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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-27 · Heft 13 (27.3.1896) · p. Seite 156

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 156 (sequence 12)
Language
German
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156 Unterwegs hatte man ihm aber, ohne daß er es merkte, die Haut abgebunden, und null kam er nach Hause und warf den Stecken auf die Erde nieder mit den Worten: „Oi, wie eine schöne Haut Hab ich heut gekauft, aber schwer!" Die spottlustige Gasse johlte über diese Darstellung, uild Awromele war natürlich nicht vonl Fenster wegzubringen. Er wußte ja, um was es sich handelte. Uild als ihn der Lehrer am Rockschoß zog, wurde er fast böse und schrie in das Zimmer hinein: „Me get ehm e Patsch und warft ehm raus!" Es hatte sich nämlich darum gehandelt, ob er auch an diesem Neujahrsfeste das übliche Gebet übernehmen wolle. Natürlich lachten die Vorsteher, aber die komische Szene auf der Gasse hatte eben ihren Höhepunkt erreicht, lind das interessirte unseren Oppositionsmann natürlich viel mehr. Doch die Debatte konnte nicht weiter geführt werden, ehe über das Nelljahrsgebet entschieden war, und deshalb schubste ihn seiil Nachbar noch etwas derber am Rockschoß. Null wurde er aber wüthend und rief mit Stentorstimme in die Versammlung hinein: „Dawke nicht!" ... Wenige Monate darauf legte Awromele sein Amt nieder. Die komische Szene im Gemeindehause hatte sich rasch in der Gasse verbreitet, uild er war tief beschämt darüber, daß er, der mit einer wahren Leideilschaft den Vorbetersport betrieb, für sich selbst einen Patsch beantragt und gegen sich selbst gestimmt hatte. Zehn Jahre später ist er, wie mir sein Sohn erzählte, all einem Magenleiden schwer erkrankt. Als ihm der Arzt eine Medizin verschrieb, schrie er, kaum daß dieser zilr Thür hinaus war, so laut wie er eben noch konnte, „Dawke nicht". Uild so in der Opposition gegen alles Bestehellde ist er allch gestorben. Warum ich Deine Gestalt, ehrlicher Awromele, aus dem stilleil Gottesfriedeu des „guten Orts" heraufbeschwöre? Eiilfach darum, weil es mir gilt, das Bild durch das Gegenbild zu beleuchten, weil ich durch die halbvergaugene Zeit die gegenwärtige illustrireu möchte, weil ich Deiner gedenken muß, so oft und so gern ich in einerVersammlung jüdischer Deutscher bin, die den höchstell und umfassendsten Fragen unserer Gemeillschaft jenen sittlichen Ernst, jene weihevolle Stimmung entgegenbringen. welche die Männer Israels zu allen Zeiten ausgezeichnet. Darum wirst Du mir wohl auch nicht zürnen, mein guter Awromele, daß ich Deinen Schatten aus kühler Grabesruhe heraufbeschworen, um ihn den lebeildigen Bildern einer frischen Gegenwart gegenüberzustellen. Es giebt wohl Leute, die da meinen, es sei besser solche Schatten ruhen zu lassen; mir ist es aber, als hörte ich in diesem Monlent Deine „liebliche" Stimme: „Dawke nicht!" 0. K. Fitterarische Mittheilungen. --- I. H. Jngraham: Die Feuersäule oder Israel in der Gefangenschaft. Aus dem Englischen übersetzt von M. Bauernstein. Frankfurt a. d. Oder 1895. H. Andres & <To. Des Verfassers Plan bei der Erklärung der Geschichte des hebräischen Volkes umfaßt drei Bücher. Das erste der Zeitrechnung nach, obgleich das letzte nach der Folge der Veröffentlichung ist „Die Feuersäule" oder „Israel in der Gefangenschaft". Die Hauptfigur dieses Buches ist Moses. Das Buch beginnt mit der Geschichte zur Zeit des Verkaufs Josephs nach Aegypten und schließt mit der Verkündigung der beiden Gesetzestafeln vom Berge Sinai. Das Werk ist insoforn eigenartig, als es diesen biblischen Stoff, die interessanteste Epoche der hebräischen Geschichte, in Form von