Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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158 geordml, streng wissenschaftlich, — aber doch nur ein Versuch, worin es auch an Mißverständnissen nicht fehlt. Es scheint mir gerade für die Litteraturvereine eine der wichtigsten Aufgaben zu sein, diese Studien anzuregen und zu fördern. Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten: In Deutschland ist jüdisches Volksleben nur noch in Fragmenten vorhanden. Diejenigen, die noch ganz jüdisch leben — und das sind doch nur kleine Kreise — behandeln die Materie am liebsten vom juristischen Standpunkte: Nicht wie das Leben ist, sondern ob es so oder so dem Gesetze entspricht, das interessirt sie! Und diejenigen, die nicht nach dem talmudischen Gesetze leben, die wollen zwar das Wesentlichste der jüdischen Religion—den reinen monothcistischen Gottesgedanken als Grundlage der Sittlichkeit— beibehalten, aber für das national und volksthümlich Jüdische haben sie keine Sympathie, weil es ihnen als Last erscheint. Darum, weil die großen aktuellen Parteien so wenig Jntereffe hierfür haben, darum muß hier gerade die Wissenschaft eingreifen und neue Ideen hervorbringeu, indem sie die alten aus dem Schutt der Jahrtausende herausgräbt. Wie unsere Vorfahren gelebt und geliebt, gelitten und gestritten, wieviel davon noch in unserer Generation lebendig ist, das muß Jeden interessiren, da kann Jeder mitsammeln. In jeder Familie finden sich davon noch — theilweise bewußt, zum größeren Theile unbewußt — Reminiszenzen, selbst in denjenigen, die sich am weitesten vom Judenthum entfernt haben. Die Litteraturvereine sollten nach dem Muster anderer wissenschaftlicher Enqueten unter Zuziehung von Sachverständigen eine Samnielforschnng über ganz Deutschland anregen und die Nachrichten über die noch in Uebung befindlichen Sitten und Gebräuche aufspeichern! Es werden allerdings diese Nachrichten sorgfältig nachgeprüft und gesichtet werden müssen. Noch mehr als bei der allgemeinen Volkskunde ist die Gefahr dilettantischer und tendenziöser Behandlung hier vorhanden. Und zwar aus einer doppelten Reihe von Gründen. Unser reißt uns mehr hin, kritisirend vorzugehen, als ruhig zu schildern. Wir sind geneigt, die Sachen nicht so zu betrachten, wie sie sind, sondern uns darüber zu äußern, ob sie gut oder schlecht sind. Und andererseits haben wir Alle so böse Erfahrungen gemacht, daß wir immer ängstlich erwägen, ob nicht diese oder jene Mittheilung uns und den Unsrigen schaden kann. Aber, wenn man die Sache ernst anfaßt, wird es gelingen, diese Fehlerquellen zu verstopfen. Und wenn wir erst einmal gelernt haben, unse r eigenes Volksthum zu erkennen, dann erst werden wir in der Lage sein, die Forderungen, die wir an uns selbst und diejenigen, die wir an die Andersgläubigen stellen dürfen, befriedigend zu formuliren und durchzusetzen. Darum sollte man stets, wenn Einem die Frage vorgelegt wird: „Soll man die alten Sitten beibehalten oder abschaffen?" nur antworten : „Lernt sie erst kennen und gebt Euch Mühe, sie zu verstehn. Dann werdet Ihr in jedem. Falle selbst entscheiden können." Meine Damen und Herren! Das Jntereffe für die Volkskunde überhaupt und für das der Juden insbesondere muß bei unserer gelehrten Jugend wieder erwachen. Und die Zeit hierfür wird und muß kommen. Es geht uns Juden nicht anders als anderen Volksstämmen. Sobald sie von der allgemeinen Kultur berührt werden, werfen sie mit Eifer alles Charakteristische ab. Der Bauer, der in die Stadt zieht, will kein Bauer mehr sein. Erst die Urenkel schätzen das Uebriggebliebene und bringen es zu hohen Ehren. In den vornehmen Familien wird das Alterthümliche gehegt, und gepflegt und als Adelsbrief betrachtet, aber nicht bei den Parvenüs. . Verehrteste! Ich