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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-20 · Heft 12 (20.3.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Wunden. Die besonnene ungarische Bevölkerung überhäufte ihn bald mit Ehrenbezeugungen, und er wurde wieder der populärste Mann der Stadt. Sein Leichenbegängniß fand unter großer Betheiligung statt. Rußland. DS Kowno, 14. Marz. Die russische Judenheit hat einen schmerzlichen Verlust zu beklagen. Rabbi Jizchak Elchanan Spektor hat, wie Sie bereits kurz mitgetheilt haben, am 6. d. Mts. im Alter von 83 Jahren das Zeitliche gesegnet. Der Verblichene, der über dreißig Jahre als Rabbiner in unserer Gemeinde wirkte, hatte sich der Liebe und Hochachtung nicht blos der Mitglieder unserer Gemeinde zu erfreuen, sondern alle in Rußland lebenden Juden sahen zu ihm wie zu einem Heiligen empor. Selbst die Progressisten und Diejenigen, die ihn nicht als die größte talmudische Autorität der Gegenwart betrachteten, waren stolz auf diesen Lehrer in Israel, der, mit allen den jüdischen Rabbiner zierenden Eigenschaften von Gott begnadet, kein anderes Streben hatte, als die Lage seiner Glaubensgenossen in jeder Beziehung, sowohl in religiös-sittlicher, als auch in sozial-politischer, günstiger zu gestalten. Unter all' den Männern, welche in den letzteren Jahren für die Linderung des Elends unter den russischen Juden eintraten, stand der Verblichene als Berather und Mitkämpfer in der vordersten Reihe. Der Name Spektor war für die Juden des großen Zarenreiches ein Programm. Seine Toleranz gegen Andersdenkende hat dazu beigetragen, daß in den letzten Jahren Orthodoxe, Chassidim und Progressisten sich brüderlich die Hand gereicht und zur Bekämpfung innerer Gleichgiltigkeit und äußerer Angriffe sich vereint haben. Kein Wunder, daß die Kunde von dem Ableben dieses Mannes die russische Judenheit in tiefe Trauer hüllte und daß alle, alle an seiner Bahre wie um den Tod eines geliebten Vaters weinten. Wohl an 20 000 Personen, darunter auch zahlreiche nichtjüdische Notabilitäten fanden sich ein, um dem Verblichenen das letzte Geleit zu geben. Kein Auge blieb thränenleer, als der Sohn des Verblichenen, der Rabbinats-Assessor Hirsch Rabinowitz aus Wilna, auf dem Friedhof die Trauerrede hielt. Nur Schluchzen und Klagen vernahm man, als der ehrwürdige Redner von seinem großen Vater Abschied nahm. Von den vielen anderen Reden sei besonderes der Nachruf erwähnt, den der Staatsrath Dr. Feinberg dem Verblichenen in klassischem Hebräisch widmete. Als die sterbliche Hülle dem Staube übergeben wurde, verließen Alle wie eine einzige trauernde Familie betrübten Herzens die Stätte, die nunmehr den Stolz und die Krone der russischen Judenheit birgt. Amerika. C. H. New - York, im März. Die Gemeinde in der Bundeshauptstadt Washington will einen neuen Tempel bauen und hofft, die Mittel durch einen Bazar aufzubringen. — Die Gemeinde Ohabei Schalom in Boston, als eine polnisch-orthodoxe Gemeinde gegründet, hat kürzlich das Union Prayer Book adoptirt und den zweiten Feiertag aufgegeben. — Für denWohlthätigkeitsbazar inNew-Orleans sind schon jetzt 20 000 Dollars an Spenden eingelaufen. — Die -jüdische Litteraturgesellschaft, Jewisli Publication Society, hat die Absicht, die von Jsaac Leeser übersetzte Bibel in revidirter Gestalt herauszugeben und hat die einzelnen Bücher bereits an verschiedene Gelehrte vertyeilt. Von Nah und Fern. ----- Der frühere Vizepräsident des Reichstages, Dr. v. Buhl, ist am 5. d, im 59. Lebensjahre in Deidesheim (Pfalz) gestorben. In diesem bedeutenden Vorkämpfer der nationalen und liberalen Sache verlor auch der Verein zur Abwehr des Antisemitismus einen bewährten Freund. Buhl hat zu den Begründern des Vereins gehört und ist bis zu seinem Tode Mitglied des Vorstandes gewesen. — Herrn M. Spanier, Lehrer an der israelitischen Gemeindeschule in Magdeburg, ist von der philosophischen Fakultät in Bern auf Grund seiner Dissertation und nach bestandenem schriftlichen und mündlichen Examen die Würde eines Doktors der Philosophie ertheilt worden. — Das Antisemitenorgan „Deutsches Tageblatt" in Nord Hausen, welches im sechsten Jahrgange steht und das offizielle Organ des „Deutsch-sozialen Landesverbandes für Nordwest-Thüringen" ist, zeigt soeben seinen Lesern, an, daß es .am 1, April sein Dasein beschließen wird. Viel Seide hat es in den sechs Jahren seines Bestehens nicht gesponnen. — Am 9., 10. und 11. März fand an der Jakobsonschule in Seesen