Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-03 · Heft 14 (3.4.1896) · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228163--52706-3258343
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

166 Studien und Kritiken 1836, 3. Heft, das Beste und Gediegenste, was bis jetzt, allerdings vom gegnerischen konservativen Standpunkt aus, darüber geschrieben worden, und dennoch kann kein Titelchen. den Resultaten, den wesentlichen nämlich, entzogen werden. Aber, lieber Freund, wie hoch steht die christliche Theologie in allen ihren Systemen, wie hält sie immer gleichen Schritt mit der Wistenschaft, und die jüdische — kriecht immer altklug herum. Freilich, die Vorarbeiten fehlen noch ganz und überall gehen schon die Leute mit dogmatischen, aufbauenden, konservativen Systemen schwanger; laßt uns doch erst einmal tüchtig das kritische Messer gebrauchen und die Kritik mit wisienschaftlicher Begründung üben. Laß uns, mein Lieber, doch erst recht scharf philosophisch und geschichtlich prüfend die einzelnen Bestandtheile des Judenthums in Bezug auf Urkunden und in Bezug auf bestehende Resultate untersuchen und noch nicht vom Schmerze, den die entstehende Leere erzeugt sprechen, und uns in diesem sagen: Fiat Justitia, pereat mundus, und die jüdische Welt, nun, sie ist wahrlich klein genug. Aber die Arbeit ist dringend, und lege auch Du nicht die Hände für sie> in den Schoß; daß Du es nicht im Allgemeinen thust, versteht sich von selbst. Schreibe gründlich, unverdeckt, aber ruhig; Du stehst ja frei, und wahrlich es ist besser, niemals Rabbiner zu werden und die Wirksamkeit in niederer Sphäre aufzugeben, als die in höherer aufzngeben, wenn man dazu so vollen Beruf hat. Jedoch dies ist blos so hingeworfen, nur eine kräftige Anregung sollen sie sein; Gelehrsamkeit, beziehe sie sich, worauf sie wolle, ist gut. aber fruchtbar ist sie nur, wenn sie gehörig verarbeitet und auf den rechten Punkt hingelenkt wird. Auch ich thue freilich nicht das Rechte gerade und mache mir Vorwürfe darüber, ich arbeite zu viel Einzelnes, als daß ich etwas Ganzes, Gediegenes liefern könnte, und zu jenem zwingt mich die Zeitschrift, die ich nun einmal für nützlich, für vorbereitend, für anregend, Kühnheit lehrend, manchen Wink gebend halte und die ich daher fortzuführen für Pflicht halte. Das Weitere wird die Zukunft lehren. Gott behüte Dich, mein Lieber, und möge das Judenthum in Dir einen Kämpfer finden für seine und der Menschheit wahrhaften Interessen. Die Reform steht vor der Thüre, sie wartet auf das Geleite wahrhafter Männer, zeige Dich, Du wirst Andere finden, die sich Dir anschließen. Ich bin auch unter ihnen; Dein Geiger. i—~ --- —-- i—i i-' [miflMüira iMMWM 1 FEUILLETON 1 3 --1 1— ü nikunrmdHigy? MWMML ... Der Katarr. ^Erzählung von I. Zangwill. Z Antorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell. Lasso nicht die böse Begierde Herr über uns werden; errette mich vor dem zerstörenden Satan. — Ai argen-Gebet. SSjka draußen war die Luft heiß, schwer und drückend; Berge von Wolken thürmten sich am Rande des Horizontes auf und drohten," jeden Augenblick Himmel und Erde zu erschüttern. Aber in der kleinen Synagoge der Gemeinde „Liebe und Barmherzigkeit" wurde, trotzdem sie bis zum Ersticken mit Menschen angefüllt war, kein Fenster geöffnet. Die Andächtigen in ihrem Sabbathstaat folgten dem altmodigen, eintönigen Singsang des Kantors, der das Gesetz vorlas, viel zu aufmerksam, um an körperliches Unbehagen zu denken. Sie dachten ebenso wenig an ihre heißen Stirnen und feuchten Unterkleider, wie an den, Sinn der hebräischen Worte, die der Vorleser herunterbrummelte. Obgleich die Sprache ihnen allen vollkommen verständlich