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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-03 · Heft 14 (3.4.1896) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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gut: so thut das weiter. Ems aber (es ist euch ja tausendmal gesagt) bedenket doch! Wir sind von Feinden umgeben, die unsere Schwachen ausspioniren. Israel aber ist ein Weib, und vom Weibe sagt man, dasjenige sei das beste, von dem inan am wenigsten spricht. Also laßt euch so wenig wie möglich sehen, wahrend ihr so viel.wie möglich Gutes thut. Fürchtet euch nicht! Kommen wir nicht eben von jenem Abend, dem Szeder-Abend, welcher heißt: „Nacht der Wachefeier", D'H&tP b'b, wodurch wir erinnert werden sollen, daß Gott wacht? Also „fürchte nicht die Angst einer drohenden Nacht, weder den Pfeil, der am Tage fliegt (den offenbaren brutalen Antisemitismus), noch die Pest, die im Dunkeln schleicht (den feiner versteckten), noch die Seuche, die am Mittag verheert" (dm Abfall der Ungetreuen). Gott wacht! -¥&r Die Leseinrchfrage in jüdischen Schuten. Vortrag, gehalten in der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" von Rektor Dr. S. Adlers) eber die Lesebuchfrage in jüdischen Schulen hat sich in den letzten Jahren eine größere Diskussion in den Spalten der jüdischen Zeitungen erhoben; ich erinnere an die in der „Allgemeinen Zeitung des JudenthumS" erschienenen Artikel der Kollegen Steinhardt in Magdeburg und Ostwald in Witten; in neuester Zeit, am 7. Oktober vorigen Jahres, hat auch die Konferenz jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover sich mit dieser Frage beschäftigt. Den Zweck und die Bedeutung des Lesebuchs für.jede Schule, also auch für die jüdische Schule, zu erörieru, halte ich in einer Versammlung von Lehrern nicht für notwendig; ich gehe sofort auf die Frage selbst ein und glaube, daß wir am besten zu eiuem Resultat kommen werden, wenn ich Ihnen zunächst eine geschichtliche Entwickelung dieser Frage in großen Zügen — ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit — gebe. Die Entwickelung des jüdischen Lesebuches ging natürlich konform mit der Entwickelung des Lesebuches in den Schulen Deutschlands überhaupt und hatte nur ihre Eigenthümlichkeit in der Entwickelung der jüdischeil Schule selbst. Die jüdische Schule hat sich, wie ich Ihnen nicht auseinander zu setzen brauche, au§ den Chedarim, den Winkelschulen' entwickelt. Die jüdischen Lehrer, die in diesen Schulen unterrichteten, hatten nur eine nothdürstige deutsche Bildung, sie brauchten ja nicht die pädagogische Qualifikation nachzuweisen, die heute das Gesetz borschreibt. Es genügte damals ein kurzes Examen vor dem Regierungskonunissar, und der Prüfling bekam die Erlaubniß zum Unterricht von jüdischen Kindern in Religion und nebenbei auch im Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Hauptsache war und blieb der Religionsunterricht in der eigentümlichen Art, wie er in ben Winkelschulen ertheilt wurde. Das ganze Denken und Fühleil der Lehrer blieb abhängig von der Art der Bildung, die sie genossen hatteii, und so wareii auch die Lesebücher, die für diese jüdischen Schuleii geschaffeii wurden; es waren Religionsbücher in deutscher Sprache. Es ist bezeichnend, daß das erste Lesebuch für jüdische Schuleii von einem Rabbiner, dem um die jüdische Pädagogik hochverdienten Dr. Herxh ein: er, geschaffen wurde. Er hat im Jahre 1834 ein Lesebuch, „Deutscher Kinderfreund für Israeliten", veröffentlicht; in demselben finden sich maiiche gute Erzählungen aus dem Midrasch; nur hier utib da hat eine einen nicht konfessionellen Inhalt, das Buch ist ein Religionsbuch. Ganz im Dienste des Religionsunterrichts steht auch das im Jahre 1841 von Dr. Dessaner