Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Hälfte Gott und die Hälfte euch; wir haben allenfalls ein synagogales Judenthum, wir bekunden Religion, indem wir Lieder singen und von Gott reden uub hören; aber von dem. was wir in der Schrift lesen : Sie schauten Gott, auch als sie aßen und tranken, von dem, was die alten Weisen „religiöse Festmahle" nennen, jene fröhlichen Zechereien und Gelage, die unsere Väter bei den ernstesten Anläßen oft im Anschluß an Gebet und Fasten zu Ehren Gottes feierten, sind wir meist abgekommen und wir haben die Religion der fröhlichen und Fröhlichkeit heischeirden Jugend dadurch entfremdet. Jene fünf Meister, die in der kleinen Stadt sich zur Paffahfeier bereinigten, waren» vielleicht so klug, wie die Juden der Gegenwart, welche diese Feier ablehnen, weil ihnen Hagada und Seder nichts Neues sagen, aber sie wollten sich den Quell des Trostes nicht verschließen, dessen sie so sehr bedurften. Ein Rabbiner alten Schlages, der noch in die Bewegungen und Strebungen dieses Zeitalters hineinragt R. Jakob Lisfa, bemerkt zu der Erzählung von dem Nachtmahle der Weisen in Bnebrak: Nicht die Vergangenheit allein und die alten Geschichten waren der Gegenstand der Unterhaltung, sondern sie erwogen, wie der Segen dieser Erlösung sich fortpflanzt durch alle Zeiten. Diese fünf Männer, R. Elieser, R. Elasar, R. Josna, R. Akiba, R. Tarphon hatten damals allen Anlaß zur Sorge um die Zukunft; sie hatten die Herrlichkeit des Tempels gesehen und sahen jetzt die Trümmer der Zerstörung. Nicht nur die Einheit des Staates, sondern auch die Einigkeit des Volkes war in Trümmer gesunken; waren denn selbst diese fünf Männer einig, die sich um das Passamahl in Bnebrak gesammelt hatten? O nein, fast jeder vertrat eine andere religiöse Richtung; ein größerer Gegensatz wie zwischen R. Elieser und und R. Akiba ist innerhalb des Judenthums kaum denkbar; der eine ein unbedingter Verehrer der Tradition, der mit einer Cisterne verglichen wurde, die fest und wohlverschlossen auch keinen Tropfen verlor von der ihr anvertrauten Fluth. R. Akiba aber, dessen Kühnheit in der Ausdeutung, in der Umdeutung des Schriftwortes fast bis zuvVerwegenheit ging. Auch die anderen drei Meister gingen vielfach ihre eigenen Wege; Rabbi Josua freilich war der Vermittler unter diesen kühnen und gedankenvollen Männern des Lehrhauses, aber es war nicht das prinziplose Vermitteln, das aus zwei Anschauungen, von denen jede möglicherweise richtig ist, die jedenfalls in sich folgerichtig sind, eine dritte bildet, die sicher falsch ist; sondern es war mehr die versöhnliche Stimmung seiner Seele, die den Gegensätzen die Schroffheit und Schärfe nahm; denn selten sind die politischen oder religiösen Gegensätze so schroff als sie scheinen. Temperament und Eigensinn erweitern ohne Noth die Kluft. Recht haben ist ein Vorzug, Rechthaberei ein Fehler. Hier kann ein Besonnener, ohne seiner Ueberzeugung etwas zu vergeben, nützlich eingreifen. Diese Friedensmission hatte Rabbi Josua. Diesen Geisteskämpfen, denen das Gift des Ehrgeizes, der Eigensucht fehlt, verheißt der Talmud sogar Dauer; denn es ist in Staat und religiöser Gemeinde gar kein Segen, wenn wie in einem Sumpfe Stille und Ruhe waltet; es ist die Ruhe des Todes und der Verwesung. Selbst für den Einzelnen ist bis zu einem gewissen Grade Unruhe noch kein Unglück und es ist ein zum Nachdenken anregendes Dichterwort: „Zufrieden bin ich, aber mir ist nicht wohl dabei". Alle diese Männer setzten sich, trotzdem sie sich so oft bekämpften, als Freunde zur gemeinsamen Paffahfeier, und wie ernst mußte ihr Gemüth gestimmt werden, wenn sie an die Nacht dachten, die sie umhüllte, an den Sturz, den Israel erfahren, wenn sie den Glanz eines Passah in Jerusalem mit dieser