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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-03 · Heft 14 (3.4.1896) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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160 räch, uns politisch nicht'den liberalen Parteien, sondern der Sozialdemokratie anzuschließen. Wie, die Männer im Stiche lassen, die es ruhig ertragen, daß man sie „Judenknechte" nennt, daß man, wenn sie den Mund öffnen, ihnen zürnst: „von den Juden bestochen" — uns von diesen Männern abwenden, das wäre nicht schreiende Undankbarkeit? Rickert, Virchow u. A. fahren lasten, um sich Bebel- Liebknecht zuzuwenden? Das war ein schlechter Rath. Die Freisinnigen (auch die Nationalliberalen) haben „in jüngster Zeit an Ansehen und Anhängerschaft" verloren, sagt der Verfasser. Sehr wahr! aber warum? Ist es denn nicht offenbar, daß sie auch unsertwegen gelitten? Wenn sie an Sitzen in den Parlamenten verloren haben, wo es nicht auch deswegen, weil sie für uns waren? Ob und warum die Freisinnigen die wirthschaftlichen Fragen zu wenig betonen, will ich hier nicht untersuchen. Nur muß ich noch meinen starken Zweifel aussprechen, ob die „zielbewußten Genossen" und die ziel-un-bewußten wirklich den Juden so freundlich gesinnt sind; ob nicht, wenn der gefürchtete „Sturm" losbräche, die letzteren die Henker sein würden. „Fürchte dich nicht, du armes Wurm Jakob" — „fürchte dich nicht," das sagte der Prophet des Trostes in seinen kurzen ersten drei oder vier Reden, als die Juden in Babylon den Untergang klar vor sich zu sehen, gesehen zu haben glaubten, sechs Mal. Heil dir, Jude! Gab es nie ein so unglückliches Volk wie du, so hatte doch keins einen so süßen Tröster wie ihn, der begann — nein, der beginnt: „Tröstet, tröstet mein Volk!" Wie er aber aufrichtet, ermuthigt, so ist er doch in jedem Trost- Spruche auch ein so eindringlicher Ermahner, wie iein anderer Prophet es mehr sein konnte. Mit einem.Athemzuge spricht er den ganzen. Stolz Israels aus und die hohe Pflicht, welche damit verbunden ist. Gott spricht zu uns: Du bist mein Volk, du bist mein Knecht, mein Geschöpf, mein Auserwählter — keine Mutter kann ihren Säugling liebevoller Herzen. O, wartet nur, es kommt noch schöner (43, 1; 45, 3): „Ich bin Gott, der sich mit deinem Namen nennt „„Gott Israels" ", „mein bist du" — ja wohl! aber nur wenn ihr Ihn, den unendlich Einen bekennt — bekennt, nicht blos mit den Lippen, sondern mit dem vollen Herzen und in jeder That. „Fürchte dich nicht, Jakob" — wenn du „mein Knecht" bist, wenn du thust, wozu du „geschaffen" bist, erfüllst, wozu du „ausersehen" bist. Was ist das für eine göttliche Ironie! „Fürchte nicht, du hilfsbedürftiges Wurm"? — Hilfsbedürftig vor den Menschen, vor den Bestien in Menschengestalt; denn Gott.„erlöst dich". Jeder Mensch hält sich für etwas Werthvolles; wer möchte sonst leben? für sein Leben arbeiten? Für werthvoller als sich hält er seine Familie, der er sich selbst verdankt. Das Werthvollste aber dünkt ihn die Gesammtheit der Familien, die sein Volk bildet. Darum hält sich jedes Volk für auserwählt. Und gut, daß es so ist, wenn diese Selbst-Meinung, dieser Stolz zu höherer Sittlichkeit führt — das Ganze und jeden Einzelnen darin; wenn das. worin sich ein Volk für ausgezeichnet hält, wirtlich werthvoll, werthvoll für die Menschheit ist. Dann ist das National-Bewußtsein nicht nur ein Band, das die Einzelnen fest an einander knüpft und wodurch das Volk zu einem beseelten Ganzen gestaltet wird; sondern während es zunächst zu trennen scheint, indem sich dadurch Volk gegen Volk stellt, so verbindet es gerade die Völker, indem sich die feinsten Fäden des Aufzugs in dem geistigen Webstuhl des einen Volkes in den Einschlag des Gewebes des anderen Volkes fortsetzen; und so gestaltet sich ei|,e wirkliche gemeinsame Arbeit der Menschheit. Klingt das nicht schön? ist das nicht richtig gedacht? Verhält es sich denn aber auch wirklich so in der Geschichte? zumal in unserer Geschichte, der der Juden? Ach nein! Lassen wir heute die Völker überhaupt bei Seite, sehen wir nur auf uns!