Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 indem er in bedeutungsvollen Worten sein Glas dem Gedeihen der „Wissenschaftlichen Vereinigung" weihte. „Wenn der Wanderer," so führte der Redner aus, „nach langen, beschwerlichen Mühen mit keuchendem Athem einen Gipfel erstiegen, dann macht er Rast, nicht nur um Kraft zu neuen Anstrengungen zu gewinnen, sondern auch, um mit Behagen und Lust die Dinge von einer höheren Warte aus zu betrachten, um seinen Blick 'von der erklommenen Höhe schweifen zu lassen auf die Welt, die sich da unten vor ihm aufthut. So darf auch die „Vereinigung" zum ersten Male von einer gewissen Höhe, die sie erstiegen, Rast machen. Von diesem Ruheort aus können wir in beschaulicher Betrachtung auf die mühsam durchwanderte Wegstrecke blicken und uns noch einmal die Gefahren in Erinnerung rufen, die rechts und links aus gähnenden Gründen dem wackeren Streben entgegenstarrten. Der Schwierigkeiten waren viele zu überwinden, und wer möchte es uns verargen, wenn die Erfolge der „Vereinigung" uns heute mit voller Genugtbuung erfüllen? Nichts Geringes ist geleistet worden, und der große Gedanke, der mich unausgesetzt beschäftigte, seitdem ich das Ruder in die Hand genommen, ist zu voller Wirklichkeit geworden. Der deutsch-israelitische Lehrerbund ist zu kraftvollem Leben erstanden. Man denke nur an die glanzvollen Tage, da die Kollegen aus Alldeutschlands Gauen zum heiligen Einigungswerke sich hier zusammenfanden. Die „Vereinigung" hat daran ihr gutes Theil. So möge sie auch weiter gedeihen und zu neuen Erfolgen und Thaten schreiten." Der zweite Vorsitzende, Herr Dr. Sachs, wies auf die sorgenvollen Stunden, die der Vereinigung in ihrem Werden bereitet, und die mancherlei Krisen, die sie durchzumachen hatte, hin. Jetzt sei der Verein zu einem kräftigen Knaben herangewachsen, um dessen Zukunft es uns nicht mehr zu bangen braucht. Er ist längst über die ersten Gehversuche hinaus und hat beim Zustandekommen des Lehrerbundes gezeigt, was er zu leisten vermag. GymnafiÄoberlehrer Dr. Blaschke feierte in längerer Rede den allezeit liebenswürdigen und ernsten, den freundlich-milden und doch auch sachlichruhigen Vorsitzenden Dr. Adler, der allerseits die ungetheilteste Liebe und Verehrung genießt. Seine Verdienste um den Verein wie um den Bund können nicht hoch genug geschätzt werden. Klippen und Riffe bedrohten nicht selten das schwanke Schifflein. Aber der Vorsitzende verstände es, es aus aller Noth und Fährlichkeit in den sicheren Hafen zu führen. Nun ergoß sich ein Strom von Dichtungen, Sangesspenden und humoristischen Vorträgen auf die Festgenossen, welche sie in die wohligste Temperatur versetzte. Schriftführer Remak und Jaeobsohn toasteten in Versen auf die Damen. Gustav Jacobsohn, unser verehrter Vereinsdichter, legte schöne Proben nicht nur verskünstlerischer Behandlung, sondern auch eines prächtigen Humors ab. In dem launigen Festgedicht, 'das Jacobsohn seinen Festgenossen widmete, spiegelte sich das Konterfei der Bereinsmitglieder in blitzartigen Augenblicksbildern naturgetreu wieder. Herr Flanter hielt eine zwerchfellerschütternde zoologische Vorlesung. Ungeheuere Lachsalven erntete er mit der neuen Terminologie des Thierreichs. Frau Tichauer erfreute durch den Bortrag des deklamationstechnischen Liedes „Er kommt", das sie mit so vieler Feinheit und so leiser Differenzirung zu Gehör brachte, daß auch ein künstlerisches Maßstab nichts daran zu bemängeln wüßte. Fröhlicher Tanz und gesellige Unterhaltung hielt die Theilnehmer bis tief in die Nacht zusammen, und als man auseinander ging, nahm man das Bewußtsein eines schön verlebten Festes und herzliche Wünsche für das fernere Blühen der „Wissenschaftlichen Vereinigung" mit. 52 Stolp, 9. März. Am gestrigen Tage war die Synagoge Hierselbst Zeugin einer ernsten Feier. Herr Rabbiner Dr. Hahn, welcher 34 Jahre lang in der hiesigen Gemeinde gewirkt hat, hielt vor einer dichtgedrängten Schaar von Zuhörern seine Abschiedspredigt. Er hatte seiner ergreifenden Rede den Text Samuel Buch 1 Kapitel 12 zu Grunde gelegt. Vor und nach der Predigt wurde von dem Synagogenchor ein Psalm gesungen. Nachmittags 3 Uhr versammelte sich die Gemeinde zu einem gemeinschaftlichen Essen im Kaufmanns? wallhause. Auch hier wurden Herrn Dr. Hahn vielfache Ovationen dargebracht, welche Zeugniß davon ablegen, welche Liebe und Verehrung der scheidende Rabbiner in der Gemeinde gefunden hat. z. Bremen, 13. März. Herr Rabbiner Dr. Rosenak hat sein neues Amt als Rabbiner und Prediger am 15. v. Mts. angetreten, die Synagoge war bis auf den letzten Platz besetzt