Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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165 erblühen sähe, in der Ueberzeugung, daß eine jede vorhandene Form von diesem Elemente durchdrungen und, daß ich es geradezu sage, vernichtet werden muffe, bin es auch sogar jetzt bei den leisen Keimen und Anfängen einer solchen jüdischenTheologie. Daß ein Treiben uni) eineUnruhe in mir ist, daß ich mir nicht darin genug tljun kann, daß ich die Schranken Haffe, die mir persönliche Stellung und der Wunsch, in den niederen Kreisen zu wirken, auch andern Theils wieder um dieses Wunsches willen zu der anderen Art von Wirksamkeit nicht abstreifen mag, daß ich das freie kühne Wort recht deutlich und recht begründet der Welt zurufen möchte und mich doch mit riesigen Armen abgehalteu fühle, daß ich mich nicht enthalten kann, in deinen Andeutungen hier und dort ahnen zu lassen, was mich und so viele Gleichgesinnte im tiefsten Innern schmerzt, aber dennoch mit all der vollen gehörigen Nachweisung es nicht klar machen kann, schon aus dem Grunde weil hierzu so viele Vorarbeiten nöthig sind, an denen mich sogar die Zerstücklung meiner Kräfte hindert, daß mir dies Alles am Innern mächtig naget! Dies, mein Lieber, begreifst Du wohl und findest Du natürlich. Ach, wir halten ja auch noch so entsetzlich an den Außenwerken, und wenn der Schlag kommt, der die religiöse Welt trifft, dann halten wir noch so weit vorn und müssen uns der neuen Zeit in die Arme werfen, ohne daß wir wesentlich zu ihrer Herbeiführung mitgewirkt hätten und ohne daß sie derart durch uns modisizirt wäre, daß wir auch mit voller Liebe und ohne gänzliches plötzliches Wegwerfen all unseres bis jetzt Be- und Verarbeiteten, sondern durch eigenes stufenmäßiges Fortschreiten und unsere Einwirkung in Verbindung mit den Einwirkungen von Seiten des Christenthums, in sie eingehen könnten. Das aber muß uns doch aufregen und auffordern zu unermüdlicher Thätigkeit und uns auch die Richtung bezeichnen, nach welcher hin unsre wissenschaftliche Wirksamkeit gehe, und soll und mag uns auch nichts fremd bleiben, was unseren Kreis berührt: Eines ist es, das den Grundgedanken hergiebt, Nachweisung, wie Alles was sich vorfindet ein Gewordenes ist und keine bindende Kraft habe. Jede einzelne Untersuchung hat lind behält ihren Werth, gehe sie auch auf gelehrte Kleinigkeiten aus, und so ist mir das Gedichtchen des Aruch lieb und die Nachricht von Menachem und Dnnasch, und beschäftigt mich, und hundert andere Dinge gleichfalls. Aber dies ist Glicht Richtung, dies ist Material, wer weiß wozu? ob wir, ob es ein Andrer brauche oder brauchen könne, wer weiß? Aber Richtung, nein, mein Lieber, das ist Kritik, Kritik einzelner Gesetze, Kritik der einzelnen Urkunden, dahin geht das Streben. Der Talmud muß weg. die Bibel, jener Komplex von meistens so schönen und erhabenen, vielleicht den erhabensten menschlichen Büchern, muß als Göttliches weg; nun, nicht für heute und nicht für morgen, aber das Ziel bleibt es und ist es, und so arbeiten wir in Verbindung mit allen wahrhaften Bestrebungen der Zeit, und so fördern wir in der Studirstnbe mehr als durch hundert Predigten und vielfältige Ertheilung des Religionsunterrichts. Um Himmelswillen, wie kann diese Lügenhaftigkeit fortdauern, immer und ewig auf den Kanzeln die Geschichten der Bibel als wahre Begebenheiten zu erklären, und an sie als an die höchsten Weltereignisse, an sie, die wir für uns ins Reich der Sage versetzt haben, Lehren anzuknüpfen und, wenn auch weiter gar nichts, Texte aus ihr zu entlehnen? Wie lange noch soll jene Verdrehung des kindlichen Geistes mit jenen Geschichten, die den natürlichen Sinn des zarten Menschenkindes entstellen, fortdauern? Wie dies wohl zu ändern? Je min, eben durch das Hintreiben in die Enge, so daß es nicht mehr stattfinden kann, dadurch, daß man sich und anderen diesen Widerspruch aufdeckt, dadurch, daß man in alle.Schlupfwinkel den Ausflüchte Suchenden verfolgt und so endlich den großartigen Einsturz mit bewirkt, der eine alte Welt unter seinen Trümmern begräbt, und