Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
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lf58 verdrängt. Als Salomo Prachtbauten aufrichten wollte, berief er fremde Arbeiter ins Land, und als er, mit Aegypten verschwägert, ägyptische Regierungsmaximen vom Nil an den Jordan tragen wollte, da empörte fick) der Volkswille, und ob es auch seiner Weisheit gelang, die Wogen wieder zu glätten, beit Sturm der Empörung zu scheuchen linb sein System aufrecht zu erhalten, unter seinem Nachfolger brach es jäh zusammen und begrub den Glanz des Hauses David unter seinen Trümmern. Juda wäre unerbittlich der Vergessenheit anheimgefatlen, wenn eben nicht den großen und befreienden Ideen ein längeres Leben beschieden wäre als selbst den festesten Gebilden boit Stein und Erz. Aegypten hat für den Tod gebaut; Myriaden setzten ihr Leben daran, um ein Grab aufzubauen, sie haben ihr Ziel erreicht; noch heute melden riesige Denkmäler,'daß die Könige Aegyptens gestorben sind: eine' Religion des Todes, ein Volk des Todes, ganz Aegypten steht vor unserer Phantasie wie eine große Todtenkammer; -sie haben ihre Leichname vor Verwesung gerettet um den höchsten Preis, um den Preis des Lebens. Der Kampf Judas und Aegyptens ist so recht ein Kampf auf Leben und Tod in des Wortes schärfster Prägung, und er hat in veränderten Formen fortgedauert bis auf den heutigen Tag. Es war kein verächtlicher Gegner, mit dem Mose Streit begann; Wissenschaft und Kunst hat in den Thälern des Nil zuerst sorgfältige Pflege gefunden; die Räthsel des Daseins waren dort zuerst, wie es scheint, aufgeworfen worden, und wie traurig auch die Lösung klingt, Mizraim kann aus einer Geschichte der Entwickelung des religiösen Geistes nicht. herausgedrängt werden; muß doch die Gottheit selbst in diesen Geheimnissen der Priester irgend einen Keim der Wahrheit gefunden haben, da sie auf so außerordentlichen Wegen den Mose in diese Priesterkreise geführt hat; dort war zum mindesten das Feld der Forschung urbar gemacht worden, ob auch die Zeugungskraft mehr die rasch aufsprossende Giftpflanze des Jrrthmns als die bescheidene Blüthe der Wahrheit mit ihrem Safte sättigte. Ueberhaupt ist es zu beachten, wie das Judenthum in den Schicksalen des Mose, bevor er am Dornbüsche berufen ward, gleichsam symbolisch seine Anerkennung dem Heidenthum zollt; daß die Vorsehung den Mose zu Pharao, zu Jethro, dem Priester Midjans, führt, daß er auf so weiten Umwegen, durch die Hallen heidnischer Tempel und ägyptischer und midjanitischer Weisheit zum Horeb gelangte, kann mit gutem Grund als Beweis gelten, daß das Judeuthum in den religiösen Anschauungen dieser Völker das Körnlein Wahrheit ehrt, welches sie enthalten. Mose sollte bei Pharao, bei Jethro lernen, um wohl vorbereitet für die Kunde am Sinai zu sein. Die Kunde vom Dornbusch mußte ganz seltsam dem Ohr eines Pharaonen klingen, und der wißbegierige und gescheidte Schüler der Priester Mizraims war in diesen ungebildeten Anschauungen gar nicht wiederzuerkennen, Znvörderst trat er als ein „Mann ohne Rednergabe" vor den Thron; ein Mann ohne glatte Zunge, ohne höfische Art, wagt so schlicht und geradezu für die Rechte der Sklaven einzutreten; was mögen nur die Hofleute von Mose gedacht haben, der in der Jugend so große Hoffnungen weckte und nun sich wie ein plumper Plebejer geberdete und den Hofion so ganz vergessen hatte, daß er dort von der Gerechtigkeit für die Unterdrückten redete. Int Talmud wird erzählt: Ein Heide habe R. Josua gefragt, warum denn Gott geradeaus einem Dornbüsche mit Mose gesprochen habe? Und R. Josua sagte: Wäre es nur eine Palme oder Sykomore gewesen, du hättest mich mit deiner kecken Frage nicht verschont; aber sieh her, ihr Heiden meinet immer, die Gottheit weile in euren Tenipeln an besonders heiligen Orten: ihr verehrt sie