Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Rußland. t 0 Petersburg, 20. März. Das hiesige Judenthum hat einen seiner besten Gönner verloren. Vor einigen Tagen verschied nach kurzem Siechthum Dr. Sergiej Aleksandrowitsch Berschadski, außerordentlicher Professor der Rechtsencyklopädie an der kaiserlichen Universität und dem Lyceum Hierselbst. In den Adern des Verewigten floß kein Tropfen jüdischen Blutes, sein Urgroßvater war griechisch-katholischer Geistlicher^ und doch hat er sein ganzes Leben (er wurde leider nur 45 Jahre alt) und Wirken dem Wohle unserer Glaubensgenossen, der Erforschung ihrer Geschichte in Litthauen, Polen und Rußland, gewidmet. Sein Werk „Die litthauischen Juden" (1883) kann klassisch genannt werden. Nicht minder schätzbar sind feine Materialien zur Geschichte der Juden in Litthauen (Petersburg 1882. Zwei Bände) und seine zahlreichen Monographien: Ueber Geschichte der Juden in Wilna, über Saul Wahl, über Juden in Polen, Im Exil u. s. w. Die meisten dieser Arbeiten veröffentlichte er in den litterarischen Beilagen des „Woschod," wo er auch (im Januarhefte 1896) seine unglücklicherweise letzte, höchstbedeutende Skizze: Ueber die frühesten Jeschiboth in Altpolen, begann. In Anerkennung seiner hohen Verdienste hat ihn die Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den russischen Juden zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt; dieselbe hielt am vergangenen Mittwoch einen feierlichen Trauergottesdienst in der großen Synagoge ab und beabsichtigt, ein entsprechendes Stipendium seines Namens zu gründen. Am Grabe des viel zu früh Dahingeschiedenen hat Herr Rechtsanwalt Max Winawer demselben einen warmen Nachruf gewidmet. Ehre seinem Andenken! Türkei. ) Konstantinopel, 20. März. Wir erhalten aus Konstantinopel folgenden Bericht und Aufruf: Ein entsetzliches Unglück hat über Nacht einen großen Theil der jüdischen Bevölkerung von Konstantinopel getroffen. In Ba l a ta, in diesem fast ausnahmslos von Juden bewohnten Viertel, wo Armuth und Elend, Thür bei Thür, sonst schon in schrecklicher Weise Hausen, hat eine furchtbare Feuersbrunst nahe an die vierzig Wohnungen eingeäschert. Ungefähr zweihundert jüdische Familien haben Hab und Gut verloren und nichts als das nackte Leben gerettet. Zwei Todesfälle sind vorgekommen: ein Mädchen von zwanzig Jahren, das sich durch Sprung aus dem Fenster 'retten wollte, und eine alte Frau, die erstickt ist, sind gestorben. Die Unglücksstätte macht einen schaudererregenden Eindruck. Die Aermsten wissen nicht, wo sie ihr gerettetes Leben unterbringen sollen. . Viele haben vorläufig im großen Schulgebäude der Alliance, das wie durch ein Wunder den rundherum züngelnden Flammen entrissen wurde, ein Unterkommen gefunden. Jede Klasse ist zu einer Maffenwohnung umgestaltet. Dabei stehen die Feiertage vor der Thür, und die Meisten hatten schon angefangen, sich zu ihrem Empfange vorzubereiten. Aus Neugierde hatte ich wenige Tage zuvor hier und da ein paar Seitenblicke hineingeworfen, um etwas von den Vorbereitungen zum hohen Feste wahrzunehmen. Und es machte mir Freude, zu sehen, wie überall, trotz unsäglicher Armuth, die größte Reinlichkeit herrschte. Die Wände waren frisch getüncht, die Fensterscheiben glitzerten und funkelten im Sonnenscheine des anbrechenden Frühlings, um später vom grausigen Lichte himmelhoch aufschlagender Flammen beleuchtet und verbrannt zu werden! Nun ist alles ein ungeheurer Haufen Schutt und Asche! -Es wird ihnen zuversichtlich geholfen werden! Schon hat der Sultan — eine andere Unterstützung wird nicht ausbleiben — Brod an diese Armen vertheilen lassen. Aber auch unsere Glaubensgenossen im Auslande werden ihre heimgesuchten Brüder in der Türkei nicht ohne Hilfe lassen. Im Namen der unglücklichen Abgebrannten, die wie versteinert vom Schlage, der sie getroffen, noch ihr Unglück nicht ganz ermessen haben, richte ich an alle Juden, die ein warmes und mitfühlendes Herz für das entsetzliche Mißgeschick ihrer Stammesgenossen haben, die innige Bitte, schnellen Beistand zu bringen! Wer Vertrauen hat, kann seine Spende direkt an mich senden. Ich werde über erhaltenes und vertheiltes Geld an dieser Stelle Rechnung ertheilen. Oscar Horawitz,Barnathan-Han No. 2, I. Pera-Teke. Amerika. C. H. New-York, im März. Der New-Jork Herald veröffentlicht