Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Von Alfred Berg. m vorigen Freitag wurde im Königlichen Schauspielhaus ein Märchenspiel in vier Akten von Georg Engel, einem jungen, schon oft mit Lob genannten jüdischen Autor, aufgeführt. Das Stück „Hadasa" errang sich warmen Beifall, der freilich der vorzüglichen Aufführung mindestens ebenso galt wie dem Inhalt des Werkes. Aber wenn auch „Hadasa" nicht reif genug ist, um sich dauernd, oder geraume Zeit auf der Bühne zu erhalten, bietet es doch manche interessante Anregung und Erinnerung. Einen Akt des Dramas hat der Autor übrigens bei der Purimfeier des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur im vorigen Jahre vorgelesen. Hadasa ist Esther; Mardochai wird Mardonius genannt, mit einem aus der gräko-persischen Geschichte bekannten Namen also. Dem König und den Nebenpersonen gab Engel gleichfalls im Buch Esther überlieferte Namen, seinem Vorgänger in der Behandlung des Stoffes, Grillparzer, darin Folge leistend. Uebrigeus sind bis auf Ahasver diese Personen für die Handlung des Stückes bedeutungslos. Bei der Dichtung der Fabel hat der Verfasser sich viele Abweichungen von der Ueberlieferung gestattet, selten zum Vortheil des Stückes. Er hätte besser gethan, auch hierin Grillparzer 311 folgen, der, soweit der Torso erkennen läßt, sich getreu an die naive und doch so lebendige und spannende biblische Dichtung anschließen wollte. In der Hadasa wird Ahasver von Vasthi betrogen, zur Rache schwört er nunmehr, seine Gattin am Morgen nach der Hochzeit hinrichten zu lassen. Um wie viel feiner ist die Grillparzer-biblische Vorfabel, nach der der König Vasthi verstieß, um nicht als Weiberkuecht der Verachtung anheimzufallen, da sie, seinem Gebot der orientalischen Sitte entgegen, beim Männergelage unverschleiert zu erscheinen, nicht Folge leistete. Der Verfasser nieinte 311 Unrecht, die Märchenstimmuug besser zu treffen, wenn er das Scheheradeiunotiv zur Grundlage des Stückes machte. Durch den blutigen Schwur des Königs kommt ein für die gefällige Darstellung auf der Bühne viel zu schwerer, disharmonischer Klang in die Komposition des Schauspiels und eine Schwierigkeit in die Fortführung der Handlung. Dann, nachdem der König der ihm als Ersten zugefiihrten Hadasa das Leben geschenkt hat, — halb gerührt durch ihre Lieblichkeit und vor allem aus Dankbarkeit für ihren Vater, nicht Oheim, Mardonius, der ihn von einer Dolchwunde heilte. — und so seinen Schwur gleich gebrochen hat, thut er es sofort noch einmal, indem er gelobt, Hadasas Stamm, die Aegypter wird er einmal genannt, auszurotten, weil Mardonius ihm die geforderte Anbetung im Hinweis auf seinen Glauben nicht darbringen will. Schließlich rettete Hadasa durch Erzählung eines Märchens sich und ihr Volk; der König heirathet sie und wird sich nun sicher bestreben, ein guter Herrscher zu werden. Schon aus der Fabel ergiebt sich eine gewisse Unsicherheit des Planes, die bei der Durchführung auf der Szene noch krasser wirkt. Vielfache Anklünge an Fuldas Talisman raubten dem Stück dazu noch die Originalität, die der Verfasser sich durch Loslösung von der Bibel und Grillparzer gerade hat sichern wollen. Völlig unbegreiflich mußte es endlich erscheinen, daß das kräftigste und vielleicht interessanteste Element der Ueberlieferung, Hamau, ganz auf das Niveau der Höflinge gedrückt wird, von denen die Bibel nur leere Namen vermeldet. Was eine „Hadasa" aus den Rahmen der gewöhnlichen Theaterstücke heben muß, ist nicht das Persönliche, das Schicksal der jungen Königin, sondern das Verhältniß ihres Lebens zu dem ihres Stammes. Die Bibel ist naturgemäß kulturhistorisch am treuesten. Für sie ist Esther eigentlich ganz uninteressant, eine von den vielen