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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-27 · Heft 13 (27.3.1896) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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355 Es bleibt demnach als ein Fortschritt in der Behandlung der Esthersage gegenüber dem deutschen Borbilde und der Quelle nur eine idealere, freilich auch unwahrscheinlichere Ausgestaltung des Mardochaicharakters, die denn auch am meisten Beifall erwarb. Mannesmuth vor Königsthronen wird immer applaudirt im Theater. Mir will freilich inniger und tiefer die heiße Liebe Mardochais zu Esther bei Grillparzer erscheinen, mit dessen Werk sich, was ja auch kaum zu beanspruchen ist, „Hadasa" nicht messen kann. Sein Fragment ist mehr ein Ganzes, als die naive Bibelerzählung und Georg Engel's Stück. Und dann bleibt es als ganz interessant zu konstatiren, daß in einem Estherschanspiele das Wort „Jude" nicht vorkommt, wie bekanntlich in dem Estherbuche selbst der Name Gottes nicht vorkommt. --1 1—-! II--WS.-, MMuWMMMWvWskMMMMsMtlMMMWWMßiMWWMMMflW |—| I-' MWiMM 1 FEUILLETON | 71 Jf ÜBü - MlMMMniIMWMmIWWMmmMMMWmWWlMWMuWWWitWWWUA -TS5--1 1-1 MM1MW i-- Eine Iugrnderinnerung. (^^T^ach langen bangen Jahren war es kürzlich zum ersten Male, vIaL' daß ich einen Landsmann aus meiner Heimathsgemeinde mitten im Getriebe der Weltstadt, in der Leipzigerstraße, zufällig getroffen habe. Ich hatte ihn nach fast 40 Jahren natürlich kaum wiedererkannt. Aber es rief mich Jemand plötzlich: „Gnstel!" an, und diesen Namen hatte ich seit 37 Jahren nicht gehört. Das konnte nur ein Loschitzer gewesen sein, denn nur in der Judengasse meiner kleinen Heimathgemeinde wurde ich mit diesem Vornamen gerufen. Alte, längst entschwundene und begrabene Erinnerungen tauchten mit einem Male vor meinem Auge auf und einten sich zu einem Bilde, das die Tage der Jugend, die Zeiten der Gasse, mir mitten in der bunten Tageshelle der Berliner Wirklichkeit vor die Seele zauberte. Und da war es denn vor allem und vor Allen die eine Gestalt der Gasse meiner Heimath, auf die mich die allernatürlichste Jdeeuverbindung führte, die Gestalt des gutenAwromele Pimperl, des Kahals - Mannes par excellence, dessen Vorname ein Diminutiv ebenso wie der Beiname war und der in sämmtlichen Vorstandssitznngen unserer Gemeinde jahrelang die Opposition anführte. Der elegant gekleidete, modern aussehende Mann, der mich in der Leipzigerstraße nach 40 Jahren sofort wiedererkannte, war nämlich der älteste Sohn Awromele's, und indem ich mich mit ihm unterhielt, tauchten die alten Bilder und Geschichten wieder in meinem Gedächtniß auf, die sich dort um diesen Namen gruppirten und die ich hier als eine Erinnerung an halb vergangene Zeiten erzählen will. Von parlamentarischen Formen wußte die Gaffe nichts; es war der Schulklopfer, der die einzelnen Mitglieder des Vorstandes eine halbe Stunde vor der Gemeindesitzung direkt abholte. Natürlich war auch die Debatte in diesem Gemeindehause frei von allem parlamentarischen Zwang. Eine Präsidentenglocke oder eine Rednerliste war überflüssiger Luxus, ja bei wichtigen Debatten sprachen alle Mitglieder zugleich und das Protokoll hatte der Gemeindelehrer, der auch zugleich Sekretär des Vorstandes war und mit großer Schlauheit eigentlich die ganze Gemeinde leitete, meist schon vor jeder Sitzung ertig gestellt und sauber abgeschrieben. Daher kam es denn auch. daß uns Jungen, die wir meist gerade im eifrigsten Spiel begriffen waren, ein furchtbarer Lärm in der Gemeindestube immer an die Parterrefenster