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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-10 · Heft 15 (10.4.1896) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Wie traurig, tief traurig wäre es, wenn es wirklich weite gebildete jüdische Kreise gäbe, die nur aus jenen Gründen vor - dem Abfall vom Judenthum zurückgehalten werden und dem angestammten Glauben nicht aus festerer Ueberzeugung, nicht hingebungsvoller anhängen und nicht inniger mit der glorreichen Vergangenheit des Judenthums verwachsen wären! Traurig, tief traurig ist es; schon, wenn selbst nur vereinzelte „aufgeklärte" Juden dem Judenthum so fern stehen und so wenig mehr mit seinem geistigen Inhalt vertraut sind, daß sie ein Kokettiren mit einem sich gleichfalls „aufgeklärt" nennenden Salonchristenthum — aus rein äußerlichen, gesellschaftlichen Gründen, für etwas anderes als charakterlos oder doch charakterschwach halten. Der Wortführer der „Preußischen Jahrbücher" sucht mit wässerigen Gründen jenen drei Einwendungen entgegenzutreten, was aber hält er schließlich selbst denen, die sich für überhaupt zu wenig religiös noch halten, entgegen? „Betrachten wir den Uebertritt eines Juden als Kindertaufe, d. h. als kirchliche Feier der Versicherung, den christlichen Einflüssen sich nicht entziehen zu wollen"! Werden sich noch mehr Pastoren mit einem so an- . genommenen Christenthum begnügen? — Sehr geschickt wird zunächst die Germanisirung verlangt, Germanisirung der Polen, Dänen, Franzosen und Juden, oder ihre Ausweisung! Ausweisung? Auch der Deutschen in Frankreich, England Holland, wenn sie dort nicht zu Franzosen, Engländern, Holländern werden?!? Ausweisung der Dänen und Juden, wenn sie sich nicht germanisiren! Also immer noch die unberechtigte Gegenüberstellung von Deutschen und Juden, anstatt von Juden und Andersgläubigen. Bedarf es immer noch der Beweisführung, daß der Israelit, der in Deutschland geboren und erzogen ist und hier alle Phasen seiner eigenen geistigen Entwickelung, wie der Entwickelung seiner vaterländischen Geschichte durchlebt, gar nicht anders sein kann als deutsch; warum soll er durchaus auch Christ sein müssen? Arthur Bonus antwortet schlankweg: Weil „die Germanisirung der Juden nur durch eine Christianisirung hindurchgeht". Diese Forderung ist einfach unverständlich. Giebt es denn wirklich einen „deutschen Christus"? (Seite 436). Sind die Russen, Italiener, die Franzosen nicht ebenso gute Christen wie die Deutschen? Wie kann da im Christenthum eine Gewähr für das Dmtschthum liegen? Und wäre wirklich die nationale Gesinnung von spezifisch christlich religiöser Gesinnung abhängig, wie viele Tausende von gebildeten Deutschen, die dem. Christenthum entfremdet und sich innerlich von ihm losgesagt haben, ..müßten dann wohl gleichfalls des Landes verwiesen werden? Der jüdische Deutsche liebt sein Vaterland und seinen König wie der christliche, aber weil er sich im Punkte des Glaubens zu einer Religion bekennt, die dem Christenthuni vorangegangen, weil er einer Rasse entstammt, die auch noch ihre eigene Geschichte hat — genau, . wie jeder einzelne der im deutschen Reiche vereinten Stämme auf seine besondere historische Vergangenheit zurückblicken kann — weil der religiöse jüdische Deutsche in den Tempel geht, wie der religiöse christliche in die Kirche (oder der unreligiöse Jude so wenig in den Tempel wie der unreligiöse Christ nicht in die Kirche), bringt man es fertig, ihm — nicht aus Antisemitismus, nicht aus Judenfeindschaft, nein, aus Freundschaft — zuzurufen: Ausweisung oder Taufe! Warum? Was ist es, das die Juden vom deutschen Volksthum trennt? Herr Bonus sagt: Ihre „Vergangenheit"! „Was thun wir. um die Vergangenheit des Judenthums unwirksam zu machen"? „Ihre eigene Vergangenheit betrachten (die Juden) mit Pietät und Liebe. Unsere — christliche — Vergangenheit wird von Seiten der ihrem Volke entstammenden Journalisten und Agitatoren nur mit verletzendem Hohn behandelt." „Wir unsererseits, so weit wir davon entfernt .sein mögen, mittelalterliche Zeiten