Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
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142 sondern weil es ihm Bedürfniß ist. Aber — er fastet nicht so strenge wie es vorgeschrieben ist. Wir haben viel darüber gesprochen. Ich bin ja — um die religiöse ©timnumg rein und hoch zu halten — zu jeder Aenderung meiner bisherigen Lebensweise bereit, — aber seine Gesundheit erlaubt das strenge Fasteil nicht, — und der Talmud giebt ihm Recht. Die Entscheidung, ob gefastet werden soll, ob nicht, überläßt der Talmud ausdrücklich dem Arzte. Als wir nach stundenlanger konzentrirtester religiöser Versenkung in dm erhabenen Inhalt der Gebete uns tief ermattet fühlten, gönnten wir uns eine kurze Erholung und Erquickung, um unsere Lebensgeister aufzufrischen. Aber wir rühren keine Arbeit an, sondern widmen Gott allein diesen Tag. — Im Stillen finde ich diese, mein Gefühl und meinen Verstand gleichmäßig befriedigende Art, Frömmigkeit und Freisinn zu vereinigen, durchaus nachahmenswerth. Zu den Augenblicken, die ihn mn tiefsten bewegen, gehört die Erinnerung an eineil Jom Kippur der Kindheit. Er war etwa zehn Jahre alt und befand sich mit dem Vater im Bethamidrasch, das zugleich Synagoge der Gelehrten war. Der Vater hatte Schachriß (Frühgebete) vorzubeten. An den hochfeierlichen Festtagen fi’D'O haben bekanntlich nicht die nach ihrer Gesangesklinst geschätzten beamteten Kantoren, sondern die gelehrtesten und zugleich frömmsten Männer des Ortes das Vorbeten als Ehrenamt verrichtet. Voll fünf Uhr au stand er am Betpult. Unl II Uhr war er fertig. Wenn ntcm bedenkt, daß er als ein altfrommer Jude streng gefastet, d. h. weder irgend etwas gegessell noch getrunkeil hatte, so ist es begreiflich, daß er fast erschöpft 'war. Da trat mm ein Vetter von ihm, Namens Reb Hirsch Bleichrode, vor, um Mussaf zu beten, doch schon beim Kaddisch wird er ohnmächtig und bricht zusammen. Er wird fortgetragen und es entsteht die Frage: wer soll ihil vertreten? Neb Abeli, der Senior, wird gefragt. . „Choliloh! (Gott behüte!) ich soll dciwnen (vorbeten) und Hab mich nicht meichen gewesen?" (vorbereitet). Es wird Reb Mauscheh, Reb Seckels gefragt. Er zuckte bedauernd die Achsel. „Reb Schelaltmoh Michoel könnt Ihr?" „Ich Hab lloch Nei'le (Schlußgebet) zu beten." Und so geht's fort. Was: bleibt übrig? — Alle Blicke wenden sich auf meinen Vater, den man als den opferwilligsten Manll in der ganzen ©emeinbe kennt und dem auch alle diese Rezitative so geläufig waren, daß er keiner Vorbereitung bedurfte. War er doch mit seinem überaus treuen musikalischell Gedächtniß das Orakel in Fragen aller traditionellen Rezitation. Und er — Des Erzählers Stimme stockte. Er wandte sich ab. ' „Wie?" rief ich erschreckt. „Er hatte ja schon sechs Stunden gebetet und seit dem Vorabelld gefastet, er konnte doch unmöglich—" Mein Mann nickte mit Thrällen in ben Augen. „Er thats. Er hat der Gemeinde noch bis Nachmittag um vier Uhr vorgebetet." „Und immer ohile die geringste Stärkung genomnleil zu habeil?" „Selbstverständlich. Kein Tropfen kam über seine Lippell." „Ist er nicht erkrankt?" „Gottlob nein. Es hat ihm nicht geschadet. Er ist 84 Jahre alt geworden und hätte wohl lloch ein höheres Alter erreicht, wenn er das so häufig und regelmäßig wiederkehrende Fasten hätte anfgeben oder doch welligsteils einschränken wollen; alleill das brach seine Kraft." Wir schwiegen nun eine lange Weile. In mir aber stieg der Gedanke