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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-03 · Heft 14 (3.4.1896) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 162 (sequence 6)
Language
German
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162 christlichen Schulen gebrauchten guten Lesebücher für die jüdische Schule umgestalteten. Nach diesem Grundsätze bearbeiteten Nathan den bekannten „Preußischen Kinderfreund von Prenß und Vetter" und Hecht und Bluinenfeld das „Lesebuch von Haesters" für jüdische Schulen, indem sie die christlich gefärbten Stücke entfernten, an deren Stelle Stücke jüdisch-religiösen Inhalts setzten und einen Anhang zufügten, der die biblische und jüdische Geschichte enthielt. Gestatten Sie mir, bei dieser Gelegenheit von der Möglichkeit einer Umgestaltung eines Lesebuches 311 reden. Wenn ein Verfasser ein Lesebuch schreibt, so entwirft er vorher einen ganz genallen Plan, in den er dann die Stücke genau in der Reihenfolge fügt, wie sie ihm in seinem Geiste als passend vorschweben. Eine Unlgestaltung eines Lesebuchs erfordert deshalb ein außerordentlich feines Gefühl; der Bearbeiter mns; dem Plan des Verfassers nachspüren, dafür sorgen, daß die Stücke, die er all Stelle der herausgenommenen hineinbringen will, der Auftastung des Kindes, wie sie sich der Verfafter gerade in bem betreffenden Abschnitte vorgestellt hat, sowie auch den Intentionen entspricht, die dem Verfasser vorgeschwebt haben. Wenn das Nathan und Hecht-Blumenfeld gethan hätten, so würden wahrscheinlich beide Bücher heute noch ebenso in jüdischen Schulen gebraucht werden, wie der allerdings neu bearbeitete „Kinderfreund" und das Buch von Haesters in den christlichen Schulen. Ich fühle Denjenigeil, die die Bücher schon früher benrtheilt haben, nach und kann ihnen nicht Unrecht geben, wenn sie voll der rein mechanischen Art sprechen, mit der in beiden Büchern Stücke herausgeiloulinen, andere hineingebracht sind, ohne daß man irgend einen Plan sieht. Beide Bücher, besonders das erste, enthalten zlldem grobe Flüchtigkeiten. Nathan hat z. B. den Satz, „Inden können kein Pulver riechen", beibehalten; er hat den Ausdruck: „in uilserem Gesangbuch" — (Seite 160) gemeint ist natürlich das christliche Gesangbuch — ganz ruhig stehen lassen, vom christlichen Geiste durchwehte Stücke wie „Benedictus und Winfried, der gerettete Jüngling mit dem St. Johanuesglauben", fehlen nicht in seinem ,-umgearbeiteten" Buch. Im Anhang giebt er uns eine Geschichte des jüdischen Volkes in schlechtem Deutsch, liebet die Hecht-Blumenfeldsche Bearbeitung von Haesters verweise ich Sie auf die erwähnte Verhandlung der Lehrer in der Proviilz Hannover. Es sind auch hier viele bedeilkliche Stücke geblieben, z. B. der „Ostermorgen", auf Seite 449 heißt es: „In Deutschland fand erst später das „Licht des Evangeliuilis" Eingang — für ein speziell jüdisches Lesebuch eine mindestens eigeuthümliche Ausdrucksweise; die Stücke, die hineingegeben sind, sind nicht immer der Altersstufe der Kinder angemessen, und es wird mit Recht über das mangelhafte Deutsch in dem Anhänge des Lesebuches geklagt, der eine biblische und jüdische Geschichte enthält. In den fünfziger Jahren entstanden außerdem noch einige Lesebücher für das Hans und für die Schule, so das Lesebuch von Klein: „Museum für die israelitische Jugend". Das Museum enthält manche gute Geschichte, manch treffendes Gedicht; doch sind die Stücke fast sümmtlich spezifisch jüdischen Inhalts und von einer solchen Länge, daß das Buch als Schulbuch ganz ungeeignet ist. Ein zweites Buch, „Rimmonim" von Dr. Jaeobsohn, Prediger in Marienwerder, will der Verfasser selbst als religiöses, aber nicht als Lesebuch für den deutschen Unterricht