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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-03 · Heft 14 (3.4.1896) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
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159 daß die Erde der Gerechtigkeit gehört; im Namen dieser trat er vor Pharao und sprach für die Bedrückten und rief den Tyrannen das Schreckenswort zu, vor dem sie erblichen; es heißt Gleichheit, und Mose siegte, und die Lehre von dem Gotte, dessen Allmacht im Dienste der Gerechtigkeit steht, begann ihren Siegeslauf durch die Welt. So recht im Gegensatz zu den ägyptischen Königsgräbern, heißt es von Mose: Keiner weiß, wo er begraben liegt, lehren die späteren Weisen. Man errichte keine Denkmäler den Frommen, ihre Thaten seien ihr Denkmal. Die Werke beider Nationen ragen hinein in die Gegenwart, aber von Aegypten melden sie, daß es längst, längst gestorben ist, von Israel, daß es lebt, uiib wirkt und weiter trägt das Mosiswort: daß dem Ewigen, dem Gott der Liebe und der Gerechtigkeit, die Erde gehört. Nie Woche. Berlin, 31. März. fn dem antisemitischen Hexenkessel gährt und brodelt es gewaltig, so daß wir, wären wir schadenfroh, unsere rechte Freude daran haben könnten. Eine antisemitische Größe nach der anderen wird von den treuen Bundesgenossen öffentlich und feierlich enthüllt: Herr Stöcker von dem konservativen Obersten z. D. Krause und dem Professor Brecher, Herr v. Langen, der große Talmudforscher, von seinem ehemaligen Freunde Karl Paasch, und Herr Friedrich Lange von seinem ehemaligen Verleger Hempel und von einem früheren Mitgliede seines Tentsch - Bundes. Was die Herren da einander vorwerfen, ist einfach unglaublich. Der Hauptvorwurf aller Anklagen des einen gegen den anderen aber ist — Lüge. Nun, wir wundern uns darüber gar nicht. Wir haben nie, auch in der schlimmsten Zeit nicht, die Hoffnung aufgegeben, daß der Antisemitismus an seiner inneren Verlogenheit zu Grunde gehen müsse. * Ein charakteristisches Pröbchen von geistlichem Antisemitismus wird aus Oesterreich berichtet. Wie sich unsere Leser vielleicht noch erinnern, haben vor einigen Jahren antisemitische Blätter einen von Anfang bis zu Ende gefälschten Aufruf der Alliance Israelite Universelle veröffentlicht, welcher im Jahre 1889 an alle jüdischen Gemeinden Galiziens verschickt worden sein sott und in dem dieselben ganz einfach zur Eroberung Galiziens durch Geldmittel aufgefordert werden! Die Alliance Israelite Universelle in Paris hat diesen Erlaß, an welchem kein wahres Wort ist, bereits dreimal dementirt, zuerst in ihrem Monatsberichte für Juni 1889 und dann, nachdem er in etwas veränderter Form in der ruthenischen Zeitschrift „Cerwonaja Rus" und aus dieser in deutscher Uebersetznng in der „Marburger Zeitung" erschienen war, in ihrem Monatsberichte für September 1889. Auch in ihrem Jahresberichte pro 1889 hatte sie diese Tendenzlügen als solche bezeichnet. Nun hat aber neuerdings der Geistliche und derzeitige Rektor der Krakauer Universität, der bekannte Reichsrathsabgeordnete Dr. Chotk owski, dem fürstbischöflichen Konsistorium daselbst empfohlen, ein neues polnisches Gebetbuch, in dem dieser Aufruf ebenfalls abgedruckt ist, mit dem „Imprimatur" zu versehen, weil er es als Censor durchgelesen und darin nichts gefunden hatte, was der Lehre der heiligen römischen Kirche zuwiderliefe. Es hat also eine der plumpsten und handgreiflichsten Lügen Platz in einem Gebetbuche gefunden! * Die Kommission des amerikanischen Senats hat ein neues Gesetz für die Einwanderung in den Vereinigten Staaten ausgearbeitet. In diesem Gesetz wird als Bedingung der Zulassung gefordert, daß der Einwanderer die Sprache seines Geburtslandes D iesen und schreiben könne. Würde der Vorschlag Gesetzeskraft erlangen, so bedeutet er eine erhebliche Beschränkung der jüdischen Einwanderung, beim von den russischen und galizischen Juden kann nur ein Bruchtheil russisch respektive polnisch lesen und schreiben, aber alle können hebräisch zur Genüge, um die Anforderung der Kommission zu erfüllen. Wir wollen hoffen, daß es gelingt, im Senat eine dahingehende Abänderung dnrchzusetzen. w „Fürchte dich nicht, Mürmtein Iakoti!" Von Professor Dr. Stein thal. f er Leser des folgenden Aufsatzes wird wohl bald merken, daß derselbe nicht im Gegensatz oder auch nur mit Rücksicht auf kürzlich erschienene Aeußerungen über die Gründung eines jüdischen Staates geschrieben ist. Doch dürfte es rathsam sein, dem „Mahnworte" des Herrn Dr. Bernhard Cohn „Vor dem Sturm" gegenüber Stellung zu nehmen. Dies soll in dieser Vorbemerkung geschehen. In manchen Punkten, nämlich in allem, was er über das Benehmen wie den persönlichen Verkehr der Juden an privaten und an öffentlichen Orten sagt, werden ihm alle guten Juden beistimmeu. Ob ein nach dieser Mahnung eingerichtetes Benehmen uns nützen wird oder nicht, kann nicht in Frage kommen. Es wird von der Sittlichkeit gefordert — also Gehorsam! Ob nun ferner unsere Sache in der Thal nur so trübe Aussichten zuläßt, ob das Aeußerste zu fürchten ist, wie Herr Dr. Cohn meint, wer will darüber entscheiden? Keine politische Autorität kann das Gegentheil verbürgen. Ja, ich selbst bin der Ueberzeugung, daß, so lange es Christen und Juden geben wird, zwischen ihnen Feindschaft bestehen wird. Zwischen den Brüdern Jakob und Edom giebt es keine Freundschaft. Das bloße Dasein des Judenthums gilt dem Christen als thatsachlicher, wenn auch stummer, Protest gegen das Christenthum. Das nennt Stöcker die „Anmaßung" der Judenschaft: dieser Wurm Jakob wagt es .. -1). Das hindert aber nicht innigste Freundschaft zwischen Nathan und dem Klosterbruder. Wie denn überhaupt einerseits zwar (und leider am häufigsten) der ursprünglichen Verschiedenheit der religiösen Ansicht Vorurtheile aller Art sich beimischen (Erzeugniffe des Neides und der Mißgunst, der Unzufriedenheit xtub Begehrlichkeit), daneben aber auch sittlich starke Menschen überall und zu allen Zeiten dem verbindenden Moment der Religion vor dem trennenden das Uebergewicht gaben. In einem dritten Punkt aber weiche ich aufs Entschiedenste von dem Verfasser des Mahnwortes ab, darin nämlich, daß er uns Juden *) Man kann in einer Sprache außerordentlich gelehrt sein und dennoch im Verständniß einzelner Stellen völlig irren. In dem neuesten hebräischen Wörterbuche von Siegfried und Stade heißt es mit Bezug auf die Stelle Jes. 41, 14 (woher die Ueberschrift dieses Aufsatzes stammt): „Der Wurm. .. bildl. und verächtl. Hilflosigkeit." Wußte der Verfasser dieses Artikels, daß wir in deutscher Sprache auch „das Wurm" haben? Luther übersetzt: „Würmlein".

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