und auch von vielen Nichtjuden besucht. Die Antrittsrede fand allgemeinen Beifall. Er wurde vom Senator Herrn Dr. Ehmk in kurzen, aber innigen Worten folgendermaßen eingeführt: „Ich begrüße Sie und gratulire Ihnen herzlichst. Ihr guter Ruf ist Ihnen ja vorausgegangen, und ich kann nur wünschen, daß es Ihnen gegönnt sein möge, recht lange für das Wohl Ihrer Gemeinde zu wirken." In seiner Antwort betonte Herr Dr. Rosenak, daß es sein eifrigstes Bestreben fein werde, den ihm vorausgegangenen Ruf zu rechtfertigen und für das Wohl seiner Gemeinde nach außen, sowie nach innen zu wirken im Sinne des Psalmwortes: „Siehe, wie fein ist es und wie lieblich, wenn Brüder einträchtig Zusammenleben!" kl. Dessau, 14. März. Den israelitischen Lehrern und Kultusbeamten des Herzogthums Anhalt, die bisher an den Lehrerkonferenzen Mitteldeutschlands theilnehmen mußten, um Anregung und Belehrung zu finden, ist dazu von Ostern ab im eigenen Vereine Gelegenheit geboten. Auf Veranlassung des Herrn Landesrabbiner Dr. Freudenthal findet am 6. April dieses Jahres im Sitzungssaale der hiesigen Gemeinde die erste Versammlung statt, deren Besuch für die dem Landesrabbinate unterstellten Lehrer obligatorisch ist. Referate werden liefern: Dr. Freudenthal - Dessau über: Normal - Lehrplan, Rose- Gröbzig über: Gebetübersetzen, Horwitz - Dessau über: Disziplin; Letzterer hält auch eine Lehrprobe über ein Thema aus der „Königsgeschichte". Hoffentlich trägt auch diese Vereinigung zum Gedeihen der Religionsschule und zur Förderung von Kollegialität bei. i. Frankfurt a. M., 13. März. Soeben ist der Jahresbericht des hiesigen Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen erschienen. Im Laufe des Berichtsjahres waren 23 Meldungen eingegangen. Bier wurden neu ausgenommen, von denen zwei nach Köln gesandt, die dort von den Herren Dr. Auerbach und Cahn unterrichtet werden, und zwei bestehen im hiesigen Gemeindehospital ihre Lehrzeit. Vier Schülerinnen erreichten im Laufe des Jahres ihre völlige Ausbildung. Die Zahl der Schwestern ist jetzt auf 13 gekommen; eine derselben wurde zur Armenpflegerin bestimmt und ihr die Aufgabe zugewiesen, auf Wunsch der betreffenden Aerzte bei Kranken aller Konfessionen die nöthigen Dienst- und Hilfeleistungen zu verrichten. Diese Einrichtung hat sich sehr bewährt; im Ganzen haben 90 Kranke, davon 43 jüdische und 47 christliche die Hilfe dieser Pflegerinnen genossen. Der Verein steht mit dem Israelitischen Asyl in Köln in dauernder Verbindung. Die Einnahmen desselben betrugen 11582,61 Mark. Die Ausgaben betrugen 1012 Mark. Der Pensionsfonds hat an Spenden 6622,27 Mark erhalten. Möge dem Verein auch ferner eine gedeihliche Wirksamkeit beschieden sein. 0 Homburg v. d. H., 15. März. Zwei unserer wohlthätigen Vereine haben wieder ihren Jahresbericht erstattet: Der Holz-Verein, der im Jahre 1895 in der glücklichen Lage war, blos 12 Unterstützungen geben zu müssen, und dessen Gesammtvermögen sich auf 8800,05 Mark beziffert,und der Verein zur Ausstattung israelitischer Mädchen, der in diesem Jahre 432 Mk zur Ausbildung zweier Mädchen für einen Lebensberuf verausgabt und dessen Vermögen sich auf 17 561,48 Mark beziffert. Die von dem Verein ausgesetzte Mitgiftssumme ist auch in diesem Jahre nicht erhoben worden, so daß dieselbe im Jahre 1896 auf 3500 Mark erhöht werden kann. Sehr richtig bemerkt der Vorsitzende des Vereins, unser verehrter Louis Lehmann, über diesen Punkt: „Leider müssen wir hier und da der Frage begegnen, wozu die Ansammlung von Mitgiftgeldern, die ja fortgesetzt unerhoben bleiben? Wenn wir jedoch bedenken, daß selbst die Wohlthaten des seit 77 Jahren hier bestehenden Holzvereins von manchen Leuten nur unter Vorbehalt strengster Verschwiegenheit angenommen werden, wie natürlich erscheint es dann, daß man dem jungen Äusstattungsverein von Seiten Derjenigen, denen wir unsere Beihilfe gewähren wollen, mit allerdings falscher Scham gegenübersteht? Muß sich doch alles Neue erst die Berechtigung seines Bestandes erkämpfen! — Die Nichterhebung der Mitgiftbeträge hatte für den Verein die günstige Folge, daß dessen Leistungskraft erstarkte, und wir zweifeln nicht, daß mit der Zeit schon Mädchen aus dem Plane erscheinen werden, welchen dies zugute kommen wird. Wanken wir deshalb nicht in der Liebe für unseren Verein! Bedenken wir vielmehr, daß die spät reisenden Früchte gar oft werthvoller sind als die frühreifen!" Zi Fürth, 11. März. Unter äußerst zahlreicher Betheiligung trug man heute früh unfern allgemein bekannten und geachteten Mitbürger Herrn Kaufmann Sigmund Heumann zu Grabe, welchen die