Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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143 aber völlig ausreichende Anleitung zum grammatischen Verständniß der aramäischen Bibelabschnitte zu geben. Das werthvolle Büchlein bietet aber noch mehr: auf die Grammatik folgt eine auf Vergleichung von vier Handschriften basirte rseensio des Uber Lsärao 4, 7 bis 6, 18; 7, 11—28 und des liber Danielis 2—7. Hieran schließt sich ein vollständiges Wörterverzeichniß. Ist das werthvolle Buch auch vorzüglich für christliche Theologen bestimmt, bei denen „von hundert mehr als neunzig ohne jede Kenntniß des Biblisch-Aramäischen bleiben", so kann es mit gutem Gewissen auch unseren Studirenden und Bibelfreunden warm empfohlen werden. — Klemperer W., Dr. Beiträge zur vergleichenden Gnomologie mit besonderer Berücksichtigung der talmudischen Sprichwörter und Sentenzen. (Berlin 1894 Calvary & Co.) Der Verfasser führt uns in ein Gebiet ein, das bis jetzt wenig berücksichtigt wurde. Die Sprichwörter des Talmud, die zweifellos einen Theil des Sprichwörterschatzes der Weltlitteratur bilden, offenbaren uns den Geist und die Gesinnung der alten Weisen, die, zum Schrecken unserer Feinde sei es gesagt, in ihren Sentenzen dieselbe Moral verkünden, welche die erleuchteten Geister aller Zeiten und Völker der Menschheit predigten und predigen. Mit Recht bemerkt der Verfasser: „So lange wir noch kein auf der Höhe der heutigen Wissenschaft stehendes Werk über die Ethik des Talmud besitzen, so lange werden solche Beiträge zur rabbinischen Gnomologie, ganz abgesehen von ihrem wissenschaftlichen Ertrage, als Charakterisirung der talmudischen Moral ein bescheidenes Verdienst beanspruchen dürfen." Indem wir uns diesen Worten gern anschließen, glauben wir im Interesse unserer Wissenschaft den Wunsch äußern zu dürfen: Möge der Verfasser auf diesem Gebiet nur fortfahren und den Feinden der talmudischen Litteratur die Worte Goethes in Erinnerung rufen: „Alles Gescheidte ist schon gedacht worden, man muß nur verstehen, es noch einmal zu denken." A. — tz. Adolf Teichert: „Für Israel! München 1895. Karl Rupprecht. Mahn-, Weck- und Trostrufe" nennt Adolf Teichert seine kürzlich erschienene Gedichtsammlung. Würde er ahnen, wie mißtrauisch Israel gegenüber unerbetenen Widmungen von unbekannter Hand ist, er würde einen anderen, ebenso passenden Titel gesucht und gefunden haben. Der Beschenkte will den Geber kennen; aber das macht ihm dieser in unserem Falle herzlich schwer.^) Referent konnte aus dem Buche selbst nicht klar erkennen, ob Verfasser Christ oder Jude ist. Nur so viel ist klar, daß er ein wahrer Freund Israels sein will, der alten und jungen Antisemiten den Text liest. Den Titel ganz zu bewahrheiten, bekömmt aber auch Israel seinen Theil dabei; ein Freund darf ja auch zurechtweisen. Nur bleibt noch die Frage offen, wer ist dieser Freund in Wahrheit? Die Gedichte „Am Versöhnungsfeste" (S 15), „Mesussah" (S. 18), „Der Rüsttag" (S. 171) u. a. könnten von dem treuesten Juden herstammen; der „Prolog", „Das neue Reich" (S. 23), „Israels Schuld (S. 34), Jesus am Kreuze (S. 105) u. a. verrathen den Christen — der Teichert übrigens auch sein soll. Wir verstehen, etwa Egidy'sches Christenthum, Vernunft und Glaube geeint, wie es „Die wahre Kirche" (S. 3 vergleiche S. 208) verkünden! Doch was hat Israel mit der Teichert'schen Religion zu schaffen? In den 5 Theilen der Sammlung nun (außer Prolog begegnen uns „Zeitgedichte", „David und Saul", „Sabathstunden" u. a.) werden auch Deutsche (S. 25), Franzosen (S. 28), die moderne Gesellschaft (S. 29, 74) u. a. „gemahnt und geweckt"; Israel hat aber den Löwenantheil. Sein „Tanz ums goldene Kalb" (S. 16), sein Prinzip „Aug' um Aug'" (S. 126) — doch warum übersieht Teichert den Vers 3. B. M. K. 19, 18? —, seine Halsstarrigkeit und sein Formelsinn bringen den Dichter in Harnisch. Dagegen berührt das warme Mitgefühl mit den tausendjährigen Leiden Israels spmphatisch und versöhnend. Ueberhaupt bekennt Referent, daß der Gesammteindruck der Sammlung trotz obiger Ausstellungen ein wohlthuender ist. Der Dichter ist begeistert für das „Wahre, Gute und Schöne," und hat sich kindlichen Glauben, auch den Glauben an den Sieg des Guten uud den Fortschritt der Menschheit bewahrt. Seine religiösen Betrachtungen und Stimmungsbilder, in edler, klarer