in Hainen von Palmen und Cedern; aber die Palmen und Cedern haben vor dem Dorn nichts voraus; doch vielleicht, fuhr R. Josua fort, ist das noch keine Antwort auf die Frage, die gerade dahinging, warum der Dornbursch den Vorzug erhielt; nun, das bezog sich auf Israel; das war gering und verachtet, aber eben deswegen vom Herrn auserkoren, der ein Anwalt der Schwachen ist; oder vielleicht, so meint der Rabbi, ist es ein Hinweis auf die Knechtschaft Aegyptens; wie der Vogel im Dornenzweig sich verstrickt und nie unverletzt ihm entgeht, so waren auch nur wenige Sproßen Israels fähig, dem Zwingherrn sich zu entziehen und Leib und Seele vor Schaden zu wahren; und wiederum wie der Dorn den Garten umhegt, so wird Israel die Welt, den großen Gottesgarten, hegen und ihn vor dem frechen Einbruch höhnenden Unglaubens und knechtischer, den Geist unterjochender Gläubigkeit bewahren: diese Feinde werden verbluten an den Wunden, welche jüdische Geistesschärfe ihnen zufügt; denn wie der Dorn gedeiht im Garten, an Flüssen und in der wasserlosen Wüste, so Israel in Gunst und Ungunst, in Haß und Liebe; man kanii sie bedrücken, aber nicht unterdrücken. Dieses Gespräch des Rabbi mit dem spottlustigen Heiden ist wohl auch ein Bild des Gegensatzes zwischen Mose und Pharao. Aegypten, d. h. das elegante, vornehme, stimmberechtigte Aegypten spottete über den wunderlichen Mann, der, am Hofe erzogen, zu dem verachteten Sklavenvolke herabstieg; war es nicht lächerlich und geradezu eine Verleugnung seiner guten Erziehung, daß Mose den Dorn neben die Palmen stellte und von der Gleichheit der Bedrängten mit ihren Drängern sprach und ihrem Rechte auf Freiheit; welche Schwärmerei, welch untopisches Gebilde, welche Ketzerei in dem wohlgeordneten, gar prächtig eingekasteten Aegypten, wo der Niedrige es ganz in der Ordnung fand, von dem Höheren getreten zu werden in dem Frohgefühl, einen Anderen treten zu dürfen; an diese Aermsten kam eine Gottesbotschaft, da doch Religion in Mizraim nur ein Bedürfniß bevorzugter Kasten war; bei den Niedrigen genügte ja die Geißel, um sie im Zaum der Sitte zu halten; aus dem Kerker und den Fesseln sollte sich ein neuer Glaube erheben, da doch in Aegypten alles Wissen von Gott, alle Bildung überhaupt als ein Vorrecht der Herrschenden galt; aber, kündete Mose Israel, „dieser Dorn" wird ein Zaun für die Welt werden, und die Kastengelehcsamkeit wird sich zu Tode verwunden an seinen Spitzen; diese Sendboten eines Glaubens, der kein Vorrecht ist, sondern ein Volkskleinod, sie gedeihen wie die Dornen überall und lassen sonach dem Vorurtheil keine Zuflucht, keine Rettung. Mose spricht im Namen Gottes: Schicke mein Volk, daß sie mir dienen, — schlichtweg mein Volk, nicht die Priester, nicht die Kriegerkaste, Alle sollen sie zu mir kommen; aber Pharao versteht diese Gleichheit nicht und fragt, wer soll denn von euch zu diesem Gottesdienste gehen? Und da er hört, daß Alle verlangt werden, sagt er: Das ist nicht Recht, die „Vornehmen" mögen gehen. Mehr, fügt er hinzu, könne Mose ja gar nicht verlangen. Nicht nur zwei Völker, zwei Weltanschauungen standen sich in diesem Streite gegenüber, hier die düstere, trübe, dem Tode zugewandte Auffassung Mizraims, welche die Natur vergötterte; wie in dieser das Schwache dem Starken unterliege, so müsse auch unter den Menschen der Schwache dem Starken dienstbar sein; wer sich verewigen wolle, der könne es nur mit den Hilfsmitteln der Natur, und da das Todte länger dauere als das Lebendige, so solle man nur das Todte verewigen; so entstand ihre Verehrung der Thiere, da jeder Stier stärker sei als der Mensch, so die Pyramiden, die großen Gräber, so die Kasteneintheilung der von Gott gleichgeordneten Menschheit. Da redet Mose von Adonaj, dem ewigen Wesen, der nach sittlichen Gesetzen waltenden Gottheit, er meldet