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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-27 · Heft 13 (27.3.1896) · p. Seite 148

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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Frage gehe dahin, ob die preußischen Volksschulen konfessionelle Schulen sind oder nicht? Ein Mann wie Gneist habe dies bestritten, und er könne auf den bekannten Beschluß verweisen, nach welchem die Berliner Gemeindeschulen nicht kofessionell sind, mit Ausnahme der bekannten zehn Schulen. Sollen aber die Gemeindeschulen konfessionell sein, dann müßten jüdische Lehrer überhaupt nicht zugelassen werden; es liege aber gar keine Logik darin, jüdische Lehrer zuzulassen und sie dabei zu degradiren und zu chikaniren. Die Resolution des Ausschusses behage ihm nicht ganz, er habe aber davon Abstand genommen, eine Gegenresolution einzubringen. Der Rechtsweg sei für die Stadt nicht zu beschreiten, es bleibe nur übrig, die Oeffentlichkeit anzugehen. Die Resolution solle den Klageantrag darstellen und zum Ausdruck bringen, daß man unentwegt an den seit zwanzig Jahren befolgten Grundsätzen festhalten und nicht daran zweifeln wolle, daß Aufklärung und Toleranz doch den Sieg behalten werden. (Beifall.) Stadtverordneter P retzel erklärt, daß er auch heute seinen den Vorrednern entgegenstehenden Standpunkt betonen müsse. Er behaupte, daß in der Versammlung nicht ein christlicher, sondern ein antichristlicher Standpunkt vorherrsche. Er behaupte ferner, daß in der Versammlung Mancher seiner Ansicht sei, aber er sei der Einzige, der es für gut halte, seine Ueberzeugung zum Ausdruck zu bringen. (Lachen.) „Jawohl, ich bin überzeugt, daß eine große Anzahl der Berliner Einwohner mit Unruhe auf die stets wachsende Macht des Judenthums blickt!" Redner führt sodann aus, daß ein jüdischer Lehrer nicht geeignet sei, christlichen Kindern Unterricht zu ertheilen. Wie könne er z. B. in Geschichte unterrichten, die doch so unmittelbar mit der christlichen Religion verbunden sei? Es sei ein Gewissenszwang für manche christliche Eltern, ihre Kinder zu einem Juden in die Schule zu schicken. Es höre sich recht hübsch an, wenn auf Kant und Lessing Bezug genommen werde. Kant und Lessing seien vielleicht große Männer gewesen, aber der Geist Christi sei doch größer, und in dem Geiste Christi solle die christliche Jugend unterrichtet werden. (Unterbrechung.) Möge man den Antrag A. ruhig annehmen, er habe nichts dagegen, denn die Aufsichtsbehörde werde wenig auf die Beschwerde geben. Was die zweite Resolution betrifft, so frage er, was dieselbe eigentlich bedeuten solle. Wolle man damit zu Ungehorsam aufrusen? (Große Unruhe. Rufe: Ja!) Er halte es für seine Pflicht, die Versammlung vor unbedachten Schritten zu bewahren (große Heiterkeit) und zu zeigen, daß in der Versammlung wenigstens ein Mann ist, der die Würde der Stadt richtig wahren will. (Gelächter. Rufe: Wenigstens ein Mann, der Preßkohlen vertheilt!) Bürgermeister Kirschner widerlegt die vom Stadtverordneten Neumann in Bezug aus die Uebertragung der Befugnisse von Kreisschulinspektoren auf die Stadtschulräthe geltend gemachten Bedenken sowohl in formaler, wie materieller Beziehung. Wenn jetzt Befugnisse, die bisher den Hilfskräften der Stadtschulräthe zustanden, auf die letzteren selbst übertragen werden sollen, so leide die Selbstverwaltung nicht darunter, um so weniger, als die Stadtschulräthe der Verwaltung noch näher stehen als die Schulinspektoren. Was die religiösen Fragen betreffe, so müsse er sich in einen entschiedenen Gegensatz zu dem Vorredner setzen. (Hört!) Er meinte, es handle sich hier um den Gegensatz zwischen christlicher und antichristlicher Weltanschauung. Er selbst glaube auf das Prädikat eines Christen ebensolchen Anspruch zu haben, wie der Vorredner und müsse behaupten, daß der Standpunkt des Vorredners ein unchristlicher ist. (Beifall. Sehr wahr!) Das Christenthum kenne nur die Liebe zum Nächsten, auch den Andersgläubigen gegenüber, dem Christenthum sei fremd und fern der Haß, auch der Haß Andersgläubigen gegenüber. (Lebhafter Beifall.) Der Gegensatz, um den es sich hier handle, sei nicht der der christlichen und unchristlichen Weltanschauung, sondern der Toleranz und der Intoleranz. (Sehr wahr!) Wer uns zumuthet, den Standpunkt der Toleranz aufzugeben, der schraubt uns auf Jahrhunderte zurück. (Lebhafte Zustimmung.) Ganz falsch sei es, wenn der Vorredner behaupte, daß der Unterricht von christlichen Kindern durch jüdische Lehrkräfte einen Gewissenszwang darstelle. Zunächst treffe ein solcher Unterricht für den allergrößten Theil unserer Gemeindeschulen nicht zu; andererseits wolle er hier besonders hervorheben, daß noch nie, so