehm berühren könnte. In den sechziger und siebziger Jahren sind eine große Anzahl Lesebücher in dieser Richtung erschienen. Ich erwähne nur: Das Berliner Lesebuch, Wetzel und Büttner, Engelien und Fechner und viele andere. Alle diese Lesebücher haben die Tendenz, sich von dem Konfessionellen frei zu halten. Engelien und Fechner weisen ausdrücklich in der Vorrede zu ihrem „Deutschen Lesebuch" darauf hin, daß zwar bei der Auswahl der Lesestücke religiöse und nationale Gesichtspunkte maßgebend gewesen sind, „mit Vorbedacht ist jedoch alles Konfessionelle vermieden". Völlig ist ihnen freilich dies nicht gelungen. Die Richtung, die die Verfasser dieser Lesebücher verfolgten, fand ihren amtlichen Ausdruck in den „Allgemeinen Bestimmungen" vom 15. Oktober 1872. Es heißt in denselben: „Die Auswahl der einzuführenden Lesebücher ist unter denen zu treffen, welche den erziehlichen Zweck der Schule fördern. Es verdienen diejenigen den Vorzug, welche sich von kirchlichen und politischen Tendenzen frei halten. Für Schulen, welche von Kindern verschiedener Konfessionen besucht werden, sind möglichst solche Lesebücher zu wählen, welche keinen konfessionellen Charakter tragen. Aus den bereits eingeführten Lesebüchern sind diejenigen Stücke in den Religionsunterricht zu verweisen, die einen konfessionellen Inhalt haben." Der Minister untersagt nicht den Gebrauch von einseitig konfessionellen Lesebüchern, beschränkt ihn aber durch die ausdrückliche Bestimmung, daß diejenigen Schulen, in denen Kinder verschiedener Konfessionen unterrichtet werden, kein Lesebuch gebrauchen dürfen, das einen solchen Charakter trägt. Dieses Streben geht noch aus weiteren Bestimmungen des Kultusministers hervor und zeigt sich z. B. in der Vorschrift über den Gebrauch der Lesebücher in den einzelnen Provinzen (Ministerialerlaß vom 18. Mai 1876). Es heißt daselbst, daß zu beseitigen ist das Lesebuch von Keck imd Johansen sowie alle diejenigen, die einen einseitig konfessionellen Charakter tragen. Es sind solche Bücher zu wählen, welche in der Form korrekt und sich von kirchlichen und politischen Tendenzen frei halten. Es wird den Provinzial - Schulkollegien ans Herz gelegt, darauf zu achten, daß alle die Stücke fortbleiben, die die Angehörigen einer anderen Konfession verletzen können. Der Kultusminister wiederholt diese Mahnung in einer anderen Verfügung am 9. November 1876, infolge einer Beschwerde eines westfälischen Dechanten. Diese Strömung fand freilich ihr Ende mit dem Ausscheiden des Ministers aus dem Staatsministerium. Derselbe Geheimrath Schneider, der der geistige Urheber der „Allgemeinen Bestimmungen" wie dieser Verfügungen ist, schreibt in seinem Buche „Ueber das Volksschulwesen im preußischen Staate" (III, 468): Die von 1872—1879 bezüglich des konfessionellen Inhalts der Lesebücher festgehaltenen Gesichtspunkte haben seither eine Modifikation erfahren. Aus Anlaß eines Spezialfalles wurde schon am 15. April 1880 verfügt: „Ich halte fest, daß ein für paritätische Schulen bearbeitetes Lesebuch auch nur in solchen einzuführen ist, und daß in katholischen und evangelischen Schulen Lesebücher zu gebrauchen sind, welche dem religiösen Standpunkte des Lehrers und der Kinder entsprechen." Seit dieser Verfügung hat sich die Unterrichtsverwaltung von dem Falk'schen Standpunkt noch um ein Beträchtliches entfernt, und heut bevorzugt sie wieder solche Lesebücher, die einen ausgeprägten konfessionellen Charakter zeigen. Auf dem Standpunkte Falls steht Stein, der 1878 ein „Deutsches Lesebuch für israelitische Schulen nach dem Lesebuch des Hessischen Lehrvereins" bearbeitet hat. Es steht recht wenig spezifisch Konfessionelles darin; unsere Religion ist bei dem Wenigen entschieden zu kurz gekommen. Ueber Luther finden sich vier Seiten, aber für Moses Mendelsohn hat Stein nur eine Seite Raum; recht dürftig und nicht immer historisch richtig ist die Geschichte der ältesten israelitischen Gemeinden in Deutschland geschildert. Trotz dieser Mängel ist meines Erachtens das Stein'sche Buch das beste, das bisher für jüdische Schulen geschrieben wurde. Die wissenschaftliche Pädagogik hat die schulpolitischen Strömungen der letzten Jahrzehnte getreulich mitgemacht. Dittes. der in den siebziger Jahren seine Pädagogik geschrieben hat und dessen schulpolitischen Standpunkt ich Ihnen nicht auseinander zu setzen brauche, schreibt wörtlich: „Das Lesebuch ist das Schiff, welches den Kindern die hochdeutsche Sprache zuführen soll, es soll ein Magazin der verfeinerten Muttersprache sein", von einem Hinweis auf die Bedeutung des Lesebuchs für die religiöse Heranbildung des Kindes ist bei ihm keine Rede. Sehen Sie sich aber die neueste Phase der Pädagogik daraufhin an. Im vorigen Jahre erschien in Re in's „Handbuch der Pädagogik" ein Aufsatz vom Seminarlehrer Pickel