Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 Landes für Kultuszwecke mehr statt; den atlmälig zunehmenden Mehrbedarf hätte also fernerhin jeder Neligionsverband durch Umlagen ausschließlich seiner Bekenntnißaugehörigen selbst aufzubringen. Minderbemittelten fällt die Zahlung einer Kultusumlage von auch nur 1 Mk. oft schwer; § 4 sieht daher jährlich 3 pCt. für „Nachlässe aus Billigkeitsgründen" vor. Die Rentmeister würden gleichzeitig mit den Staatssteuern. Bezirks- und Gemeiudezuschlägen auch die Kultusumlagen erheben; eine besondere Veranlagung wäre ausgeschlossen: als Umlagemaßstab gelten nur die unmittelbaren Staatssteuern. Den Konsistorien bliebe es unbenommen, diesen Umlagemaßstab auch für rein örtliche Kultusumlagen zu beantragen. — Eine Austrittserkläruug wird (817) dadurch unwirksam, daß man persönlich oder durch Familienangehörige die Kultuseinrichtungen fortbenutzt; hierzu wird auch der Religionsunterricht der von der bürgerlichen Gemeinde besoldeten Elementarlehrer gerechnet. — Der Voranschlag oder die Verwendnngsart der allgemeinen Landesumlageu würde, wie in Baden, einen Monat vor Einberufung der Steuershnode in jeder Synagoge allen Betheiligten zur Einsicht und Abgabe etwaiger Erinnerungen auferlegt werden (8 13). Wir wollen nicht unterlassen, diese Gesetzesskizze jetzt schon der Besprechung zu unterstellen, damit Verbesserungsvorschläge rechtzeitig formulirt werden können. £ Aus Algier kommen endlich bessere Nachrichten. Während wir bisher nur von den Erfolgen der Antisemiten in ihrem Kampfe gegen das Bürgerrecht der Juden in dieser französischen Kolonie zu berichten hatten, ist jetzt endlich durch das Eingreifen der Gerichte ein Stillstand eingetreten. Eine große Anzahl von jüdischen Bürgern, denen das Bürgerrecht durch einen Willkürakt der algerischen Präfekten entzogen werden sollte, weil diese Herren sich vor dem Terrorismus der antisemitischen Schreier und Vereine beugten, ist es gelungen, vor den Friedensrichtern ihre gesetzlichen Ansprüche nachzuweisen und sich ihr Wahlrecht zu erhalten. So sind von 1800 Streichungen nur 436 definitiv geblieben, in der Provinz Oran von 520 Streichungen sogar nur 43 bestätigt worden. Uebrigens plant man in Paris die Errichtung eines jüdischen Schutzkomitees, das sich der Rechte der algerischen Israeliten annehmen soll. „Khylock: Zur Iudenfrage". Von Maximilian Stein. Märzheft der „Preußischen Jahrbücher" plaudert Pastor >3/ Arthur Bonus über „Shylock, zur Judenfrage", und die „Konsequenzen", die der Herr Pastor „aus der Behandlung des Problems des Juden bei Shakespeare für unsere heutige Judenfrage zieht", sind von so bemerkenswerther und symptomischer Bedeutung, daß es angezeigt erscheint, uns hier mit den Ausführungen des von Hans Delbrück herausgegebenen Blattes zu beschäftigen. Diese konservative Zeitschrift spiegelt die Anschauungen weiter und einflußreicher Kreise wieder, und verdienen die in dem Aufsatz niedergelegten Ansichten um so eher unsere Beachtung, als sie den Anspruch erheben, von durchaus voruriheilslosem Wohlwollen für die Jndenheit inspirirt zu sein. Pastor Bonus leitet seine Darlegungen damit ein, daß er „das religiöse Motiv", „dasaus der Geschichte herauszuholeueine vollendete Thorheit sei", als treibende und ausschlaggebende Kraft hinstellt, um alle sozialen kulturschöpferischeu Motive nur als untergeordnete Parallelbewegnng, gleichsam als Hilfsmotive der Religion gelten zu lassen. Und unter Religion kann Herr Pastor Bonus nur die christliche Religion verstehen. Uns Juden wird es sicherlich zuletzt