Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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167 und kaum Einer empfand das Gebet als Talisman. Einen Augenblick nachher erhoben sich Alle wieder, da Mosche Grinwitz, in sein TaMH (Gebetmantel) gehüllt, sich anschickte, vom Almemor (Plattform) hinabznfteigen, in seinen Armen die Gesetzesrolle tragend, die eben ehrfurchtsvoll mit der „Wimpel" umwunden und andächtig mit dem gestickten Mäntelchen und den schmückenden Glöckchen und Lesezeiger versehen worden war. Da, gerade als Mosche Grinwitz mit seiner heiligen Bürde noch auf dem Almemor stand, erschreckte noch ein Blitz und Donnerschlag die Andächtigen. Und Mosche's Anne zuckten erregt und ein schrecklicher Gedanke durchkreuzte sein Hirn. „Gott! Wenn er die heilige Gesetzesrolle fallen ließe!" Bei diesem entsetzlichen Gedanken erzitterte er noch inehr. Das „Sepher Thorah" ist dem Juden eines seiner heiligsten und kostbarsten Besitztümer, und in der Gemeinde „Liebe und Barmherzigkeit" wurde das „Sepher Thorah", als ihre einzige, wenn möglich mit noch größerer Liebe und Verehrung betrachtet. Sie waren zu arm, um sich größeren Luxus gestatten 311 können, und so war diese einzige Rolle das wahre Symbol und Siegel ihrer Brüderlichkeit; auf ihr beruhte ihre Existenzberechtigung als Gemeinde. Nicht als ob sie durch den Fall „Possnl", d. h. untauglich und unvollkommen werden würde; der Fall hätte nur einige der so sorgfältig auf Pergament geschriebenen Buchstabeil verlöschen können; doch das Unglück würde trotzdem entsetzlich und verhängnißvoll sein. Jeder der Anwesenden würde sich einen ganzell Tag lang von Speise und Trank enthalten müssen, als Zeichen feierlicher Trauer. Mosche fühlte, daß, wenn die Idee, die durch sein Gehirn fluthele, sich verwirklichen würde, er niemals den Muth finden würde, seinem frommen Weibe nach solcher Entweihung wieder in die Augen zu sehen. Auch in den Augen der Gemeinde, die ihn so geehrt hatte und. jetzt darauf harrte, andächtige Küsse auf den Mantel der Thora-Rolle 31t drücken auf ihrem Weg zur heiligen Lade, würde er durch solch ilachlässige Ausübung einer Pflicht, die als ehrlvürdiges Privileg galt, degradirt worden sein. All' diese Gedanken, mehr instinktiv gefühlt wie klar empfunden, veranlaßten Mosche Grinwitz, die heilige Rolle, die um ein Weniges seinen Kopf überragte, fest in seine Arme zu schließen. So sicher vor der Gefahr zu fallell, uiachte er einen Schritt vorwärts, aber dumpf tönten die Glocken vor seinem Ohr — und als er die Plattform hinuntersteigen wollte, überkam ihn eine furchtbare Ahnung, daß er straucheln und fallen würde. Mit krankhafter Sorgfalt schritt er eine der Stufen herunter, aber ach! das Gefühl, daß keine Macht der Erde seinen Fall hindern könne, wuchs riesengroß in ihm, die Luft war mit etwas Schrecklichem und Boshaftem erfüllt, und der Aufruhr der Natur schien ihm der Vorläufer desselben zu sein. Und jetzt wurde dies Gefühl noch schrecklicher! Die Ueberzeuguug von der über ihm schwebenden Katastrophe verwandelte sich in den Wunsch, handelnd in sie einzugreifen und fertig mit ihr 311 werden. Seine Arme lösten sich von dem „Sepher Thorah". Oh! wenn er dies Ding nur auf die Erde werfen könnte, nein, darauf treten, schreckliche Gotteslästerungen ausstoßen und diese dunkle Wolke, die aus ihm zu liegen lind ihn zu ersticken schien, von sich schütteln könnte! Einletzter Rest von Willen, von Vernunft rang mit seinen wilden Wünschen. Der Schweiß troff in Strömen von seiner Stirn. Vor einem Augenblick hatte er die Thorarolle ergriffen, aber ihm schien es'Jahre her zu sein. Sein Fuß zauderte zwischen der ersten und zweiten Stufe, als ein