Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- Seite 164 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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164 angestellt ist und deshalb die israelitische Gemeinde den Religionsunterricht au diese Schüler durch einen von ihr bestellten Religionslehrer ertheilen läßt, die politische Gemeinde einen Beitrag zu den Kosten dieses Unterrichts im Betrage ivon regelmäßig 200 Mark jährlich zu gewähren. Im Uebrigen muß der Aufwand für die kirchlichen Bedürfnisse der Israeliten, in Ermangelung entsprechender Fonds, im Wege der kirchlichen Besteuerung aufgebracht werden, welche für die verschiedenen Arten der kirchlichen Verbände folgendermaßen geregelt ist: a) Der Aufwand für die allgemeinen Bedürfnisse der israelitischen Religionsgeineinschaft, zu welchen, außer dem durch den Staatsbeitrag nicht gedeckten Aufwand für den Oberrath, insbesondere die erheblichen Aufwendungen zur Unterstützung bedürftiger Gemeinden, zur Aufbesserung gering besoldeter Religionsschullehrer sowie für Pensionen an Rabbiner und Lehrer und deren Relikten gehören, ist von allen im Großherzogthum wohnenden Israeliten durch Zuschläge zur Staatssteuer aufzubringen. b) Der Aufwand für die Bedürfnisse der Bezirksverbände wird auf die zu diesen gehörigen Gemeinden nach Verhältniß der Gesammtsummen der von den Gemeindegenossen aufkommenden Staatssteuern vertheilt, innerhalb der einzelne!! Gemeinden aber mit dem übrigen Gemeindeaufwand nach den für dessen Aufbringung maßgebenden Bestinunungen uingelegt. e) Die Aufbringung des Aufwandes für die Gemeiudebedürfnisse geschieht „nach den Vermögensverhältnissen" der Gemeindegenossen auf Grund einer von der hierzu bestiminteu Gemeindebehörde periodisch vorzunehmenden besonderen Einschätzung. Abraham Geigers Briefe an I. Aerenbonrg. (1833-42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. XIII. Wiesbaden, 8. November 1836, Nachts. Mein lieber guter Dernburg! Du mußt trotz Deiner Heiterkeit und Deinen, gottlob, für jetzt äußerst glücklichen Umständen einen guten Theil von Roinantik in Dir bergen, daß diese Zeitrichtnng mit ihrer Zerrissenheit Dir, den! fleißigen, und so gerne sich mit den verschiedensten und einzelnsten Beschäftigungen Abgebenden, nahen kann, und freilich hat diese Erscheinung bei Dir, wenn auch zunächst in bent der Zeit entsprechenden hohen wissenschaftlichen Standpunkte, dennoch auch in Deiner, den inneren Anforderungen nicht entsprechenden Stellung und in Deinem einem wissenschaftlichen Wirkungskreise und Uiugange fernen Zustande seine äußere Veranlassung. Jedoch mag es sich verhalten, wie es wolle, so bist Du mir gerade in dieser Stimmung ganz besonders lieb, und daß Du sie gegen mich nicht in ihrer vollen Empfindung aussprichst, bedaure ich wahrhaft; ich komme gerade im Gegentheile in solchen Stinunungen am liebsten zu Dir, mein Bester. Denn ist es nicht blos eine momentane Schwäche, welche eine solche Zerrissenheit erzeugt; ist es nicht eine individuelle Kraftlosigkeit, sich nicht einigen zu können mit sich, sondern ist es vielmehr die feste Ueberzeugung, daß die persönlichen Verhältniste nur zuweilen von jenem Bewußtsein des Zwiespalts abziehen, bald durch das Eingehen in die leiblichen Bedürfnisse, bald durch die näheren Beziehungen des Lebens und Wirkens, das aber dann doch wieder bei der Selbsterhebung wiederkehrt und daher blos verdeckt oder augenblicklich nicht erkannt worden ist, ist es ferner die festeste Gelvißheit, daß dieser Zwiespalt ein Produkt des Abstandes unserer wissenschaftlichen Anschauung von derjenigen Anschauungsweise, welche allen sozialen Verhältnissen der Gegenwart zu Grunde