in seiner letzten Sonntagsausgabe Aeußerungen über jüdischenSonntagsg ottesdienst von Dr. Gustav Gottheit und Dr. Joseph Silverman vom Tempel Emanuel und Dr. Rudolph Großmann vom Tempel Bethel. Alle drei Herren stimmen darin überein, daß der traditionelle Sabbath, wie er durch die Gebete gekennzeichnet ist, erhalten werden soll, betrachten aber trotzdem den Sonntagsgottesdienst als eine Nothwendigkeit, um der großen Mehrzahl, welche einem Sabbathgottesdienst nicht beiwohnen kann, Gelegenheit zur religiösen Erbauung zu geben. Das sei keine Konzession an den christlichen Sabbath, sondern eine Konsequenz sozialer Verhältnisse, gerade so wie der Gebrauch des christlichen Datums. Gottheil schreibt den Erfolg der ethischen Külturgesellschaft der Opposition gegen den Sonnlagsgottesdienst zu. Die Artikel sind von gelungenen Porträts der genannten Rabbiner und Faksimiles ihrer Unterschriften begleitet. Non Nah und Fern. — Sein 25jähriges Jubiläum als Dozent an der Universität Berlin feierte am 20. Professor Emanuel Mendel, — Professor Dr. Julius Wolfs, Direktorder Poliklinik für orthopädische Chirurgie, feierte am 21 d. Mts. den 60. Geburtstag. — Die Feier des 25jährigen Amtsjubiläums des Kantors und Lehrers Eduard Abraham in Frankfurt a. O. findet auf Veranlassung des Vorstandes der dortigen Synagogen-G.emeinde am Sonntag den 19. April statt. — Die antisemitische „Deutschnationale Zeitung", die anfangs vor drei Jahren täglich und in letzter Zeit dreimal wöchentlich in Düsseldorf erschien kündigt an der Spitze ihrer heutigen Nummer an, daß sie vom 1. April d. I. ab nicht mehr erscheinen werde. — Der Bau der israelitischen Kinderheilstätte östlich der Frankfurterstraße in Bad-Nauheim, für die von Wohlthätern aus Frankfurt a. M. ein größerer Bauplatz erworben wurde, soll noch im Lause dieses Sommers in Angriff genommen werden. Das Haupthaus soll mit 50, der Jsolirbau mit 6 Betten besetzt und das Ganze nach den neuesten Erfordernissen der Wissenschaft und Erfahrung eingerichtet werden. — Die jüdische Gemeinde zu Durmenach (Oberelsaß) hat Herrn Dr. I. Wiener zum Rabbiner gewählt. — In Bielitz ist Dr M. Steiner vom jüdischen Seminar in Budapest zum Rabbiner gewählt worden. — Die Mehrheit der wehrhaften Verbindungen in Gratz hat den Anschluß an die Wiener Resolution betreffend die Satisfaktionsunfähigkeit der Juden abgelehnt. Fünf Burschenschaften stimmten für den Anschluß, drei Burschenschaften und die Korps lehnten ihn ab. — In einem Pariser Salon hat ein ungarischer Maler, der aber wohlweislich seinen Namen nicht nannte, ein Bild ausgestellt: Uno so6os de meurtre rituel en Hongrie, das dort leider großes Aufsehen erregt. — Albert Fua, ein junger französischer Dichter, hat mit einem Drama: La jeunesse de Luther in Paris großen Erfolg gehabt. — R. Elkan Adler in London besitzt ein seltenes Pentateuch-Manuskript, illustrirt von dem Chasan Farisol, der ein Freund von Christoph Columbus war, und dessen Mäcen, der Fürst von Este, ein Ahnherr der Königin Victoria gewesen ist. — Bei der internationalen Konferenz der Staaten, welche an der Konvention von Bern betheiligt sind, war Italien durch M. Ottolenghi und Holland durch Professor Asser vertreten. — Der Rabbiner Leone Racäh, Professor am Rabbinerseminar zu Rom, ist zum Prediger der dortigen Gemeinde ernannt worden. — Der neu errichtete Lehrstuhl für englische Litteratur an der Universität zu Oxford ist durch Mr. Israel Gollancz besetzt worden. Eine seltene aber verdiente Auszeichnung. — Mr. Moß Henry Morris in Salisbury (Südafrika), ist zum Friedensrichter ernannt worden. Er ist der erste Jude in Rhodesia, dem diese Auszeichnung zutheil wurde. Morris war einer der ersten Ansiedler im Lande. — Bei der kürzlich abgehaltenen General-Versammlung der jüdischen Gemeinde zu Johannesburg kam unter anderem auch die jüngste Krise zur Sprache und es wurde mitgetheilt, daß aus der Kasse der Gemeinde ein Betrag von je. 2000 Mark sowohl dem Unterstützungsfonds der Regierung, als dem Unterstützungsfonds des Reform- Komitees bewilligt wurden. Auf eine Anftage theilte der Reverend H. Jsaacs mit, daß während der ganzen Zeit der politischen Krisis eine große Anzahl jüdischer Familien brodlos waren und auf allgemeine Kosten ernährt werden mußten. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.