auf — (wie so oft, wenn er von seinem Vater erzählt): wie köstlich nmß es sein, einen Vater zu besitzen, den man lieben, einen Vater, den man wie einen Heiligen verehreil kann! Ich fange an, die weihevolle Süßigkeit des Wortes: „Vater" zu begreifen. . Das allzustrenge Festhalten an dem geheiligten Gebrauch kostete dem Greise die Gesundheit. Er hatte wieder einmal, als Siebzigjähriger, am längsten Fasttage des Jahres (17. Thamus) sich jeglicher Nahrung enthalten und dabei unausgesetzt den ganzen Tag Talmud stndirt. Ein Schlaganfall mit schwerer Erkrankung war die Folge. Linksseitig gelähmt, aber geistig bald wieder verjüngt, hat er noch volle vierzehn Jahre-gelebt. Nie ist eine Klage wegen des natürlich mit mancherlei Leiden verbundenen Gebrestes über seine Lippen gekommen, nur daß ihm bei der Rezitation der Gebete die ehedem so klangvolle Stimme oft versagte, hat er zuweilen laut beklagt. Wie ein alttestamentlicher Charakterkopf erscheint mir der Vierundachtzigjährige nach seines Sohnes kurzen Andeutungen. Alrch die Art. wie dieser vor seinem Vater spricht, ist eigenthümlich: nur wenige, schlichte, fast schüchterne Beinerkungell; kein schmückendes Beiwort, — nur die Sache, aber eben diese vollkommen naturgetreu. — Der Sohn reist zu seinem todtkranken Vater. Keine Empfindsamkeiten! Immer noch das Leben in Lehre und Lernen. — Die Deutung eines Psalmverses wird dem Greise schwer. Vater und Sohn sprechen darüber. Der Letzte denkt die folgende Nacht darüber nach, findet Etwas, und als er den Hinscheidenden besucht, sagt er die gefundene Lösung. Jener blickt sinnend. Endlich murmelt er: „Gedrückt." Wieder grübelt der Sohn in der folgenden Nacht, etwas Besseres zu finden. Er berichtet darüber am Morgen. Der Greis denkt nach. „Besser, aber noch nicht gut." Der Tag geht hin, tvieder kommt die Nacht und mit ihr das angestrengte Nachdenken. Der Grübelnde giebt sich alle Mühe. Wenn es doch gelänge, dem Sterbenden eine letzte Freude zu bereiten! Sohnesliebe spornt an, und der Geist ist unermüdlich angespannt. Am anderen Morgen steht er wieder vor dem Bette des Vaters. Dieser ist schwächer und schwächer geworden, — aber in seinem Auge blitzt die unausgesprochene Frage auf: nun? Jener giebt die neue, dritte Deutung. Des Greises Auge verklärt sich. „Sehr schön, mein Sohn." — Und nach einer Weile, mit einem überirdischen Lächeln sanfter Freude: „ich danke Dir." Der Greis war in ewigen Schlummer gesunken. Das zufriedene Lächeln aber des Heimgegangenen blieb dem Sohn ein süßer Trost für das ganze Leben. Ob noch viele solcher Väter und.Söhne leben? Die in der Deutung eines Psalmenwortes das finden, was auch Herder suchte als er sterbend leinen Sohn bat: „(Sieb mir einen großen Gedanken mit welchem ich scheiden möchte!" Fitterarische MittheNungen. --- Professor Dr. H. L. Strack: Abriß des Biblischen Aramäisch. Grammatik, nach Handschriften berichtigte Texte, Wörterbuch. Leipzig, I. G. Hinrichssche Buchhandlung. 1866. Seine längst gefaßte Absicht, einen Abriß des Biblisch-Aramäischen zu veröffentlichen, hat Professor Dr. Strack nun verwirklicht und die Freude gehabt, schon wenige Wochen nach Ausgabe seines Buches einen Neudruck veranstalten zu können. Selbstverständlich hat der gelehrte Verfasser durchweg Kenntnis des Biblisch-Hebräischen vorausgesetzt und durch engen Anschluß an seine Hebräische Grammatik (5. Auflage 1893) es ermöglicht, auf dem Raum von nur 24 Seiten eine zwar knappe,