seltsam Ding sich ereignete. Gerade durch den schmalen Spalt im Oberlicht drang ein flüchtiger, weißer Flammenstrahl so blendend, daß die Andächtigen ihre Augen schlossen, dann erschütterte eine lange Reihe schrecklicher Schläge das Zimmer wie mit dämonischein Gelächter, und als die Gläubigen wieder zu sich kamen und ihre Augen öffneten, sahen sie Mosche Grinwitz fast erstarrt auf den Stufen des Almemor's sitzen, seine Hände hielten krampfhaft die Enden seines Gebetmantels, während das „Sepher Thora" im Staube auf der Erde lag. Während eines Augenblicks konnte Keiner vor Schreck sprechen oder sich rühren. Schreckliches, athemloses Schweigen herrschte, nur durch das tolle Prasseln des Regens mif dem Dach und an den Fenstern unterbrochen. Die Schleusen des Himmels schienen geöffnet zu sein, und durch die fatale Spalte brach ein wahrer Wasserfall hindurch. Fast antomaienhaft zog der Schammes an der Schnur und schloß das Fenster. Das brach bcn Baun, und ein Dutzend Männer, deren schwärzliche Gesichter die Verachtung noch verdunkelte, eilten auf die entweihte Thorarolle hinzu, während ein Gesumme von abgerissenen Klagetönen aus jeder Ecke erscholl. (Fortsetzung folgt.) Chorne;. Ernst und Scherz ans dem Sauertopf. Von Georg Minden. #ochgeehrter Herr Redakteur! Sie hatten mich neulich um meine und um die Meinung der Lehrabtheilung des D. I. G.-B. betreffs des obligatorischen Religionsunterrichtes gefragt; ich hatte eben die Feder ergriffen, um Ihrem Wunsche nachzukommen, und wollte, wie es im Jüngsten Reichsabschiede von 1654 heißt, „kurz, nervöse und deutlich" die verlangte Auskunft geben. Indessen giebt es Stoffe, welche sich zu dieser Behandlung nicht eignen, obgleich sie die rührigsten Menschen nervös machen können, und zu diesen gehört der gedachte, in keinem Pandeltenhaudbuche behandelte Theil des Obligatiouenrechts. So fingen denn, trotz der eingetauchten Feder, meine Gedanken au, spazieren zu gehen und sprangen von dein Religionsunterricht auf die konfessionelle Volksschule, von dieser auf konfessionelle Mädchengymuasien und standen unversehens vor einem großen Fragezeichen: Erhält die israelitische Jugend in Deutschland überhaupt zur Zeit eine vernünftige Erziehung? Auf diese verzwickte Frage fanden sie eine sehr klare, aber wieder zu neuen Fragezeichen führende Antwort: Ehe man weiß, ob die Erziehung vernünftig ist, muß man wissen, zu welchem Berufe und 311 welcher Lebensstellung mau die Kinder heranzubilden hat! Und damit war ich denn wieder zur Tagespolitik gekommen, besonders zu dem preußischen Gesetzentwürfe über die AnstelluugderRichter inPreußen mit seinem Paragraph8,derzwischen Gerichtsassessoren und gerichteten Assessoren unterscheidet. Auf diese Weise wäre ich nun wohl überhaupt nicht zum Schreiben getätigt, wenn es nicht geklingelt und der neu zugezogene, mit den mannigfaltigen Verhältnissen Ihres Briefstellers noch nicht vertraute Dienstbote gemeldet hätte, „der Bote ist da von Mariechen Rein". Mariecheu entpuppte sich leider als ein Mädchen von überkanonischem Alter, der selbst auf der allerkonfessionellsten Hochschule das Reifezeugniß nicht versagt worden wäre: Sie ist zwar nicht ganz so alt, wie der oben gedachte Jüngste Reichsabschied, ha^ aber doch schon meinem seligen Großvater als Junggesellen vergnügte Stunden bereitet und führt seit zwei Jahren mit Genehmigung des Königlich Preußischen Ministern in Parenthese den weltlichen Zllsatznamen „Verein zu gegenseitiger Hilfe". Sie werden errathen haben, daß es sich um unsere 92 jährige Freundin Magine Reim handelt, von welcher ich^Jhnenschon früher einmal*) ein Menu aus der Zeit der Kontinentalsperre geliefert *) Jahrg. 1893 Nr. 12