behandelt wissen. Ein selbständiges jüdisches Lesebuch versuchte L. Stern in Würzburg zu schreiben; er gab 1862 ein sehr umfangreiches, „Deutsches Lesebuch" für israelitische Schulen in fünf Bänden heraus, das als Ntaterialiensaminlung ganz gut zu verwenden, aber wegen seines Umfanges für Volksschulen ganz unbrauchbar ist. Im ersten Band finden sich Bilder für Kopf, Herz und Sprache, sodann Bilder aus der Natur, aus der allgemeinen Geschichte, der jüdischen Geschichte unb Lebensbilder, zuletzt einige recht ansprechende Geschichten, die der weiteren Verbreitung werth sind. Anfang der sechsziger Jahre beauftragte die württembergische Schulbehörde eine Kommission, bestehend aus dem Kirchenrath Waffermann und zwei Herren aus Frankfurt a. M., Dr. Jost und Dr. Stern, ein „Deutsches Lesebuch für israelitische Schulen" zu verfassen; dasselbe erschien 1862. ist aber nur für die oberen Kassen berechnet, auch viel zu dick, um in Volksschulen Eingang zu finden und genügt in keiner Weise den methodischen Anforderungen, die man an ein Lesebuch stellen muß. Pickel sagt mit vollem Recht in seinem Artikel „über den deutschen Leseunterricht in den Volksschulen", daß unsere gangbarsten Lesebücher nur ein Sammelsurium von Stoffen bieten, die an dem Geiste des Kindes vorüberziehen, ohne tiefere Spuren zu hinterlaffen. Ein solches Sammelsurium findet sich in diesen! Buch. So wird uns z. B. in Nr. 60 ein Moses Gumperich aus Klüsserath geschildert, ein braver Mann, der eine arme Familie ans Wassersnoth rettet; aber erst in Nr. 75 erscheint dann Bürger's „Der brave Mann", denselben Gedanken finden wir dann wieder in Nr. 147 „Die edle Rache" von Prätzel: der Handelsmann Levy muß sich im Gasthofe von einem Seifensieder viel gefallen lassen, in der Nacht rettet er die Kinder des Seifensieders vom Feuertode. Warum stehen die Stücke, die demselben Gedanken Ausdruck geben, nicht zusammen, sondern durch 10 Seiten getrennt? Die unbegreifliche Reihenfolge wird Ihnen durch einige Nummern klar werden: Nr. 59 „Die sinkende Macht der Makkabäer". Nr. 60 „Moses Gumperich". Nr. 61 „Urtheil Salomonis", Nr. 62 „Die Opferung Isaaks", und so geht es weiter durch einander. Zu tadeln sind ferner die langen prosaischen Stücke; die Lebensbeschreibung Maimonides z. B. von Wassermann ist 7Vs Seiten lang; nun möchte ich das Kind kennen, das eine solche Geschichte, auch wenn sie von dem berühmten Rambam handelt, durchlesen wird! Ein erneuter Versuch wurde von Dr. L. Adler in Kassel gemacht, der 1864 ein „Deutsches Lesebuch für israelitische Schulen" geschrieben hat, das leider alles andere wie ein deutsches Lesebuch ist, weil ihm vor allen Dingen die erste Forderung an ein Lesebuch, daß es Stücke in klassischem Deutsch enthält, abgeht. Zudem enthält es eine Menge Predigten, die in ein Lesebuch keineswegs hineingehören, so z. B. Seite 136. Ferner giebt uns Adler in einem Lesebuch eine gelehrte Abhandlung über den jüdischen Kalender — und zum Schluß eine Wechselkunde und Anweisungen zu Schuldverschreibungen, die ich eher in einem Rechenbuch gerechtfertigt finde. Dies mag genügen. (Schluß folgt.) Aas Merk der ersten ordentlichen Tagung der badischen Synode. Von Regierungsrath Dr. Mayer in Karlsruhe. I. s ist jetzt gerade ein Jahr her, seit der Welt das einzigartige Schauspiel geboten worden ist. daß unter der Autorität des Staates im Sitzungssaal der zweiten Kammer des badischen Landtags die von der Gesammtheit der Israeliten Badens frei gewählte Landessynode sich erstmals versammelt und in voller Oeffentlichkeit ihre Berathungen gepflogen hat. Der äußere Verlauf der letzteren ist seiner Zeit in dieser Zeitung, welche ihren geistigen Leiter

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