Sprache gezeichnet, sind wahrhaft herzerfreuend. Zahlreiche Bearbeitungen biblischer Stoffe und aggadischer Talmudbez. Midraschstellen beweisen die Kunst des Anempfindens, in der Teichert ein Meister ist; oft glaubt man bei ihm Sachs, Frankl oder Stein vor sich zu haben. „Für Israel" sei jedem Freunde edler, echter Poesie, auch dem fein- und freisinnigen, vorurtheilslosen Israeliten warm empfohlen; ohne mit dem Dichter in allem einer Meinung zu sein, wird ihm jeder doch für seine Gaben Dank und Anerkennung zollen. Dr. S. — Heft 6 des 40. Jahrgangs der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Breslaus S. Schottländer) hat folgenden Inhalt: I. Baßfreund: Das Fragmenten-Targum zum Pentateuch. (Fortsetzung.) — M. Schreiner: Ueber bei Sa'adja. — A. Frankl-Grün: Die Gemeindeversassung von Kremsier. (Schluß.) — D. Kaufmann: Jsachar Bär gen. Berend Cohen. (Schluß.) — M. Grunwald: Handschriftliches aus der Hamburger Stadtbibliothek. - I. Barth: Besprechung. - Bibliographische Uebersicht. Sprerhsaat. Hochgeehrter Herr! <Aln den Landtagsverhandlungen vom 6. d. M., wo viel für und gegen die Lehr - und Redefreiheit gesprochen wurde, machte der Abgeordnete Herr Professor Dr. Birch ow in seiner Rede folgende Aeußerung: „Der alte Himmel der Juden, der sich in den Anschauungen der modernen Kirche fortsetzt, ist allerdings in unserem heutigen Zustande nicht vorhanden". Nach diesen Worten hatte die Lehr- und Redefreiheit keine Stätte im alten Judenthume. Mich srappirte dieser Ausspruch eines solch hervorragenden Gelehrten, und die Frage schien mir, abgesehen von jeder Polemik oder gar einer Apolegetik, die ich nicht beabsichtige, nicht unwichtig: „War es denn wirklich so unter den: alten Himmel der Juden?" Nach reiflicher Nachforschung antworte ich darauf: Nicht doch. Die Lehr- und Redefreiheit war im Judenthume zu allen Zeiten ein untastbares Gut, das geachtet und geschützt wurde. Schon im 4. B. Mos. 11. 28 u. 30. lautete die Antwort Mosis auf die ihm von Josua gebrachte Anzeige: „Eldad und Medad weissagen im Lager mit der Bitte: „Mein Herr wehre es ihnen!": „Bist du für mich eifersüchtig, möchte doch! das ganze Volk Propheten sein!" Also der Redefreiheit keine Störung. Das ganze Institut des Prophetenthums mit den Männern, die aus ihm hervorgegangen, wären ohne Lehr- und Redefreiheit undenkbar. Die Propheten traten in ihren Reden gegen Könige, Fürsten, Priester, Richter und andere Beamten auf und deckten ungehindert frei ihr Fehl auf, als z. B. Samuel gegen Saul, Nathan gegen David, Eliah gegen Ahab u. a. m., was bei der Nichtexistenz der Rede- und Lehrfreiheit die schwersten Strafen zur Folge gehabt hätte. „Mache dich auf," heißt es in Jeremia 2. 27. „und rede zu ihnen, was ich dir befehle, zage nicht vor ihnen, sonst mache ich dich vor ihnen zu Schanden! Siehe, ich setzte dich heute ein als feste Stadt, eherne Säule über die Könige, Fürsten Priester und Volk!" Ebenso ist die Angabe von der Existenz falscher Propheten ein Beweis der herrschenden Lehr- und Redefreiheit im alten Judenthume. Im zweiten jüdischen Staatsleben in Palästina trat dieselbe noch viel mächtiger hervor. Unter dem Schutze der Lehr- und Redefreiheit entwickelte sich das reichhaltige Schriftthum des jüdischen Hellenismus, geschah die Bildung von verschiedenen, religiösen Sekten und Parteien unter den Juden Palästinas und Alexandriens. Die freie Forschung, die Lehr- und Redefreiheit galt da als ein heiliges unantastbares Gut, ein Erbe der Väter, das erhalten werden mußte. In den Spnhedrialsitzungen durfte jeder Gelehrte seine Gegenmeinung Vorbringen, bei der Stimmenabnahme wurden die jüngeren Gelehrten erst gefragt, damit dieselben von den Meinungen und Aussprüchen älterer Gelehrter nicht beeinflußt würden und frei ihr Dafür oder Dagegen äußern durften und konnten. Der von den Mehrheitsbeschlüssen diffentirende Gelehrte durfte seine abweichenden Angaben und Lehren als Resultate seiner eigenen Forschung oder erhaltener Traditionen in beliebigen Kreisen frei vortragen und darnach Jünger bilden. Wir haben Ausführliches darüber in dem Artikel „Dissentirender Gelehrter" in unserer „Real-Encyklopädie des Judenthums" gebracht und verweisen auf denselben. Strelitz in Mecklenburg, im März. Dr. I. Hamburger, Ober- und Landesrabbiner. *) Der Verfasser, Oberlehrer in Küstrin, ist Christ. Die Red.