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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-27 · Heft 13 (27.3.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 in Glogau eingesetzt. Samuel Meyer hatte, wie alle Poeten, ein tiefes Heimathsgefühl und darum eine begeisterte Liebe für seinen Geburtsort Glogau. Salomon Munk war der Onkel Meyer's; Munk hatte eine solche Schwärmerei für Glogau, daß er oft erklärte, für ihn gäbe es nur zwei Orte in der Welt, Paris und — Glogau. Meyer hatte eine ganze Reihe von Briefen Munks, darunter einen, den Munk als junger Gelehrter von Weimar aus an seine Mutter geschrieben hat und in welchem der junge Orientalist einen Besuch bei Goethe schilderte. Es war daraus zu ersehen, daß Munk Gunst bei Goethe gefunden hatte, denn der sonst spröde, alte Meister unterhielt sich mit ihm lange. Als nun vor einiger Zeit eine Versammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar stattfand, erbat sich ein Breslauer Stadtrath und Goethe- Kenner den Brief und nahm ihn nach Weimar mit, und hier stellte sich heraus, daß Goethe unter dem Datum des Briefes in den Tagebüchern gleichfalls eine längere Notiz über den Besuch des jungen Orientalisten ausgezeichnet hatte. z. Beuthen O.-S., 18. März. Unlängst erschienen in dieser geschätzten Zeitung zwei Artikel über das jüdische Waisenhaus zu Rybnik in Oberschlesien, welche, mit warmem Herzen geschrieben, mit einem Appell an die Wohlthätigkeit schlossen. Dieser Mahnruf ist in unserem Beuthen nicht klanglos verhallt. Es bildete sich vor einiger Zeit Hierselbst ein Komitee, welches sich die Aufgabe stellte, zum Besten des genannten Waisenhauses eine Wohlthätigkeitsvorstellung zu veranstalten. Diese fand am 29. vorigen Monats statt und kann nach allen Seiten als eine wohlgelungene bezeichnet werden. Bor allem war der klingende Erfolg ein guter; konnten doch nach Abzug sämmtlicher Spesen gegen 1200 Mark dem Waisenhause übermittelt werden, gewiß ein dankenswerther Beweis für den Wohlthätigkeitssinn unserer Beuthener Bürger. Unser Theaterhaus war bis auf den letzten Platz besetzt. Nach einem von Herrn L. Mannheimer in edler Sprache und mit kühnem Schwünge verfaßten und von Herrn Lehrer Schwarz zu Gehör gebrachten Prolog wurde ein lebendes Bild dargestellt, welches einen Einblick in ein holländisches Waisenhaus gewährte, in welchem Waisenkinder mit häuslichen Arbeiten beschäftigt waren. Hierauf ging ein lustiger Einakter, „In Civil" in Szene, bei dem alle Mitwirkenden, die Herren Lomnitz, Kreuzberger, Wolff und Frl. Guttmann lebhaften Beifall ernteten. Nach einem zweiten lebenden Bilde, „Aufforderung zum Tanze," wurde ein kleiner Scherz „Aennchens erste Tanzstunde" von Herrn Frankenstein und Frl. Katschinski mit großem Geschick zur Aufführung gebracht. Den Schluß bildete ein Zigeunertanz, den Herr Spiegel und Frl. Kochmann sehr exakt ausführten. An die Vorstellung schloß sich ein Tanz an. Dem Komitee, insbesondere den Damen: Frau Rose, Frau Grünfeld und Lehrerin Frl. Liebermann, sei hier für das so erfolgreiche Bemühen um das Gelingen eines edlen Werkes der Menschenliebe der Dank dargebracht. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 22. März. Der akademische Senat der Wiener Universität hat über die von den deutschnationalen Studentenverbindungen beschlossene Erklärung, durch welche sie die jüdischen Studenten als satisfaktionsunfähig, respektive als ehrlos bezeichneten, seine tiefste Mißbilligung offiziell ausgesprochen. Der Schimpf, welchen die deutschnationalen Couleurstudenten einer Anzahl gleichberechtigter akademischer Bürger und damit der gesammten Universität zuzufügen gedachte, hat somit durch die berufene Vertretung der Wiener Hochschule eine ebenso energische als würdige Zurückweisung erfahren. Wenn Studenten sich einer Handlungsweise schuldig machen, über welche der akademische Senat seine schärfste Mißbilligung auszusprechen sich genöthigt fand, und wenn die akademische Behörde gleichzeitig erklärt, daß sie sich weitere Maßnahmen Vorbehalte, so ist hierdurch den auf so muthwillige, absolut unbegründete und darum rechtswidrige Art in ihrer Ehre gekränkten jüdischen Studenten seitens der maßgebenden Instanz die vollste Genugthuung zu Theil geworden. — Auch die israelitische Kultusgemeinde hat zu den Vorgängen an der Universität Stellung genommen. Dem Obmann der „Kadimah", Mediziner Gerbel, ist folgende Zuschrift zugekommen: „In der Plenarsitzung vom 15. März 1896 hat der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien einstimmig nachstehende Resolution gefaßt: „Der Kultusvorstand hat mit