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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-20 · Heft 12 (20.3.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 in Lungenentzündung ausgeartete Influenza im Alter von 61 Jahren dahingerafft hatte. Rabbiner Dr. Neubürger hob in seiner formvollendeten Trauerrede insbesondere den human idealen Sinn des Verstorbenen hervor, welcher in vielen gemeinnützigen Vereinen hingebungsvoll thätig war und seinen politischen Gesinnungsgenossen ein treuer, hervorragender Mitarbeiter war. Im Namen des Vereins Fortschritt hielt Herr Lehrer Peter Fischer eine Ansprache, aus welcher die jahrzehntelange, eifrige politische Thätigkeit des Verstorbenen erkenntlich war. Wie Redner legte auch Kaufmann Rosenthal Namens des Vereins Merkur in Nürnberg und des hiesigen kaufmännischen Vereins auf den Sarg seines verstorbenen Ehrenmitgliedes Kränze nieder in Anerkennung zwanzigjähriger verdienstvoller Thätigkeit für die Interessen des Vereins und des Kaufmannsstandes. (Auch wir beklagen in diesem Todesfall den Verlust eines'- treuen Mitarbeiters und langjährigen Korrespondenten, dem wir stets ein herzliches Andenken bewahren werden. Die Red.) Oesterreich-Ungarn. □ Wien, im März. Das unerhörte Vorgehen der sogenannten deutsch-nationalen Studenten an der Wiener Universität, welche sich das Recht anmaßen, jüdischen Studenten, weil dieselben angeblich einer inferioren Rasse angehören und ehrlos seien, die Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen, ruft allgemein die größte Entrüstung hervor. Die deutsch-nationalen Studenten haben nämlich den Beschluß gefaßt, Juden die^Satisfaktion mit der Waffe zu verweigern, nachdem, wie die Begründung dieses Beschlusses lautet, der Jude des Gefühls für Ehre, in dem Sinne, wie sie der Deutsche auffaßt, bar ist. Die jüdischen Studentenverbindungen sind aber nicht so sehr der Ehre bar, um auf diesen Faustschlag hin nicht zu reagiren; der erwähnte Beschluß hat in den betroffenen Kreisen begreiflicherweise große Erbitterung hervorgerusen. Uebrigens haben die „Ehrlosen" über die Motive, die die arischen Helden zu ihrer Entschließung bewogen haben, ihre eigene Ansicht, die von der volltönenden Formulirung der deutschnationalen Studenten ein wenig abweicht. Es wird nämlich von den Studenten auf die Thatsache verwiesen, daß die für satisfaktionsunfähig Erklärten die ihnen jetzt abgesprochene Ehre bisher, wie aus Beispielen hervorgeht, in einer recht erfolgreichen Weise zu wahren wußten. So hätte im letzten Semester eine jüdische Verbindung 51 Mensuren absolvirt, von denen nicht weniger als 29 mit einer „Abfuhr" der Arier endigten. Diese und ähnliche Thatsachen werfen aus die plötzliche Entdeckung, daß den Juden der Sinn für Ehre mangle, ein ganz eigenthümliches Licht. Die jüdischen Studenten selbst können sich aber diese unerhörte, durch nichts begründete Insulte nicht gefallen lassen. Einige von ihnen haben es auch versucht, den Anführer der deutsch-nationalen Studenten, den Studenten der Medizin, Albrecht, zur Rechenschaft zu ziehen, der aber feige genug war, die Satisfaktion abzulehnen und sich das Anerbieten von Ohrfeigen gefallen ließ. Auch zwei antisemitische Studenten, welche Reserve-Offiziere find,' wurden gefordert; es sind dies der Sohn des allgemein gefürchteten Landtagsabgeordneten Pacher, gefürchtet nämlich wegen der Langweiligkeit seiner Reden, und ein Baron Fritz Vranicsany. Die Herausforderer, Lothar Löwy und Julius Pollak, begaben sich zum Platzkommandanten von Wien, um sich darüber Gewißheit zu verschaffen, ob nach den Begriffen der militärischen Ehre das feige Auskneifen mit der Konfession oder Rassenangehörigkeit eines Gegners oder mit einem Beschlüsse, den eine x-beliebige Studentenverbindung gefaßt hat, entschuldigt werden kann. Der Platzkommandant wies die Herren an, sich mit einer schriftlichen Eingabe an das Ergänzungsbezirks-Kommando Nr. 4 zu wenden. Der akademische Senat spricht in einer heute Abend veröffentlichten Kundmachung seine schärfste Mißbilligung über den Beschluß der deutsch-nationalen Studenten aus, wonach ein großer Theil der Kommilitonen der Ehre bar sein soll. Der Senat kündigt weitere allerschärffte Maßregeln an. — Die „Wiener Abendpost" ist ermächtigt mitzutheilen, daß aus Anlaß der Kundgebungen, die am letzten Sonnabend in der Universität stattgefunden haben, ebenso wie hinsichtlich jener Vereinsbeschlüsse, welche dieselben veranlaßt haben, von den zuständigen Behörden die erforderlichen Verhandlungen eingeleitet worden sind. Die Universitätsdekane erhielten den Auftrag, die Führer der einzelnen Verbindungen vorzuladen, die den Beschluß über die Ehrlosigkeit der Juden gefaßt haben. Jene, welche die Veröffentlichung des Beschlusses veranlaßten, sollen relegirt werden.