herausgegebene Lesebuch „Sammlungen von Erzählungen und Beispielen für die Jugend"; auch hier findet sich manche gute Erzählung; doch wird es Ihr Kopfschütteln erregen, wenn ich Ihnen erzähle, daß in einem Buch für Kinder unter Nr. 9 eine Erzählung steht, „Folgen der Unkeuschheit", worin der Fehltritt einer Jüdin geschildert wird, die als Kindesmörderin zu Grunde geht. Im Jahre 1844 gab Dr. Dessauer ein zweites „methodisches Lehr- und Lesebuch" heraus, das, wie er selbst sagt, vor allem der israelitischen Religion in deutschen Schulen und Privatlehranstalten dienen soll, also mehr ein Religionsbuch als ein deutsches Lesebuch ist. Ein viertes Lesebuch nennt sich „Abtalion", erstes Lese- und Sprachbuch für die israelitische Jugend. Es wurde im Jahre 1842 von Dr. I. H. Jakobson verfaßt. Der „Abtalion" enthält zuerst eine Fibel, und um von der pädagogischen Weise des Verfassers Ihnen ein Bild zu geben, will ich einige Sätze aus derselben nnttheilen: „Der Samum ist ein heißer Wind." „Der deutsche Kaiser Maximilian I. führte die Post ein und schaffte das Faustrecht ab." Dann folgen im nächsten Abschnitt Verstandesübungen, Erklärungen der Wörter: „Vernunft", „Aehnlichkeiten", sodann „Unterscheidungen und Vergleichungen". Verhältnißmäßig am besten sind die kurzen Lesestücke zur Erweckung des religiösen Gefühls. In ähnlichem Geiste ist das „Lesebuch für Israeliten zum Gebrauch in Schule und Haus" verfaßt, das Leopold Lammfromm 1847 in Blaubeuren hat erscheinen lassen. Das Lesebuch muß nach Lammfromm enthalten: „Auferbauliches, Belehrendes, Nützliches und Unterhaltendes." Dem Religionsunterricht dient dieses Buch fast ausschließlich. Das Gesetz vom 23. Juni 1847 brachte eine wesentliche Veränderung in der Gestaltung der jüdischen Schulen. Dieses Gesetz erhob die jüdischen Gemeinden zu Korporationen, und wenn auch ihre Schulen Privatanstalten blieben, so wurden sie doch auf die gleiche Stufe wie die christlichen Schulen erhoben. Ausdrücklich wurde festgesetzt, daß nur solche Lehrer an jüdischen Schulen unterrichten dürfen, die die Qualifikation für den Unterricht in gleich ausreichender Weise nachwiese:: wie die christlichen Lehrer. Natürlich brauchten die so vorgebildeten Lehrer auch andere Bücher für die Kinder, und so entstanden seit dem Jahre 1847 eine ganze Reihe von Büchern, die auf einer methodischen Grundlage beruhten. Wie eine Insel ragt unter diesen Büchern das Buch von A. Horwitz hervor. Er hat im Jahre 1850 ein „Deutsches Lesebuch für mittlere Schulklassen" geschrieben; in demselben weist er zuerst daraus hin, welch ein Unterschied zwischen einem Lesebuch und den anderen Büchern, die dem Unterricht zu Grunde gelegt werden, besteht: Während die übrigen ausschließlich dem realistischen oder dem geistigformalen Unterricht dienen, soll nach Horwitz das Lesebuch vor allem jene allgemeinste innere Kultur befördern, welche sich in der Begeisterung für Gedanke und That und in jenem edleren, an allem Schöner: sich erfreuenden Geschmack bekundet. Das Lesebuch soll für die Jugend das „Bilderbuch des Idealen" sein. In dem 1870 umgearbeiteten „Deutschen Lesebuch für das mittlere Kindesalter" gab er demselben Gedanken eine etwas geänderte Form: Das Lesebuch soll dem Kinde „die schöne Litteratur" sein! Nach dieser Anschauung konnte natürlich von der Art und Weise, wie sie die früheren Lesebücher aufzuweisen hatten, bei ihm keine Rede sein. Es fehlt in seinem Lesebuch nicht das tief Religiöse, aber ohne daß das Konfessionelle in irgend einer Weise hervortritt. Die übrigen Verfasser von Lesebüchern für jüdische Schulen dieser Zeit glaubten am richtigsten zu handeln, wenn sie die an dei) Stenographische Niederschrift von Frau Cäeilie Aron.

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