^ Ist denn das jüdische National-Bewußtsein nicht werthvoll für die Menschheit? Gehen denn vom jüdischen Geiste nicht die. zartesten, tiefst eindringenden Fäden in die Geister der kultivirtesten Völker? — Nein! Die Zeit ist immer noch nicht da. wo Israel die Reiche „Assur und Aegypten" mit einander verbindet; es ist immer noch nicht erkannt. Noch gilt das jüdische Bewußtsein, gerade weil es international, weil es kosmopolitisch ist, für ein von allen Völkern trennendes Element; und darum, ihr mögt protestiren soviel ihr wollt, soll es, sagt der Patriarch, ein getrenntes Element bleiben; ausgeschlossen, sagt er, von dem menschheitlichen Völker-Verein. Ihr sagt: sind wir nicht Deutsche? Wenn wir dichten, dichten wir nicht deutsch? wenn wir philosophiren. philosophiren wir nicht deutsch? wenn wir Vermögen schaffen, bereichern wir damit nicht das deutsche National-Vermögen? Wir sind Deutsche und wollen deutsch sein. Geht, antwortet man euch, ihr gehört nicht zu uns. Sollen wir uns nun lossagen vom jüdischen Bewußtsein? Werda glaubt, es thun zu können. zu dürfen, der mag es thuu. Ich thue es nicht und rathe nicht dazu. Laßt euch nicht irre machen, fürchtet euch nicht! Ist nicht Gott, wie wenig wir auch vou ihm wissen, das Beste unserer Habe, das Liebste unseres Herzens, der treueste unserer Freunde? Und dieser Gott ist freilich der Gott aller Völker, zumal heute der Gott aller geistig höher stehenden Völker. Wo aber ist ein Volk, welches sagen darf, wie wir: „Unser Gott und Gott unserer Väter". Der Deutsche? Der Gott seiner Väter war Wuotan und Fria, Donar und Sif u. s. w. Oder der Grieche? oder der Franzose? Nein, nur wir sagen: „Unser Gott und unserer Väter Gott". Vou diesem Gotte sich lossagen?? Und thut das nicht der Jude, der sich von seinen Vätern lossagt? Das ist nicht „Menschen-Mäkelei", wie man uns vorwirft. Dieser Vorwurf trifft alle andern Völker, nur uns nicht, trifft alle die. welche sich für auserwählt hielten, wie Griechen und Römer, oder halten, wie Engländer und Franzosen; sie kennen außer sich nur Vieh oder Barbaren. Das ist Menschen-Mäkelei. Von den Juden aber kommt der Glaube an die Wahrheit und die Idee vom Kampfe zwischen Wahrheit und Jrrthum, weil diese beiden sich nicht neben einander vertragen. Vielgötterei ist Jrrthum; etwas anderes hat Israel nie gegen ein anderes Volk gehabt. Unser und unserer Väter Gott ist nicht der „bessere", sondern der einzige; und wir haben nicht gesucht, ihn der ganzen Welt „aufzudringen", sondern haben immer nur gefürchtet, die anderen Völker, an andere Vorstellungen gewöhnt, könnten den Gedanken des Einzigen fälschen. Auch haben wir nicht unfern „Stolz auf Christ und Muselmann vererbt", denn unser Stolz ist ein gang anderer als jener. Und abgesehen davon, wer hieß euch den verdammeuswerthen Stolz annehmen, ihr erlauchten Völker, Griechen, Römer, Germanen? Schlagt euch doch an die Brust und fragt euch, ob es etwas anderes war, was euch zu diesem Stolze führte, als eure uralte Menschen-Mäkelei. Ihr wäret gewöhnt, auf die andern Völker herabzusehen, und diese Gewohnheit setztet ihr nun in dem Edelsten fort, was der Mensch haben kann, im Gottes- Glauben. Das hat sich leider in ,,schwärzester Gestalt" gezeigt, in Palästina nicht mehr als in Deutschland. Unser Stolz ist Gott, euer Stolz ist Welt-Herrschaft. Furchte dich nicht, Würmlein Jakob, sei stolz auf Gott und nur auf ihn. Was ist der Stolz auf Gott? D emuth. Laßt euch nicht irren irgend welches Gerede, ihr seied das und jenes. Trifft euch der Vorwurf — prüfet genau — so lasset das; trifft er euch nicht, so geht ruhig eures Weges. Trifft er euch, aber ihr meint — nach genauer Prüfung — das sei gar nicht schlimm, sei sogar recht und

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