war, wurde ihre Andacht doch hauptsächlich durch den musikalischen Vortrag gefesselt, dessen geliebte und wohlvertraute Melodien unslösbar mit ihrer Frömmigkeit verknüvft sind. „Schweiß" scheint bei großen, synagogalen Gelegenheiten fast eine Würze der. Frömmigkeit zu sein; wie dies auch häufige Erfahrung lehrt, erkauft doch auch der arme Opernhausbesucher die Patti -- mit Gedränge! Und heute war solch großes Ereiguiß! Der große Raw Ratschinsky aus Brody sollte predigen, und all' die schwärzlichen, kraushaarigen, schlauäugigen, klugausschauenden Schuster, Schneider, Cigarrenarbeiter, Hausirer und Bettler, welche die Gemeinde bildeten, waren herbeigeströmt, um sich an den dialektischen Spitzfindigkeiten, dem theologischen Witz und den talmudischen Anekdoten des berühmten galizischen Maggids zu ergötzen. Und nicht nur sie allein kamen, sie brachten auch ihre Weiber mit, die in ihren Perrücken und Ohrringen hinter einem Vorhang saßen, der sie den Augen der Männer entzog. Die Plumpheit ihrer Gestalten, die Reizlosigkeit ihrer Gesichter ließ diese Vorsicht dem Uneingeweihten allerdings etwas überflüssig erscheinen. Die Frauen, welche in dem so zu einem Betlokal verwandelten Theil des großen Raumes saßen, waren dadurch auch viel dichter auf ihren engen Sitzen zusammengedrängt. Kein Wunder daher, daß, als gerade ein Mitglied der Gemeinde, den Segensspruch, mit welchem das Vorlesen aus der Thora schließt, anstimmen wollte, eine Frau durch Ohnmächtigwerden erschreckte. Sie wurde an die frische Luft gebracht, natürlich mit möglichst viel Geräusch, welches empörte Veschwichtigungsrufe der Männer „husch, Husch, ihr Weiber" in jüdisch-deutschem Jargon veranlaßte. Der Schammes ging hinter den Vorhang, und da er neue Störungen befürchtete, versuchte er, das Fenster dieser Abtheilung, das auf den Hof hinausging, zu öffnen. Jedoch der Griff, der so lange nicht gebraucht worden, war nicht zu bewegen, und so schob sich der Schammes wieder zur Männerabtheiluug zurück und zog, unbekümmert um das BrUmmen lind Schelten der ihn Umgebendell, dlirch starkes Reißeil an einer Schnur endlich eine kleine Spalte zwischen dem staubbedeckten Oberlicht uild der Decke auf. Kaunl hatte er das gethan, so wurden all die schweren Schatten, welche ill den Ecken der Synagoge lagerten, all die Dunkelheit, welche die Stnrmwolken über das Tageslicht ausgebreitet hatte und welche die spimlenwebbedeckten, schmlltzigen Fenster noch vermehrten, durch einen fenrigeir Blitzstrahl aufgehellt, der die schnlutzigen Sitze, die beschmierteil Maneril, die mit einem schwärzlichen Vorhang versehene heilige Lade, die dichten Reihen der schwarzen Gesichter in ein Feuermeer badete. Dem Blitz folgte der Donner, unmittelbar mit dem fürchterlichen, augenblicklichen Krachen, welches die Nähe der elektrischen Wolken ankündigt. Sofort wurde der Gottesdienst unterbrochen, die Gemeinde erhob sich, und von allen Seiten ertönte der hebräische Segensspruch: „Gelobt seiest du, Herr unser Gott, der du die Welt erschaffeli;" denl wie der Donner dem Blitz folgt, der klangvolle Satz folgte: „Gelobt seiest du, Herr unser Gott, dessen Macht und Stärke die ganze Welt erfüllt!" Dann setzte sich die Gemeinde, deren Augen sich instinktiv auf das ehrwürdige, gedankendurchfurchte Antlitz des großen Raw Ratschinsky gerichtet hatten, beruhigt wieder nieder. Der Segensspruch sollte und wollte nichts anderes sein, als ein ehrfurchtsvolles Bekennen der Majestät des Schöpfers, die sich in den Naturereignissen offenbart; aber die menschliche Natur, die inmitten der Schrecken und der Furchtbarkeit der Elemente steht, verliert fast immer ihren Glauben,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.