liegt, ist; verbindet sich hiermit die kräftigste Anforderung, daß Derjenige, welcher diese Einsicht erlangt ~ hat und Kraft und Beruf in sich fühlt — und die Einsicht und das Gefühl der Kraft in ihrer Verbindung erzeugen den Beruf —, das Gefühl dieses Zwiespalts verallgemeinern und so mittelbar oder unmittelbar zur Entfernung desselben initwirken müssen: nun, dann wüßte ich nicht, warum ich nicht dem gleichgesinnten und gleich- . begabten Freunde mich gerade in solchen Augenblicken, wo ein solcher Drang mich recht lebhaft durchbebet, am liebsten nähere, von ihm die Hand fordern sollte zur kräftigsten Theilnahme und Unterstützung. So wie nun jedoch die äußeren Verhältnisse iuuuer auf - den Menschen und seine Richtung einwirken, so ist es, wenigstens bei mir, auch mit dem lebhaften Gefühle dieses Zwiespaltes; es reduzirt sich bei mir eigentlich auf die Theologie, und darf ich es wohl mit voller Innigkeit von mir sagen: homo suni, nihil humam a rne alienum est, und nehme ich daher auch an jeder Gestaltung des wissenschaftlichen, wie bürgerlichen, wie industriellen Lebens den lebhaftesten Antheil^ so ist dennoch meine eigentliche Spannkraft der Theologie zugekehrt. Irre ich nicht, so wird auch unsere Zeit, namentlich in Deutschland, durch eine kräftige Erschütterung des von Alters her bestehenden religiösen Gebäudes ihre Wiedergeburt beginnen; Ideen sind es, nicht Brod und nicht die Lust nach möglichster äußerer Entschränknng, was sie so niächtig bewegt, und diese Ideen haben ihre höchste Spitze im religiösen Leben, wie es in denlHerzen lebet- und nicht lebet. Dieses aber ist zu der Stufe gelangt, daß keine Konfession sich in sich abschließet, daß nicht ein Streit innerhalb ihrer die Bewegung gänzlich ausmacht und die geistige Thätigkeit ausfüllet, sondern es ist ein Zusammenarbeiten, ein Sicherstellen der Grundlagen aller positiven Religionen und Religionsurkunde!! und Religiousformen, es ist die unabweisbare Ueberzeugung, daß^alles dieses geschichtlich Gewordene nicht auf seine ersten Anfänge zurückgeführt worden und durch diese Zurückführung wenigstens und in dieser möglichsten Vereinfachung fein Bestehen sichern kann, sondern daß es im Gegentheil als ein in der Zeit Gewordenes, als ein weltgeschichtliches Moment, in welchem die ewigen Ideen sich ausgesprochen oder auch nur auszusprechen versucht haben, daß es aber nun unter keiner Modifikation mehr als die Form dieser Ideen beibehalten werden kann, vielmehr ganz zur Seite gelegt werden muß. Und diese volle Ueberzeugung gerade ist es, welche Demjenigen, der wirksam sein möchte, eine gewisse aufgeregte Unruhe einimpft, umsomehr, wenn er nun gar in denjenigen Beruf eingetreten ist, welcher ihn als Verkünder einer gewissen Religionsforin bezeichnet, noch mehr, lvenn er Verkünder einer solchen Religionsform ist, welche nicht nur in ihrer jetzigen Gestalt durchaus des Gepräges der ewigen Wahrheit entbehrt, sondern auch nicht die Hoffnung einer künftigen Veredelung und Vollendung zu derselben hin an die Hand giebt. Umgekehrt ist dann auch freilich für solchen partiellen inneren Widerspruch die Gewißheit, daß alle jetzt bestehende religiöse Form fallen muffe, tröstend und räumt wenigstens die Unzufriedenheit mit dem Zustande weg, in einen Kreis nämlich gebannt zu sein, welcher für^eiue ausgleichende Thätigkeit keinen Raum bietet, eben weil Ausgleichung und Fortbildung innerhalb der Grenzen des Bestehenden überall nicht stattfiuden, sondern nur auf den Trümmern der Gegenwart ein Neues erbaut werden kann. So wäre ich denn mit meinem Standpunkte innerhalb des Judenthums sehr zufrieden, wenn ich ein kräftiges Aufblühen wahrer kritischer Wissenschaft in demselben