Frauen des Königs, allerdings die erste, aber doch so, daß sie Gefahr läuft, ihr Leben zu verlieren, wenn sie ungerufen vor dem König erscheint. Nur dem ungestümen Drängen Mardochais, seiner wiederholten Mahnung, die prophetisch mit einem Fluche schließt, folgt sie, mit einem gewissen Fatalismus „komme ich um, so komme ich um". Auch würde sie trotz ihrer Liebe zu Mardochai sich nicht in Lebensgefahr begeben, die Furcht, mit ihrem Stamme getödtet zu werden, ist das treibende Motiv. Der eigentliche Erretter der Juden ist der Mardochai, in dessen Händen Esther Werkzeug ist, und er ist ein sehr weitausschauender Mann. Daß Jemand in dieser orientalischen Wirthschaft das Szepter führt, ist nöthig; ist es nicht Haman der Agagiter, so ist es Mardochai der Jude. Freilich berührt es, nach der biblischen Darstellung, angenehm, daß Mardochai seine Stellung wenigstens durch Aufdeckung der Verschwörung verdient hat; nur hätte er die Gewalt etwas maßvoller gebrauchen dürfen. Die schönste Gruppiruug giebt fraglos Grillparzer. Hier sieht man doch, daß Esther werth ist, Königin zu sein. Und hier ist sie cs auch wirklich, scholl deshalb, weil Ahasver nicht der über tausende Frauen gebietende Herrscher ist, sondern der üebenbe Manu. Von dem Augenblick au, wo sie an Vasthis Stelle tritt, freiwillig, weil sie den König liebt, wird sie von ihrer Vorgängerin, die mid) dem Plan Grillparzers „Hintergrund aller Jntrignen bei Hofe" sein sollte, befeindet werden. Vasthi nimmt die Stelle ein, die die Bibel Haman giebt, er ist ihr Werkzeug, wie dort Esther das Mardochais. Aber ihn verbindet mit ihr rieben dem Interesse alich der gekränkte Stolz über Mardochais Hochmuth. Dieser selbst hat feine persönlichen Wünsche, ihn treibt nur die Liebe für sein Kind und die Ueberzeugung von der hohen Seildllilg seines Volkes. Und für Esther, die nach der Bibel in bleicher Todesflircht um ihres Lebens halber die Jllden retten muß, ist das bei Grillparzer ilebensächlich, vielleicht wollte er die Bedrohullg der Juden ganz weglassen, benn sie streitet um ein dichterisch höheres Gut als Einfluß und Leben, um ihre Liebe. „Hadasa" enthält also einen großen Rückschritt. Wieder ist es die Furcht und nicht die Hoffnulig, die Esther alltreibt. Uild diese Todesangst wird dadurch noch unangenehmer, daß sie sich zweimal wiederholt nnb an die Stelle von Haman, beziehungsweise Vasthi, jetzt Ahasver getreten ist. Die Behauptung, daß Esther diesen Mann, dessen Schwüre Mord bedeuteli, liebt, ist widersimlig; dann würde sie ilicht von ihlil ihr Leben erbetteln, sondern seine Liebe erstreben, gleichviel unter welchen Bedillgungeli. Zudem wird sie wieder in die Odaliskenstellung der Bibel gedrückt, höchstens in die der Rahel, der Jüdin voll Toledo, die dem König nlir ein Zwischenspiel ist. Liebte er sie wirklich, würde er sie liicht tobten aus Rache gegen ihren Vater. Dieser aber, Mardoliius, weist in seiner Charakterisirung gegenüber der Bibel Vorzüge auf. Eillmal ist er ganz uneigennützig, ein Cincinatus, der in der Weisheit des Landes sich am wohlsten fühlt, freilich in unausgesetztem Studium. Dann aber ist der Grundgedanke, der ihn treibt, dem König zu widerstreben und so das Unheil über sein Volk und sein Kind zu bringen, ein edler — der Glauben. Er beugt die Knie vor bem einzigen Gott, nicht vor menschlicher Vermessenheit. Und darin kann ihll keine Gefahr irre machen. Wird er so wieder, wie in der Bibel, der eigentliche Mittelpunkt der Geschehnisse, so fällt die Errettung aus der Gefahr doch Hadasa anheim. Sie wollte den Vater zur Anbetullg überreden, ihr lag das Martyrium fern, aber sie errettet ihn und sich und ihre Stammesgenossen, ein wenig kätzchenhaft, durch ein paar kluge, schmeichlerische Vorwürfe.