einfallen, das religiöse Motiv in seiner Kraft und Größe zu leugnen oder auch nur abzuschwächen, dennoch ist es kaum noch möglich, sich gegen die Wahrnehmung zu verschließen, daß in unserer Zeit das religiöse Motiv theilweise abgelöst und verdrängt worden ist durch das, was wir gemeinhin als soziales Motiv bezeichnen. Die sozialen Motive haben sich aus der Verschmelzung mit den religiösen selbständig losgelöst und überwiegen vielleicht die letzteren, weil sie sich an die allernächsten und allerdringendsten Jnteresien der Lebenden wenden. Sofern die alten Religionsstifter auch Sozialpolitiker waren und in positiven, das irdische Leben der Menschen regelnden Gesetzen um deren Wohlergehen hienieden besorgt waren, begegnen sie sich vollkommen mit gewissen Sozialpolitikern von heute, die uun, unabhängig von der Frage der Religion, die Frage des Wohlergehens der Menschheit als ein Rechenexempel, als eine selbständige Wissenschaft handhaben. Die sozialen Ideen geben heilte das Leitmotiv der kulturellen Bestrebungen überhaupt ab, und wie sehr auch die Gesammtkultur und Civilisation der religiösen Motive als ethisch starke Triebkräfte und als erzieherische Elemente nicht wird entrathen können, so sind doch Kultur und Religion nimmermehr wie ehedem zu identifiziren; ja, Pessimisten sind eher wohl geneigt, Religion und Kultur jetzt in einen gewissen Gegensatz zu einander zu bringen. Man braucht nicht in Betrachtungen über gewiste kulturfeindliche und kulturmörderische Epochen und Thateu eines falsch verstandenen Christenthums zu verfallen, um die großen und unsterblichen Verdienste des Christeilthums um Bildung und Civilisation uneingeschränkt, herzlich und dankbar anzuerkenneil, ohne jedoch zuzugestehen, daß heute noch von einer geltenden ausschließlich christlichen Kultur und ausschließlich christlichen Bildung die Rede sein muß, wie dies bei Herrn Arthur Bonus der Fall ist. Herr Pastor Bonns zieht denn auch bald den Schluß, daß die Juden, „sofern sie nicht in die christliche Bildung hinein verflochten", als fremdes Element zu betrachten sind. Ausscheidung — oder völlige Assimilation — im Christenthum, das ist die weitere Konsequenz, die der Verfasser mit der freimüthigeu Formel deduzirt, „daß ohne Religionswechsel eine ehrliche und ganze Assimilation (im Deutschthum) ausgeschlossen ist." — Diese Deduktion allein spricht eher gegen als für eine im Christenthum monopolisirte Kultur. Der den Juden aus Freundschaft ertheilte Rath zur Taufe ist nicht neu. Hier wird er uns — in den in Form eines Briefwechsels mit einer freisinnigen Jüdin niedergeschriebenen Darlegungen des Herrn Pastors — in so' geistreicher nnd fast blendender Argumentirung und mit einer den Juden so überaus wohlwollend zulächelndeu Miene gegeben, daß er vielleicht wirklich etwas Bestrickendes haben könnte für jene jüdischen Kreise, deren Zusammenhang mit dem Judenthum ein nur noch sehr loser und rein äußerlicher ist. In diesen Kreisen, die sich rühmen, „in die christliche Kultur aufgegangen zu sein", und die, wie Herr Bonus behauptet, „durch keine eigentlichen inneren Gründe mehr von einem Religionswechsel zurückgehalten werden", will der Herr Pastor auf nur noch folgende drei gewichtige äußere Gründe gegen die Taufe gestoßen sein: I. Die Behauptung, daß das jüdische Dogma vernünftiger sei als das christliche. II. Die Furcht, daß die Thatsache des Antisemitismus jeden Uebertritt als Fahnenflucht zeichne. III. Das Bekenntuiß einzelner Juden, daß ihr religiöses Gefühl überhaupt, zu schwach sei, um für einen Religionswechsel auszureichen.