lange jüdische Lehrkräfte an den Volksschulen bestehen, aus der Bürgerschaft ein Widerstand dagegen laut geworden sei. Das bezeugen die Schulinfpektoren. (Hört!) Die Bürgerschaft stehe auf der Höhe der Anschauung, die erkennen lasse, daß der Grundsatz der Toleranz auch in dieser Frage aufrecht erhalten werden müsse (Beifall.) Was die Bemerkungen des Stadtverordneten Neumann gegen die Form der Magistratsbeschwerde betrifft, so bezweifle er, daß es zweckmäßig gewesen sei, gerade in diesem Augenblicke Differenzpunkte zu konstruiren. (Sehr wahr!) Das Hauptgewicht habe er auf den Eingang und das Ende der Beschwerde gelegt, und wenn dazwischen Ausdrücke Vorkommen, die Herrn Dr. Neumann nicht recht gefallen, so bedaure er das von Herzen, versichere aber, daß alles, was da gesagt ist, vom Standpunkte der Toleranz gesagt worden sei. (Beifall.) Er würde es für zweckmäßig halten, wenn es zu einer möglichst einstimmigen Abgabe der Willensmeinung käme. (Lebhafter Beifall.) Stadtschulrath Dr. Bertram bekämpft auch einzelne Ausführungen des Stadtverordneten Dr. Neumann als irrig. Auch er hält es nicht für wünschenswerth, die falsche Ansicht zu verbreiten, als ob in dieser wichtigen Angelegenheit nicht volle Uebereinstimmung zwischen Magistrat und Stadtverordneten-Versammlung herrschte. Dr. Reumann habe in seinen Bemerkungen übersehen, daß die in der Beschwerdeschrift des Magistrats enthaltene Hinweisung auf den Schulchan Aruch durch Bemerkungen des Ministers selbst hervorgerusen seien. Falsch sei es auch, wenn Dr. Neumann meine, wir ständen heute wieder so, wie wir vor zwanzig Jahren gestanden haben. Wer sich heute in jene Zeit zurückversetzen könne, müsse doch zugeben, daß auf dem Gebiete der Volksschule in Bezug auf die toleranten Anschauungen der Kinder und Eltern ganz enorme Fortschritte gemacht sind. (Beifall.) Stadtverordneter Cassel: Für ihn handle es sich nicht darum, Zeugniß abzulegen für die Gesinnung, welche die Versammlung habe, er hoffe vielmehr ganz bestimmt, daß das Vorgehen der Kommunalbehörden für die Sache selbst nicht ohne Nutzen sein werde. Auf diesen Nutzen komme es ihm an. Auf die Rechtsfrage in Bezug auf die konfessionslose Schule gehe er nicht ein, sei aber vollkommen durchdrungen, daß der Kultusminister aus seiner Ueberzeugung heraus geglaubt habe, so handeln zu müssen, wie er gehandelt habe. Daß dieser ohne Noth in die Selbstverwaltung eingegriffen habe, unterliege keinem Zweifel. Er hoffe ganz bestimmt, daß der Minister durch die Vorstellung des Magistrats und die Beschlüsse der Versammlung veranlaßt werden wird, die ganze Sache noch einmal im Ministerium zur Berathung zu bringen und nicht ohne Noth den Frieden zu stören. Er könne sich nicht denken, daß der Minister die betreffenden Lehrer, die angestellte Beamte sind, zu Lehrern zweiter Klasse degradire, indem er ihnen das Ordinariat nimmt. Er sei ferner überzeugt, daß der Minister die Anschauungen des Stadtverordneten Pretzel nicht theile und hoffe deshalb aus der Resolution gute Erfolge. Wenn Herr Pretzel die Sache so darstellt, daß unter den Juden eine antichristliche Partei existire, so müsse das mit allem Nachdruck zurückgewiesen werden. Es gebe gewiß Juden, die ihre Religion nicht preis geben wollen und am wenigsten in einer Zeit, wo ihre Religion verfolgt werde, in einer Zeit, wo die gewissenlosen Erfinder des Blutmärchens ihr Unwesen treiben. Das sei Brunnenvergiftung! Jeder Jude, der seine Religion achte, achte auch die Religion seiner Nebenmenschen. (Beifall.) Wenn Herr Pretzel sage, die Anschauungen, die er vertrete, würden vielfach in der Bürgerschaft getheilt, so klinge dies doch fast komisch angesichts der Thatsache, daß alle Vertreter seiner Richtung aus der Versammlung wieder verschwunden seien und er nur ganz allein dastehe. (Sehr richtig!) Er bitte, die Anträge des Ausschusses anzunehmen. (Lebhafter Beifall.) Die Debatte wird hierauf geschlossen. Bei der Abstimmung gelangen die Anträge des Ausschusses einstimmig zur Annahme — ein wahrhaft erfreuliches Resultat in dieser trüben Zeit! * Herr Stöcker giebt keine Ruhe. Jetzt hat er „als erster Vorsitzender des Gesammtvorstnndes der christlich-sozialen Partei" das Programm der neugebildeten Partei verschickt, worin er u. A. folgende Forderungen stellt: VI. In der Judenfrage. 1. Ausschluß der Juden aus allen obrigkeitlichen Aemtern. 2. Zulassung der Juden zu den anderen Aemtern und zur Advokatur nach dem Bevölkerungsverhältniß. 3. Verhinderung des Ueberwucherns der Juden an den christlichen höheren Knaben- und Mädchenschulen und der jüdischen Lehrkräfte an den Universitäten. 4. Verbot der Judeneinwanderung. VII. In der Frauenfrage. 1. Aus-

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