und Zustände zurückzuwünschen, wir lieben es als unsere Jugend." — — Gut. Nur wir Juden dürfen also unsere Vergangenheit nicht als Jugend liehen? Aber Pastor Bonus, der so feinsinnig die Religion als „geistigen Gemüthsgehalt eines Volkes, als sozusagen seine Persönlichkeit, seine Individualität" definirt, bestreitet uns ja eben dieses Recht auf unsere geistige Individualität, auf das höchste und kostbarste Gut des Kulturmenschen. Die Juden sind Individuen; selbst wenn sie eine Nuance semitischer- Eigenart bewahren, so ist das nicht zum Schaden der Kultur, deren eifrigste Pioniere sie stets gewesen. Die jüdischen Charakterköpfe eines Lassalle und. Laster nehmen sich in der Geschichte des modernen Kulturlebens so uninteressant nicht aus und haben vielleicht gerade durch ihre spezielle Eigenart und spezifische ererbte Begabung im öffentlichen Leben anregend und befruchtend gewirkt. Die gesetzgeberische Arbeit eines deutschen Reichstags kanil nur gewinnen, wenn in demselben innerlich verschiedene Naturen, wie etwa Graf Kanitz und Ludwig Bamberger, ihre Anschauungen kreuzen. Aber abgesehen von dieser für den Kampf um Kulturziele imr nützlichen, besonderen Nuancirung in jüdischen — dabei jedoch nicht minder deutschen — Köpfen und Charakteren, wird der Unterschied zwischen einem gebildeten Christen und einem gebildeten Juden — den Kulturzwecken gegenüber — kein erheblicher sein können. Kein gebildeter Jude kann heute ein anderes Kulturideal besitzen als der gebildete Christ. Christenthum fällt nicht mehr mit Bildung zusammen, es giebt keine spezifisch christliche Bildung mehr. Wer ist Christ? Das wäre noch zu untersuchen, denn der Begriff ist kein so durchweg feststehender mehr. Allein für die Sache auf die es uns hier ankommt, erscheint es völlig unnöthig, zu einem weiten kulturhistorischen Rückblick auf die Geschichte und die Entwickelung der Religionen auszuholen, etwa uni das Auf- und Niedersteigen in der Geschichte der Entwickelung des Glaubens und die einzelnen Stadien zu kennzeichnen, die auch das Christenthum durchlaufen hat, ehe es zu den Variationen gelangt ist, in denen es heute, — je nachdem, von mehr oder weniger dogmatisch Gläubigen — bekannt wird. Es ist nicht unsere Aufgabe zu untersuchen, wo das Christenthum heute hält und wohin es auf dem Wege der unabweisbaren Weiterentwickelung etwa noch gelangen dürfte. Ganz unabhängig von dem Verhältnis des Christenthums zum Judenthum sollte allein schon die Thatsache, daß die Religion aufgehört hat, eine selbständige, weltbeherrschende und der Welt gebietende Macht zu sein und sich mehr zu rein individueller, seelisch-intimer Empfindung und Auffassung des Einzelnen vergeistigt und verinnerlicht hat, hinreichen, um vor Unduldsamkeit jeder Art zurückzuhalten. Der Vergleich mag nicht erhaben genug sein, aber wie es l jedem Deutschen frei steht, seine eigene künstlerische Ueberzeugung zu haben, so darf man nicht von ihm fordern, auf eine bestimmte religiöse Ueberzeugung vereidet sein zu müssen. Mögen die Einzelnen diesen oder jenen künstlerischen Schulen sich anschließen, diesem oder jenem religiösen Systeme sich zu neigen, dem Staate muß es gleichgiltig sein, ob der Eine als Jude oder der Andere als Christ selig werden will. Gewiß, die Regierung als Geschäftsführerin der Nation wird stets und mit vollem Recht die Religion als heilbringend und als Heiligthum der Individuen schützen, auch wohl begünstigen, wie sie auch Kunst und Wissenschaft schützt und pflegt, nimmermehr aber darf der Staat eine bestimmte Religion zum Prüfstein der nationalen Gesinnung machen und sie diktatorisch als alleinseligmachend proklamiren, in einer Zeit zumal, wo die Religion an sich zu einem viel umstrittenen Problem geworden ist. Der Stahlsche Begriff des „christlichen Staates" ist mehr oderweniger überwunden und die Trennung von Kirche und Staat eine latente, zusehends immer stärker ins Volksaewußtsein dringende Forderung großer politisch fortgeschrittener Parteien aller Länder.

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