Briefen behandelt, die der syrische Prinz Sesostris bei seinem Besuche am ägyptischen Hofe der Königin Amense an seine königliche Mutter Epiphia in Tyrus schreibt. Der Verfasser, ein englischer Pfarrer, hat es versucht und verstanden, durch die gewählte Form die Gestalten vertrauter und lebendiger zu machen und ihre Umrisse so zu ziehen, daß sie dem Gemüth des Lesers eine vollständige Verwirklichung bieten. Sprerftscral. Sehr geehrter Herr Redakteur! s giebt nichts Neues unter der Sonne, und das Wort des weisen Mischnahlehrers: „Wende die Gotteslehre nach allen Seiten hin und her, dann ist Alles in ihr enthalten", gewinnt umsomehr an Bedeutung, als wir im talmudischen Schriftthum auf Aussprüche stoßen, welche zeigen, daß manche Erfindung, auf welche unsere Zeit mit Recht stolz ist, den Talmudisten vielleicht auch schon nicht unbekannt gewesen ist. Mit Recht hat die Entdeckung der X-Strahlen durch den Würzburger Professor von Röntgen die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf stch gelenkt. Diese Entdeckung verliert aber nichts an ihrem Werthe, wenn die folgenden Talmudstellen zeigen, daß auch unseren alten Weisen eine Ahnung von den Eigenschaften der X - Strahlen aufgegangen war. In Bezug auf Exod. 28, 12 bemerken Josafoth zu Sabb. 22b: „Hat denn Gott das Licht nöthig? Verbreitete doch die Wolkensäule in der Wüste 40 Jahre lang überall genügendes Licht, wie es in der Boraitha gesagt wird: Sie schauten auf ein ppBtS (Bogelraufe, Krug), auf ein Faß, und der Inhalt offenbarte sich ihnen." — Ebenso lesen wir im Jalkut Exod. 40: „Rabbi Simon ben Jochai spricht: Während der ganzen vierzigjährigen Wanderung der Israeliten durch die Wüste brauchten sie am Tage nicht das Sonnenlicht und des Nachts nicht das Mondlicht. Wenn der Horizont sich röthete, wußten sie, daß die Sonne untergegangen war, wenn er sich aufklärte, wußten sie, daß die Sonne aufgegangen war. Schaute Jemand auf ein Faß, so wußte er, was dasselbe enthielt, blickte er auf ein Tofiach, so wurde der Inhalt ihm offenbar." Hochachtungsvoll Berlin, 18. März. A. Glaßberg. Gebet um Thau (für das Passah-F-st) nach dem ungarischen Texte von Jösef K iß. (s^-lehend um Thau Für Flur und Au Nahen wir Dir. Auf dich vertrau' In heil'ger Schaar Volk, das geschmachtet, In Wüsten genachtet. Betet zu Dir. Baja. Starret die Flur In der Natur. Gieb doch den Thau. Stein sich belebe Blume sich hebe. Lechzende Äu Morgen ist grau, Thränend der Thau. <J/r*j[gVs> Auch in das Herz, Ringend im Schmerz, Sende dein Licht. Uebe die Gnade, . Noch in dem Grabe Zittert dein Licht, Zündet das Leben Himmel ergeben. Dr. S. Nascher. Hochgeehrter Herr Redakteur! Sn der jüngsten Nummer Ihrer sehr geschätzten Zeitschrift brachte der verehrte Kollege aus Ostpreußen einen höchst interessanten Bericht über eine von ihm vollzogene Trauung, bei der auch ein Badchen mitgewirkt hatte. Der Referent erklärt dieses mir ganz unbekannte Wort, dessen Bekanntschaft ich erst heute zu machen die Ehre habe, mit Marschelek, was mir ebenso fremd ist als das Badchen. Wenn ich meiner Vermuthung Ausdruck geben darf, so ist das Wort Badchen aus dem aramäischen, eigentlich syrischen „heiter sein" abzuleiten, vergleiche Taanith 22 a, während Mar - Schalk das Marschelek des Herrn Kollegen bedeuten soll. Oder sollte der letztgenannte Marschelek mit dem hebräischen Meichniß im Zusammenhänge stehen? Ich würde dem Herrn Referenten, der wohl den Ursprung dieser beiden Ausdrücke kennt, dankbar sein, wenn er die Güte hätte, dieselben öffentlich zu erklären. Hochachtend Halle a. S., 17. Marz. Dr Siegmund Feßler. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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