ärmlichen Feier in dem kleinen Orte verglichen! Da kamen ihre Schüler und verkündeten ihnen das Morgenroth und sie begrüßten nicht in der Nacht, sondern bei der ausgehenden Sonne die Erinnerung an die Erlösung aus Aegypten. Sollten die Schüler die Lehrer während des Festmahles verlaffen haben und dann wiedergekommen sein? Das ist doch kaum anzunehmen; deshalb wird es um so eher gestattet sein, in alledem einen sinnbildlichen Vorgang zu sehen. Die Schüler selbst sind das Morgenroth für die in der Nacht verzagenden Lehrer; diese Jünglinge sind die Erlösung für alle Noth, die Rom über Israel gebracht hatte. Alle trüben Erinnerungen schwanden, so die Meister auf die begeisterten Jünger blickten, da wußten sie, Glicht nur das alte Israel ist erlöst worden, sondern Israel wird fort und fort erlöst; die Beziehung war ihnen aufgegangen zwischen den Ereignissen Aegyptens, der Nacht und dem Morgenroth, die sie selbst erfuhren. Wie schön wäre es, wenn das Paffahmahl der^ alten Talmudlehrer ein Spiegelbild fände in unseren Tagen! Friedlich sind -die Weisen bei Tische zusammen, die sonst sich bekämpfen, denn es ist nur ein Streit der Gedanken, nicht der Maischen. Auch uns mögen beim Paffahmahl die trüben Gedanken kommen, wenn wir in den sogenannten besten Kreisen soviel Aberwitz, soviel offenbare Bosheit gegen Israel wahrnehinen, wenn unter uns geistig tüchtige und talentvolle Männer sich feig und charakterschwach zeigen; wohl uns, wenn über die Bedenken der Alten eine begeisterte Jugend hinweghilft. Das Heranwachsende Geschlecht, das ist unsere Hoffnung und unsere Zukunft. So lehrt es uns des Propheten mächtiges Wort: „Nur wenn der Jakobsgedanke in dem kommenden Geschlechte wurzelt, dann blüht und sproßt Israel". Die Woche. Berlin, 24. März. fn der Berliner Stadtverordnetenversammlung vom 19. d. M. kam die Frage der jüdischen Lehrkräfte auf die Tagesordnung. Die Debatte über die beiden Erlasse war so bedeutungsvoll, daß wir sie so ausführlich wie möglich bringen müssen. Stadtverordneter Kreitling erstattete zunächst Bericht über den Antrag des Stadtverordneten Dr. Preuß und Genossen, betreffend die neuerdings von den Staatsbehörden in Bezug auf das kommunale Schulwesen erlassenen Verfügungen. Der Antrag des Ausschusses geht dahin: Die Versammlung hat Kenntniß genommen von den Verhandlungen des Ausschusses über den Antrag des Stadtverordneten Dr. Preuß und Genossen, betreffend die neuerdings von den Staatsbehörden in Bezug auf das kommunale Schulwesen erlassenen Anordnungen- und beschließt wie folgt: „Die Versammlung erhebt gegen den Erlaß des Herrn Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten , vom 27. Dezember 1895 und die Verfügung des königlichen Provinzial- Schulkollegiums vom 29. Januar 1896 Protest und ersucht den Magistrat, an den bisher von der Berliner Schulverwaltung befolgten und dem Geiste der Gesetzgebung durchaus entsprechenden Grundsätzen, betreffend Anstellung und Beschäftigung jüdischer Lehrkräfte, auch fernerhin festzuhalten." Der Berichterstatter, Stadtverordneter Kreitling, giebt noch einmal ein Bild der Vorgänge, die zu den Berathungen des Ausschusses Veranlassung gegeben haben. Den wichtigsten Theil der Berathungen bildete die Angelegenheit der Beschäftigung und Anstellung von jüdischen Lehrkräften an den hiesigen Gemeindeschulen. Im Ausschüsse, so hebt der Berichterstatter hervor, sei der Pflichttreue und der Leistungsfähigkeit der jüdischen Lehrkräfte das größte Lob gespendet worden und daneben habe man gezweifelt, ob es angemessen sei, daß das Provinzialschulkollegium in seinen Erlassen an die städtische Schuldeputation immer in einem so imperativen Tone spreche. (Sehr richtig!) Im Ausschüsse sei von verschiedenen Seiten betont worden, daß mit allen Mitteln und