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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-03 · Heft 14 (3.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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60. Jahrgang. Nr. 14. Serlin, 3. April 1896. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Natiüiner Ludwig PHilippson-Konn. Verlags-Expedition: Berlin, Jerirfalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums', Berlin SW., Jenisalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikel: Israel und Aegypten. — Die Woche. — „Fürcbte dich nicht. Würmlein Jakob!" Von Prof. Dr. Steintbal. — Die Lesebuchfrage in jüdischen Schulen. Von Dr. S. Adler. — Das Werk der ersten ordentlichen Tagung der badischen Synode. Von Negierungsrath Dr. Mayer. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. —Feuilleton: Der Satan. Erzählung von I. Zangwill. — Chomez. Von Dr. Georg Minden. — Litterarische Mitthetturrgen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Potsdam. Breslau. Magdeburg. Hannover. Göttingen, Frankfurt a. M.. Wien. London. New-Iork. - Bon Nah und Fern. Israel und Aegypten. Berlin, 2. April. wei Völker treten uns mit Passahseste entgegen, die über die große Fluth der seitdem vergangenen Zeiten hinweg in die Gegenwart hinein die Zeichen und Zengen ihres Daseins getragen haben. Beiden ward es gegeben, die Spuren ihres, Schaffens so fest und tief einzugraben, daß "die Stürme der Jahrhunderte sie nicht zerstört haben, und die Denkmäler, welche jene Völker in alten verschollenen Tagen gegründet und aufgerichtet haben, sie stehen noch heute aufrecht da und ragen mächtig empor zur unauslöschliche Kunde, daß diese Nationen nicht aus gewöhnlichem Stoffe geformt gewesen sind. Aegypten und Israel, — die Gegenwart ist nicht verlegen nach einem Maßstabe, um die energische Lebenskraft dieser Völker zu beurtheilen; wohl kündet auch die Geschichte von ihnen, und vieles des Aufmerkens und Festhaltens Würdige hat sie von ihnen verzeichnet; aber ungern vertraut der kritische Sinn unserer Zeit einzig und allein der Ueberlieferung; mit einem gewissen Mißtrauen tritt er heran an die Erzählungen aus der Vorzeit; lehrt ihn doch jeder Tag, wie die Ereignisse ihre Färbung erhalten durch die Brille des Beobachters. Aber wenn wir von Israel, wenn wir von Aegypten reden, wir brauchen selbst für die ältesten Zeiten nicht einzig diesen oft trügerischen Berichten zu lauschen; wir können mit eigenen Augen sehen; die Völker selbst sprechen zu uns und melden von ihrem Wirken durch ihre Werke; unverfälschte Dokumente sind vorhanden; an der Hand dieser können wir leicht prüfen, ob die anderen Berichte mehr oder weniger treu sind. Juda und Aegypten reden unvermittelt zur Gegenwart, und wir lernen zwei Stämme kennen von seltener Art, zähe, unermüdlich, von tiefen Gedanken erfüllt, hinausstrebend über den Kreis des Alltagslebens in die höhern Sphären des Geistes; . Männer, denen jeder Hauch jenes romantischen, aus Wonne und Grauen gemischten Gefühls angesichts ehrwürdiger Alterthümer sonst!? fehlt, fühlten sich wie von den Schauern des Weltgeistes durchrieselt, wenn sie den Pyramiden gegenüberstanden; diese fremdartige Wunderwelt, welche den Tod-verewigte; ihr Dasein konnte kein Schriftsteller, konnte nur sie selbst uns bezeugen; mit wunderlichen Zeichen waren die Tempel und Säulen besäet, und ihren Sinn zu fassen, war ein Ziel- Vieler; aber stumm wie die düstern Mauern blieb auch ihre Fläche; ein unentwirrtes Geheimniß, daß Mancher in den seltsamen Schriftzügen nur das Spiel müßiger Hände sah, bei dem keine Deutung möglich war, weil jede Bedeutung mangelte. Aber dem Spürsinn unermüdlicher Forscher gelang es, auch den Schlüssel aufzufinden für diese Schrift, deren Unverständlichkeit zum Sprichwort geworden war, und erstaunliche Meldung thun diese Gräber und öffnen sich und zeigen ein fast frisches Bild des Alten. Da kann nicht die Rede sein von Fälschung und Trug: Aegypten selbst meldet von seinem Wesen, seiner Eigenart den entfernten Geschlechtern. Auch Israel, es bedarf nicht des Anwalts, es fürchtet nicht die Anklage in Bezug aus seine Geschichte. Es steht selbst Rede und Antwort auf die Fragen der Wiffensdurstigen nach seiner Vorzeit. Pyramiden und Obelisken zeugen noch heute überzeugender, als Dichter und Historiker es vermöchten, daß eine große und mächtige und geistesstarke Nation an den Ufern des Nils gewohnt habe; von Juda künden uns keine Pyramiden, keine Obelisken; es hatte keinen Gefallen an den Bauten, die, wie prächtig und glänzend oder wie machtvoll und erhaben sie sich auch darthun, trotzdem nicht nur von der Pracht, sondern auch von dem Elend erzählen, von dem gewaltigen Wollen eines Einzelnen und von dem traurigen Frohn Unzähliger; sie sollen das Andenken des Fürsten ehren, und sie verewigen in Wahrheit die Schande eines Herrschers, der seinem Ruhm die Arbeit seines Volkes dienstbar machte. Und kann man wohl größere Schmach auf das Haupt eines Königs laden als diesen einen Satz: er betrachtete die Arbeit der Nation als sein Eigenthum, statt seine Kraft und Fähigkeit in den Dienst seines Landes zu stellen? Trefflich hat die heilige Sprache für König den Ausdruck melech gebildet: melech Kjeifct Berather, der Rath seines Landes sollte der Fürst sein, nicht der unersättliche Schlund, der Reichthum, Arbeit und Glück seines Landes verschlingt. Israel hat nur einmal solche Bauwerke ausschichten helfen; das war damals, als es selbst unter der Geißel Aegyptens stand; aber als Gott dem Dränger die Geißel entrang, da hatten die Söhne Juda's etwas Besseres zu thun, als ihren Königen Gräber aufzufchichten; fehlte, doch zu solchen Experimenten, wo die ungeheuren Mittel zu dem ungeheuerlichen und ungehörigen Zwecke in so schreiendem Widerspruche stehen, die Grundbedingung, d. i. die Knechtschaft der Massen; das Königthum, eine spätere, von Mose nicht gewollte und von Samuel nur mühsam zuaestandene Einrichtung, hat das wesentlich freiheitliche Element des Judenthums nie ganz

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