kann nicht schließen, ohne noch eine allgemeine Betrachtung anzusügen. Die moderne Ethnographie oder Völkerkunde — die der Volkskunde am nächsten verwandte, obgleich — wie die Gelehrten behaupten — mit ihr nicht ganz identische Disziplin — wird jetzt auf der Lehre von den Elementargedanken aufgebaut den Völkergedanken, wie sie Altmeister Adolf Bastian, der Schöpfer und Leiter des Völkerkunde-Museums in der Königgrätzerstraße, nennt. Diese Lehre nimmt an, daß in der Menschheit stets dieselben Gedanken und Vorstellungen wiederkehren. Sie sind der Menschheit angeboren. Diese Wisienschaft beschäftigt sich zwar vorläufig nur mit Vorstellungen der Naturvölker, die dem civilisirten Sohne des Jahrhunderts recht thöricht Vorkommen, z. B. mit der Idee, daß man dem Todten zu seiner langen Reise Speise und Trank mit in das Grab geben müffe, — daß man) mit Menschenblut Zauberei treiben könne, — daß alles Nebel von bösen Geistern herrühre und daß man diese durch Klappern oder durch schreckliche Masken vertreiben könne, und Aehnliches mehr. Diese Völkergedanken finden sich bei den Naturvölkern des ganzen Erdballs wieder; es ist nicht selten, daß die Indianer des Nordwestens genau ebenso denken, wie ein Volk von Central-Asien oder von Inner- Afrika, ohne daß ein Zusammenhang zu konstatiren wäre. Ganz ähnliche Vorstellungen findet man dann wieder bei dem Landvolk der höchst civilisirten Völker Europas. Und schließlich konstatirt man aus den alten Schriftstellern, daß ganz gleiche Vorstellungen als Gebräuche der Urzeit und als alte Sagen berichtet werden. Der Frauenraub z. B. als Grundlage der Ehe wird nicht nur bei den meisten Naturvölkern, Eskimos Asiaten, Negern, Indianern u. s. w. geübt. Auf denselben deutet die römische Erzählung vom Raub der Sabinerinnen und der am Schluß des Buches der Richter erzählte Raub der Töchter Siloh's durch die Benjaminiten. Und wenn Sie die Dorfsitten in Deutschland betrachten, finden Sie, daß an vielen Orten der Brautwerber mit dem Spieß in der Hand kommt, eine letzte Reminiszenz an dieselbe Anschauung, daß nämlich die Ehe in der Forni einer gewaltsamen Entführung der Braut durch den Bräutigam und seine Freunde geschlossen werden muß. Meine Herren! Auch nach dieser Richtung hin ist das jüdische Schriftthum noch nicht genügend untersucht; auch hier ist ein weites Feld für den Forscher. Israel ist seit den ältesten' Zeiten mit den verschiedensten Völkern zusammengekommen und hat Spuren von deren Jdeen,in seine Schriften aufgenommen. Freilich sind' sie oft schwer zu erkennen; denn der jüdische Schriftsteller hat dielheidnische Idee meistens nach seiner monotheistisch - sittlichen Anschauung umgewandelt. Entweder ist dem.barbarischen Gebrauch ein feines Philosophem untergelegt worden.^ Oder eine poetische Erzählung wird übernommen, aber mit einer nationaljüdischen Pointe versehn u. dergl. mehr. Vieles, was in unserer Religion dunkel und unerklärlich scheint, wird auf diesem Wege durchleuchtet werden können. Doch ist, wie ich immer wiederhole, strengste Wissenschaftlichkeit erforderlich, damit etwas Ersprießliches geleistet werde. Dilettantismus ohne wissenschaftliche Kontrole kann statt der erstrebten Klarheit nur Verwirrung schaffen. Werthe Freunde! Es ist meine Ueberzeugung. daß, wenn erst die Völkerpsychologie die Elementargedanken der Naturvölker gründlich durchforscht haben wird, man auch die Ideen der Civilisation an dieselben wird anreihen können. Als oberster Gedanke, wie er der Menschheit eingeboren ist, wird dann schließlich die reine Gottesidee erscheinen. Dies wird die Krönung des wiffenschaftlichen Gebäudes sein — gerade so, wie es von unseren Propheten verkündet wurde und in uns lebendig ist: „Dereinst wird Gott allein erkannt werden und sein Name allein."