— Vorgestern ist hier der Präsident der österreichischen Kreditanstalt, Carl Weiß von Weißen hall, gestorben, dessen Leichenbegängniß unter zahlreicher Betheiligung der hervorragendsten Kreise Wiens stattgefunden hat. Ruch Absingung eines Trauerchorals unter der Leitung des Oberkantors Singer wurde der Sarg aus den bereitstehenden Leichenwagen gehoben und zur Ruhebestattung nach dem Centralfriedhofe überführt. Hier sprach Dr. Güdemann dem Verblichenen in der Ceremonienhalle einen warmen Nachruf. Die Hinterbliebenen haben nach einer letztwilligen Verfügung den Armen der Stadt Wien 4000 fl. und der Rettungsgesellschaft 1000 fl. übergeben. 6. Budapest, 12. März Der rührigen agitatorischen Thätigkeit der katholischen Volkspartei, auf deren schändliches Treiben wir schon einige Mal hingewiesen haben, ist es gelungen, das alberne Märchen vom Ritual morde neu aufleben zu lassen. Mit welchen Mitteln diese Partei für sich arbeitet, darüber erzählt heute „kesti Naplö“ recht erbauliche Geschichten. Der Führer dieser Partei läßt durch die Redaktion des antisemitischen „Magyar Neplap“ eine von uns bereits avisirte Broschüre erscheinen, deren Titel „Jüdische Blutmorde" ist und welche selbstverständlich den Zweck hat, das Blutmärchen auch in jenen Kreisen zu verbreiten, die sich solchen Agitationen gegenüber ablehnend verhielten. Es wird den ehrwürdigen Herren anheim gestellt, den Preis dieses auf Kosten der Volkspartei herausgegebenen Pamphlets entweder in Baarem zu entrichten oder dafür einige Messen zu lesen. Dieser Schacher mit den edelsten Gefühlen hat bei den vornehm denkenden Mitgliedern des Klerus große Entrüstung hervorgerufen, die in dem früher erwähnten Blatte zu Worte kommt. Trotzdem die Behörden zur Aufklärung des irregeführten Volkes das Möglichste aufboten, siel die von den Anhängern dieser Partei ausgestreute Saat in mehreren Theilen des Landes auf fruchtbaren Boden. In Duna-Szerdahely und Szegszard wäre es zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen, wenn es der Behörde nicht gelungen wäre, die vermeintlichen Opfer des Blutmordes lebend zu eruiren. In Garam-Kis-Sallü aber, wo, wie wir schon einige Mal berichteten, auch ein Blutmärchen auftauchte, hatte die Behörde eine viel schwierigere Aufgabe, nachdem der Selbstmord eines Mannes, der in dieser Affäre viel genannt wurde, von klerikaler und antisemitischer Seite zu ihren Zwecken ausgebeutet wurde. Der wahre Sachverhalt ist folgender: Das Mädchen eines Landmannes wurde am 6. September tobt aufgefunden. Der Pfarrer Fusz verbreitete die Mär, daß das Kind das Opfer eines von dem Gastwirthe Adler begangenen Ritualmordes sei. Der Gerichtshof leitete eine Untersuchung ein und stellte fest, daß gegen Adler kein anderes Verdachtsmoment aufgetaucht ist, als daß er „der jüdischen Konfession angehört", und daß der muthmaßliche Mörder ein Selchermeister ist. Adler, der auch gegen den Pfarrer Fusz, weil er ihn im „Magyar Allam“ al§ Mörder bezeichnet, einen Preßprozeß austrengte, wohnte seit 41 Jahren in dem genannten Orte und erfreute sich eines sehr guten Rufes. Seitdem aber Fusz das Blutmärchen ersann, war er fortwährenden Verfolgungen ausgesetzt. Man mißhandelte ihn und seine Angehörigen. Der arme, in Ehren ergraute Mann wagte es kaum, sein Haus zu verlassen. Das Bewußtsein, eines Mordes bezichtigt zu werden, drückte ihn immer mehr nieder und machte ihn schließlich wahnsinnig. Vor einigen Tagen brachten ihn seine Kinder in die Hauptstadt, wo er als geisteskrank erklärt wurde und die Ueberführung in eine Irrenanstalt abwartete. In einem unbewachten Momente erhängte sich Adler. Dieser für die Sache ganz unbedeutende Zwischenfall wird nun von antisemitischer Seite ausgebeutet. Die Hauptverhandlung des Preßprozesses, der auf Wunsch seiner Kinder weitergeführt wird, wird am 26. d. Mts. stattfinden. Man sieht derselben von beiden Seiten mit großem Interesse entgegen. — Der aus dem Tisza - Eszlärer Prozesse vortheilhaft bekannte Advokat Dr. Ignaz Heumann, der sich durch seine Unerschrockenheit und entsagungsvolle Hingebung, mit der er seiner Pflicht als Vertheidiger nachkam, bemerkbar machte, ist in Nyiregyhaza gestorben. Dieser denkwürdige Prozeß, der ihm viel Ehre einbrachte, verursachte ihm auch viel Unannehmlichkeiten. Man verfolgte ihn auf Schritt und Tritt mit namenlosen Jnvektiven. In ungleichem Kampfe hat er seine und seiner Lieben Sicherheit, Freiheit und Existenz in die Schanzen geschlagen, um der Sache zu dienen, welche er mit Energie vertheidigte. Sein mannhaftes Auftreten hatte noch einen Verleumdungsprozeß, den die Beamten anstrengten, und ein Duell zur Folge. Die Zeit heilte auch diese

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