a. H. (berechtigte Realschule) unter dem Vorsitz des herzoglichen Regierungskommiffars, Herrn Gymnasialdirektors Prof. Dr. Brandes aus Wolfenbüttel die mündliche Reifeprüfung statt. Sämmtliche 26 Prüflinge bestanden dieselbe. — Der bisherige außerordentliche Professor Dr. Rosenthal wurde zum Ordinarius für Staats-, Völker- und Verwaltungsrecht an der Universität Jena ernannt. — In Sagan verschied nach kurzem Krankenlager der Bankier Ferdinand Wiesenthal. Der Verstorbene, Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde, nahm nicht allein in Finanzkreisen eine achtbare Stellung ein, sondern führte auch bis vor wenigen Jahren den Vorsitz der Handelskammer für die Kreise Sagan und Sprottau. Seit vielen Jahren war derselbe ferner Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. — Die antisemitische Volkspartei in München veranstaltete zur Feier der Wiener Wahlsiege einen Festkommers, an dem die Wiener Reichstagsabgeordneten Schneider, Schlesinger, Schwert und Hawranek theilnahmen. Schneider hielt die Festrede; die Betheiligung war schwach. — Der Präsident der französischen Republik hat auch in Nizza den Vorstand und den Rabbiner der jüdischen Gemeinde empfangen und aus die Ansprache des Letzteren in herzlichsten Worten erwiedert, daß die Ansprache des Rabbiners einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe. — Rabbiner Bloch aus Pau hat im jüdischen Litteraturverein zu Bayonne einen Vortrag über Mischnah und Talmud gehalten. — Die Akademie der Künste hat den Fould-Preis von 1200 Frcs. an den jüdischen Maler Salomon Taieb aus Algier verliehen. — In Paris ist am 7. ds. Abraham Ephraim, Vizepräsident der Tempelverwaltung im 72. Lebensjahre gestorben. Baron Alfons Rothschild war seit langen Jahren Schatzmeister der französischen Gesellschaft der Landwirthe, einer vornehmen Ver- - bindung, die etwa zehntausend Mittel- und Großgrundbesitzer umfaßt. Der überaus heftigen Treiberei der „Libre Par." ist es gelungen, Rothschild von dieser Stelle zu verdrängen. Bei der Vorstandswahl wurde Devilmorin mit 2782 Stimmen zum Schatzmeister gewählt, während Rothschild blos 1949 Stimmen erhielt. Der Verein antisemitischer Hochschüler feierte diesen Sieg mit lärmenden Straßenkundgebungen, die polizeiliches Einschreiten nöthig machten. — Der König von Portugal hat Dr. Emil Vergär in Paris, Professor der Augenheilkunde und Offizier der französischen Akademie, in Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Augenheilkunde in den Freiherrnstand erhoben. Die Werke Bergers wurden von der französischen Akademie der Wissenschaften, von der Pariser Akademie der Medizin, seine Vorlesungen von der Pariser medizinischen Fakultät preisgekrönt. Im Jahre 1894 wurde demselben die Ehre zu Theil, dem französischen Augenärzte-Kongreß zu präsidiren. — Baron Ferdinand Rothschild, dessen schriftstellerische Neigungen bekannt sind, hat eine Reihe anekdotischer Skizzen, die sich auf die französische Geschichte beziehen, beendet. Der Band soll noch in diesem Monat unter dem Titel , Personal Characteristics from French History“ erscheinen. — Der kürzlich verstorbene Sir Julian Goldsmid hat in seinem Testament folgende Bestimmung getroffen: „Ich erkläre hiermit, daß, wenn eine meiner Töchter, sei es als Mädchen oder Wittwe ohne Ausnahme, entweder bei meinem Leben oder nach meinem Tode einen Mann heirathen sollte, der nicht der jüdischen Religion angehört, so soll sowohl ihr Antheil an dem Vermögen wie ihr Erbtheil nach meinem Willen um die Hälfte reduzirt werden. Die andere Hälfte soll von der Zeit ab als Eigenthum meinen andern Töchtern zufallen und unter ihnen zu gleichen Theilen getheilt werden." — Herr I. S. Posnanski in Lodz ist mit dem St. Annen-Orden 1. Klasse ausgezeichnet worden. — Die Residenz des biblischen Königs Nebukadnezar wird in nicht ferner Zeit die Lokomotive an sich vorüberfliegen sehen und an den Strömen Babylons, wo einst die Leviten um Zion klagten, werden bald Bergnügungsreisende die Ruinen des Tempels betrachten, in dem vor ungefähr dritthalbtausend Jahren die babylonischen Feldherren den Plan zur Eroberung Jerusalems entworfen haben. — Bei der Kunstausstellung in Rio de Janeiro erhielt die Malerin Worms aus Paris, geborene Abraham, die große goldene Medaille für ihre Leistungen. Zugleich hat die brasilianische Regierung zwei Gemälde der Künstlerin für ein Staats-Museum angekauft. Druck-und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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