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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-27 · Heft 13 (27.3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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60. Jahrgang. Ar. 13 Berlin, 27. Mär; 1896. Gin unparteiisches Organ Kr alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabdinrr D- Ludwig Philippson-Konn. Verlags-ErpeLition: üeclin, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen sllr Redaktion und l Expedition find an die Adresse: Berlag der I .Allgem. Zeitung deS Judenthums*, Berlin! 8rv., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Berlag von Rudolf Mosse, Berlin.! Inhalt. Leitartikel; Zum Passahfeste. - Die Woche. - Moritz Steinschneider. Von Dr. M. Kahserling. — Zur Volkskunde der Juden. Von Dr. Georg Minden. — Hadasa. Von Alfred Berg. — Feuilleton: Eine Jugenderinnerung. Von G. K. — Gebet um Tbau. Von Josef Kitz. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten; Berlin. Bromberg. Aus Schlesien. Beuthen O.-S.. Wim. Budapest. London. Petersburg. Konstantinopel. — Bon Rah und Fern. Zum Passahfeste. Berlin, 25. März. y4fcgjpinftmal§ saßen fünf der hervorragendsten jüdischen Weisen jenes Zeitalters, welches den Sturz Jerusalems und des Tempels erfahren hat. in einem kleinen Städtchen zusammen und feierten das Passah und redeten vom Auszuge aus Aegypten die ganze Nacht hindurch bis die Schüler kamen und meldeten: Das Morgenroth ist angebrochen, es ist Zeit, angesichts des aufleuchtenden Sonnenlichtes das Schma-gebet zu sprechen, das, wie bekannt, in der Erinnerung an den Auszug aus Aegypten gipfelt. Das ist eine einfache Geschichte und in ihrem einfachen Wortsinn beachtenswerth. Wo hätten die gescheidten Männer unserer Tage Lust und Zeit sich auch nur eine Stunde, geschweige denn die ganze Nacht hindurch mit dem Auszuge aus Aegypten zu beschäftigen? Nicht, daß sie kein Verständniß hätten für die Poesie des alten Seder, jenes Festmahls, wo unsere Väter sich wie Könige fühlten und alle die Schrecken und alle die Erniederung vergaßen, die sie draußen im Leben litten, und den stammelnden Fragen der Kleinen lauschten und in Ernst und Scherz sich zum Bewußtsein der Menschenwürde und der seelischen Freude erhoben. Thränen der Freude und der Wehmuth treten so Manchen ins Auge, so sie der Jugendzeit gedenken und der holden Lust jener festlichen Tafel, die damit begann, daß der Jüngste die erste Probe seiner hebräischen Kenntnisse ablegte und jene kindlich naiven Fragen vortrug. Auch der Uebermuth der Jugend konnte sich regen, wenn einer die Mazzoh, die der Vater nach der Vorschrift für den Schluß der Mahlzeit weggelegt hatte, klug bei Seite brachte und dann nur gegen das Versprechen irgend eines kleinen Geschenkes wieder hergab; dann steigen in der Erinnerung die Sangesweisen auf, mit denen der Vater, begleitet vom Chor der ganzen Tischgesellschaft, den zuweilen etwas wunderlichen Text der Hugadah vorgetragen hat. Möglich, daß diese Melodien vor einer gediegenen Musikkritik nicht Stand halten, aber es waltet doch ein eigener Zauber in diesen Gesängen und so Mancher, der später die Schöpfungen der größten Tonmeister in sich ausgenommen, schwelgt in Wonnegefühlen, so er diese verschnörkelten Lieder vor sich hinträllert, die er am väterlichen Tische vernommen und in unbändiger Jugendlnst mitgesungen hat. Er gedenkt auch manch klugen Wortes, das der behäbig sich anlehnende Hausvater, der ehrwürdige Ahn bei Tische gesprochen, manches ^Geistesblitzes, der die Tafel erhellt hat. Und nun möchte solch ein moderner Mann, der die altjüdischen Erinnerungen in seiner Seele hegt, der so viel unterrichteter, klüger und, um ein Wichtiges nicht zu vergessen, so viel reicher als sein Vater ist, diese Freuden in seinem Hause erneuern. Er sagt sich, daß er es nur der Kinder wegen thun wolle, aber das ist nicht die volle Wahrheit; allerdings möchte er in das kahle und leere Leben der jetzigen Jugend, die häufig nur üppige und kostbare aber wenig köstliche Freuden kennt, diese Blüthen des Gemüthes Hineinpflanzen, die dem altjüdischen Hause Glanz und Duft verliehen haben; allerdings fühlt er, wie seine Anhänglichkeit am Vaterhause, in dem für die nberströmende Zärtlichkeit unserer Zeit kein Platz war, sehr wesentlich in dieser fröhlich-ernsten häuslichen Religiösität wurzelt, und er fürchtet, daß die eigenen Kinder, trotzdem ihnen kein Genuß versagt wird, doch nicht so fest am Elternhause haften werden; aber diese Erwägungen sind es nicht allein, wegen deren ihm die Erneuerung dieser altjüdischen Formen wünschenswerth erscheint; für sich selbst ersehnt er, nach all den politischen und sozialen Kämpfen, nach all der wissenschaftlichen Arbeit, nach all den künstlerischen Genüssen diese schlichte Erquickung der Seele. „Laß mich ein Kind sein, sei es mit," sagte der deutsche Dichter an einer Stelle, wo sich sein erhabener Genius am herrlichsten offenbart. Von der Höhe einer Weisheit, die kahl und kalt ist wie der Bergesgipfel, der in die Regionen des ewigen Schnee's hinaufragt, steigen wir gern hinab in das Weben eines Kindergemüthes, wo uns warm und wohl wird. Und wenn dennoch so viele sich und ihren Kindern diese Freude nicht gönnen, wenn sie an den Pforten des Paradieses Halt machen und sich nicht hineinwagen, so haben sie wohl vor der Welt recht großspurige Gründe; aber in Wirklichkeit hält sie nur die bisherige schlechte Gewohnheit in ihren Banden. Der Mann schämt sich vor der Frau, die Frau schämt sich vor dem Manne, um einzugestehen, daß es doch im Elternhause so viel gemüthlicher gewesen--sei, und beide schämen sich vielleicht vor der nichtjüdischen Dienerschaft, um nicht in deren Augen gar zu jüdisch zu erscheinen. Unser Judenthum ist selbst bei denen, die es halten, heute viel zu feierlich und zu pathetisch. Unsere Väter haben es darin versäumt, daß sie gar zu wenig auf die Würde im religiösen Leben geachtet haben; wir verfallen in das andere Extrem und machen nicht selten die religiöse Uebung dadurch langweilig. Der alte Seder war erbaulich und erfreulich zugleich; hier galt die talmudische Regel: Die

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