tiefster Entrüstung von den gegen die jüdischen Universitätsstudenten gerichteten Vorgängen und mit Genugthuung von der besonnenen und würdigen Haltung der jüdischen Studentenvereine Kenntniß genommen. Wien, am 16. März 1896 Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde." (Es folgen die Unterschriften.) Mittwoch den 18. März waren die Vertreter der jüdischen Studentenvereine und der jüdisch-akademischen Lesehalle zu einer Ehrensitzung des Vertreterkollegiums der Kultusgemeinde unter Vorsitz des Kultusvorstandes Herrn Gustav Simon geladen. Auf die Ansprachen seitens der Vorstände folgten die Antworten der einzelnen Delegirten. — Der Mediziner Albrecht wurde als Einberufer der Studentenversammlung, die den Beschluß über die Satisfaktionsunfähigkeit jüdischer Studenten faßte, von Professor Toldt, an dessen anatomischer Lehrkanzel er Demonstrator ist, aufgefordert, sein Entlassungsgesuch einzureichen; gleichzeitig wurde ihm mitgetheilt, er möge sich auf seine Relegirung gefaßt machen. B. Budapest, 14. März. Aus Anlaß der Millenniumsfeier finden am 10. Mai in allen Synagogen des Landes feierliche Gottesdienste mit Festpredigten statt. — Für den israelitischen Landesfonds votirten die meisten Gemeinden größere Beiträge, so daß die Schaffung desselben gesichert erscheint. — Die Pefter israelitische Religions" gemeinde, deren Einnahmen sich auf 800 000 Kronen belaufen, hatte im verflossenen Jahre einen Ueberschuß von 40 000 Kronen. — In Malaezka wurde Dr. Moriz Lewien-Jllava zum Rabbiner gewählt. Wegen mehrfacher Unregelmäßigkeiten ist gegen diese Wahl beim Kultusministerium Protest erhoben worden. — Dr. Egmont Baumgarten habilitirte sich als Privatdozent an der hiesigen Universität. Großbritannien. 8. London, 20. März. Der 37. Jahresbericht des Board ok Ouardiang, der soeben erschienen ist, giebt ein höchst interessantes Bild von der mannigfachen und tiefeingreifenden Wirksamkeit dieses großen Vereins. Außer dem Vorstand widmen sich 16 Subkomitees den verschiedenen Aufgaben des Board. Es kamen im Jahre 1895 4794 Fälle von Hilfsgesuchen zur Erledigung, gegenüber 5157 Fällen im Jahre vorher. Bemerkenswerth ist, daß von dieser großen Zahl nur 286 im Jahre 1895 und 264 im Jahre 1894 abgelehnt werden mußten. Die Zahl der unterstützten Personen belief sich auf 19 363 gegenüber 20 434 im Vorjahr. Es ist also überall eine erfreuliche Verminderung der Unterstützungsgesuch'e zu konstatiren. An Kleidungsstücken wurden vertheilt 15 238, ärztliche Besuche 3347 gemacht und 1194 Darlehen gegeben. Bon der Zahl der Unterftützungsfälle betreffen in diesem Jahrenur 336 russische Juden, dagegen waren es noch im Vorjahre noch 727, eine besonders bemerkenswerthe Verminderung, welche beweist, daß die Einwanderung der russischen Juden nach London erheblich nachgelassen hat. 482 Knaben und Mädchen sind in verschiedenen Zweigen des Handwerks als Lehrlinge untergebracht worden. Das gesammte Einkommen betrug in diesem Jahre circa 720 000 Mark, wovon circa 370 OOO Mark für direkte Unterstützungen verausgabtwurden, während die General-Unkosten rund 47 OO0M. betrugen. In der nächsten Woche wird der Board die Einweihung seiner neuen, schön ausgestatteten Arbeitsräume feiern, und allem Vernehmen nach wird diese Feier nicht nur in würdigster Form verlaufen, sondern auch dem Board einen entsprechenden Nutzen abwerfen. — Das Komitee für den Religionsunterricht theilt mit, daß die Zahl der durch seine Veranstaltungen unterrichteten jüdischen Kinder bereits jetzt 5100 beträgt und in kürzester Frist die Zahl von 6000 erreichen wird. —' Der Board of Deputies versendet ein Circular, worin er die jüdischen Arbeiter und Fabrikanten auffordert, die durch die Factory Act den Juden gewährten Ausnahmebestimmungen zu beachten, die sich hauptsächlich auf die Heilighaltung des Sabbaths und das Arbeiten am Sonntag bezogen. — Gegen die in Aussicht stehende Bill zur Verminderung der Einwanderung fremder Arbeiter fand am IO. März eine große Protestversammlung statt, an der sich christliche wie jüdische Arbeiter betheiligten. — Am 29. und 30. März findet hier die Volkszählung statt. Da diese Tage gerade auf unsere Feiertage fallen, so hat der Chief Rabbi die Generalregistratur informirt, daß die Juden die Formulare der Volkszählung erst am 31. März ausfüllen können. Der Chef der Volkszählungskomnnssion hat dem entsprechend die Verfügung erlassen, daß während im Allgemeinen die Formulare Montag, den 30. März einzusammeln sind, die den Juden übersandten erst am 31. März abgeholt werden sollen.

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