derselben lockte — es war der Kampf der Opposition, die unser Awromele anführte. Und merkwürdigerweise schleuderte er in die erregten Wogen der Debatte wie ein eeterrnn eenseo allemal doch nur das nämliche Wort: „Me get ehm e Patsch im warft ehn raus!" Das war das Alpha und Omega seiner Staatsweisheit, das aber auch für jeden Fall paffen mußte. Einerlei, ob es sich um die Renitenz des Schulklopfers oder um die Steuerverweigerung eines Balbos oder natürlich auch — falls einmal die Whigs mit Awromele am Ruder waren — um die Opposition eines Vorstandsmitgliedes handelte, welchem dies in der That schlagende argumentum ad homiuem selbstverständlich ungeheuer imponirte. Auf eine nähere Motivirung ließ sich unser Awromele prinzipiell nicht ein. Sein ständiger Antrag war das oben zitirte geflügelte Wort und sein liberum veto bei allen Abstimmungen lautete immer einfach, klipp und klar: „Dawke nicht!" Ueberzwanzig Jahrelang war Awromele Mitglied des Gemeindevorstandes. Er wurde auch regelmäßig ohne jede Agitation wieder gewählt, weil man ihn trotz seiner Anträge und Abstimmungen als einen selbstlosen und selbstständigen, ehrlichen unb unabhängigen Mann in der ganzen Gasse kannte. Er hatte eigentlich nur zwei Fehler: er war ungeduldig und neugierig. Und diese beiden Fehler potenzirten sich bei ihm mit den Jahren derart, daß er bei der Berathung von Gemeindeangelegenheiten, die alljährlich mit derselben Regelmäßigkeit wiederkehrten, gar nicht mehr zuhörte, sondern, wenn er um seine Meinung gefragt wurde, einfach den bekannten Satz wiederholte: „Me get ehm e Patsch un warft ehn raus!" und wenn es sich in solchen Fällen um Abstimnnmgen handelte, sein donnerndes „Dawke nicht" in die Versammlung schleuderte. Brauche ich es erst zu sagen, daß diese konsequente Methode allerdings manchmal zu seltsamen Inkonsequenzen und auchzu komischen Austritten führte? Ein solcher ist mir in lebhafter Erinnerung, und ich will es versuchen, ihn hier, so gut es geht, zu schildern. Awromele war auch ein Sänger, oder er bildete sich wenigstens ein, ein solcher zu sein. Seine Stimme klang ungefähr wie das Rasseln eines Spediteurrollwagens über hartes Steinpflaster. Gleichwohl hatte er schon seit 24 Jahren das Schacharit-Gebet am 1. Tage des Neujahrsfestes vorgesungen, und es wagte Niemand an dieser Mission, die in der Gemeinde stets als eine besondere Auszeichnung angesehen wurde, je zu rütteln. Alljährlich vor den hohen Feiertagen wurden zwar die Gebete in einer Gemeindesitzung an die einzelnen Baal-tefillos vertheilt: aber es geschah dies doch nur pro t'orrna. In Wirklichkeit wußte man sehr genau, daß kein Anderer als Pinchas Möhler das Kol-Nidrei-Gebet, der Rabbiner das Nei-lah und selbstverständlich unser verehrter Freund Awromele das Frühgebet des Neujahrstages vortragen würde. Es war also wirklich nicht nothwendig, daß Awromele zuhörte, als es sich um die übliche Vertheilung der Gebete handelte, zumal da ein seltsamer Vorgang auf der Gasse seine Neugier in hohem Grade erregt hatte. Der Hanswurst der Judengasse meiner Heimath — an einem solchen fehlte es bekanntlich in keiner alten Gemeinde — gab nämlich soeben vor zahlreich versammeltem Publikum eine kleine Exiravorstellung. Er stellte sehr komisch die Szene dar, wie Schloime Kraus, ein wegen seiner Dummheit rühmlichst bekannter Hausirer, von dem Dorfrichter in Pawlon nach laugen mühseligen Verhandlungen für vier Gulden eine große Kuhhaut gekauft und dieselbe an seinen Stecken gebunden auf der Schulter nach Hause trug.

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