eine neue uns öffnet. — Das Christenthlun kreist bereits in diesen Wehen und erleben wir auch nicht die Zeit, in welcher diese großartige Umwälzung vor sich geht — nnd die Möglichkeit es zu erleben, möchte ich mir doch nicht ganz geraubt wissen —, aber erleben wir sie auch nicht, nun, so sehen wir sie doch herannahen, und der nicht durch Vorurtheile getrübte Blick sieht die Stadien, die noch dnrchznmachen sind, ahnt und vermuthet sie wenigstens, sucht in jedem Ereignisse sich zu vergegenwärtigen, wie es auf diese Entwickelung einzuwirken geeignet ist und — freut sich der Aussicht, die sich ihm eröffnet hat. Jedoch genug für heute! Ich habe Dir nicht gesagt, was ich sagen gewollt, und was ich gesagt, nicht in der Weise gesagt, wie ich wünschte?) Vielleicht komme ich noch ordentlich darauf zurück. Du aber, mein Dernburg, mögest Dn Deine vortrefflichen Anlagen diesem Zweck weihen, dem Zweck der Allverbrüderung durch die Auflösung der kleinen Brüderschaften. Gute Nacht! Den 13. Guten Morgen, mein Lieber! Ich habe Dir da viel Kauderwelsch geschrieben, aber der Sinn ist doch richtig. Ich muß Dich auf eine großartige litterarische Erscheinung aufmerksam machen, die Du wohl schon dem Namen nach kennst, aber wahrscheinlich noch nicht gelesen hast, ich meine: Das Leben Jesu, von Strauß, wovon bereits eine zweite verbesserte und vermehrte Auflage erschienen ist. Das Buch ist, wie ich höre, in seiner ersten Auflage in 3000 Exemplaren abgedrnckt worden, war aber schnell vergriffen, da selbst Bibliotheken dasselbe anschafften, und das Volumen ist wahrlich nicht gering, zwei Bände von je 600 Seiten, und die Behandlung eine ganz gelehrte, aber klar und unumwunden und tief. Du mußt es Dir jedenfalls zu verschaffen suchen, wenn auch aus dem Wege des Buchhandels (es kostet 6Vs Thaler). Da ist dem Christenthum der Garaus gemacht, nnd so viel es sich windet und drehet, es muß fallen! Köstlich ist, diese Windungen zu sehen, die Unwissenschaftlichkeit, die Bornirtheit, die anerzogenen Vorurtheile, der Egoismus, der seine Konsistorialrathsstelle und dergleichen zu verlieren fürchtet, alle in Vereinigung kämpfend und doch kein Titelchen davon nehmend. Der neuen Entwickelungsepoche der christlichen Theologie, die nun eine ganz andere Gestalt annehmen muß, sehe ich mit großer Begierde entgegen. — Wenn Du Vatke's biblische Theologie — bis jetzt ein Band — erhalten kannst, so lies sie gleichfalls; ich kenne das Buch blos aus Anzeigen, aber die Tendenz ist in Bezug auf das alte Testament dieselbe. Ich habe auch unterdessen zwei neue Rezensionen über Strauß gelesen, von Ullmann (in Halle) und Müller (jetzt in Marburg, Bruder des berühmten Philologen Müller in Göttingen) in den 0 Diese Worte konnten mich nicht mahnen, die Ausführungen, auf diesie sich beziehen, zu unterdrücken. Diese Ausführungen, die gewiß manchern Leser nicht genehm sind, dürfen wohl nicht als unbedingtes Glaubensbekenntniß Geigers gelten, aber jedenfalls als der treueste Ausdruck der inneren Kämpfe, die er in seiner Sturm- und Drangzeit durchzumachen hatte. Sie erinnern auffällig an D. F. Strauß', — der ja in dem unmittelbar Folgenden genannt wird, — Ansichten und Kämpfe. Der^ Vergleich mit diesem kühnen zeitgenössischen Streiter liegt um so näher, als auch bei diesem ein gewisser Gegensatz zwischen Werken und Briefen herrscht, in letzteren (vergl. die erst kürzlich erschienenen Ausgewählten Briefe hgg. von Ed. Zeller, Bonn 1896) die sreigeistigen Ansichten weit energischer ausgesprochen werden. Eigenthümlich genug ist es, daß in den eben erwähnten Briefen, Zeugnissen großer Belesenheit auf verschiedenen Gebieten, der jüdischen Theologie gar nicht gedacht wird, wie denn überhaupt Juden in Strauß' Leben kaum eine Rolle spielen. Werden sie erwähnt, so geschieht das trotz B. Auerbach mit Unmuth, fast mit Uebelwollen, daher gelang es auch diesem diensteifrigen Freunde Beider nicht, Str. und Geiger einander zu nähern; ein Versuch, die persönliche Bekanntschaft Beider zu vermitteln (Darmstadt 1868) endete mit der Unbefriedigtheit aller Betheiligteu.