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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-20 · Heft 12 (20.3.1896) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 141 (sequence 9)
Language
German
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141 Sabbath vor Schabuoth mit großem Geräusch, d. h. durch einen Vorstandsbeschluß, der vor Oeffnung der Lode verkündet wurde, und eine Rabbinerpredigt, die einer Explosion gleich war, den Av harachamim obgeschafft; wenn wir ihn verdienen, hoffe ich doch noch einen zu besitzen. Ach, könnte ich mich mit voller, tiefer Mystik in den Gedanken an den barmherzigen Allvater im Himmel so recht vertiefen, darin schwelgen und Trost und Ruhe finden! Jedoch ruhig, Junge kämpfe, heißt es, wofür? je nun, um Deiner Unruhe einen Lauf zu lassen und, fast möchte ich sagen, einer menschenfreundlichen Grille nachzugeben. Ich sage Dir, mein Lieber, wenn nicht eine neue Zeit neue Ueberzeugungen gebiert, so geht es bald toll her; Alles wanket und bricht unter unseren Händen, wenn wir es nur leise berühren, und damit etwas Neues entstehen könne, muß wegrasirt werden soviel wie möglich . . . Jetzt ist kaum mehr Zeit zu einer Reformation, jetzt gilt es den Umsturz, und Gott gebe dann ein Neues! Ans unserem Schmerze und unserer Sehnsucht wird sich dies schon gestalten. Ei, hätte das „junge Deutschland" seine Mission verstanden! Fangen da immer mit dem Fleische an und mit entwürdigender Sinnlichkeit und mit kaltem Hohne; wären sie als heilsbedürftige Menschen — (aber nicht Konfessionisten) aufgetreten, es wäre ein Glück gewesen! Die Griechen hatten die Idee des Vaterlandes und gleich ihnen die Juden, die mit dem Staate die Religion verbanden, das Christenthum hat die Lostrennung über die Welt gebracht, der Katholizismus hatte noch seine Einheits- und Ordenszwecke, aber seit dem Protestantismus ist der Einzelne ganz auf sich zurückgewiesen und auf — die Ewigkeit, auch diese Idee wankt und bricht, ist in ihrer vollen Kraft gebrochen, und unsere Idee? Freilich, unsere sittliche Kraft, darauf reduzirt sich ain Ende Alles, aber es bedürfte auch der Staats- und religiösen Einrichtungen nach dieser neuen Idee! Da nage ich und zehre ich, wie der Hund an einem Knochen, an der Verbesserung des Judenthums und der Juden, schlage mich mit einem Peietchen und einem albernen Landjuden und einem zelotischen und einem unwissenden und dann wieder mit einem begeisterten Schriftsteller, der ja nun dasselbe, was mich quält, in sich auf andere Weise besiegen will, herum und komme am Ende immer auf Nichts heraus. Ich weiß es, ich bin ein Baustückchen, will dies auch recht gern sein, aber das mag ich ganz gern, wenn ich gestorben bin; aber wo bleibe ich, während ich lebe? Ich danke für die Ehre, zu zappeln und zu zappeln, bis ich in der Mauer zerquetscht werde, — an dem Plätzchen, wo ich iu dem weltgeschichtlichen Gebäude hingehöre. —1 1°—-I l|-:--^-1 1—I ItmmiMUiHHiE« IMMMM 2 1 FEUILLETON | i| njn fc&älllmllULH «-1 1—[ MMIWMiWMoMMMMsllMWMnIMnMWknMWWsWMMlilWMWUA |--3?-> l—I PnuEjiTHiTiES I- Gin Tagebuch iUatt. Bon Nahida Ruth Lazarus. (Nahida Remy). Mai 95. A^(ir haben nun geheirathet — Allen Denen, die uns lieben, zur Freude, denen die uns nicht lieben-Wir nehmen ein Jegliches, wie Gott es sendet! Natürlich habe ich ein neues Lagebuch angelegt. Drei führte längst: eins für Ereignisse, eins für Briefe, und eins, das ich vom reizenden Musikprofefforstöchterchen erhalten, für-Reisen. Selbstverständlich bewegt sich mein. bisheriger ... Tagebuchstil im äußersten Lakonismus. Dieses neue Tagebuch jedoch fordert Ausführlichkeit und pietätvolles Verweilen; handelt es sich doch darum, aus dem Born der Erinnerungen, welcher sich mir in den Gesprächen mit meinem Manne erschließt, zu schöpfen und festzuhalten, was da überquellend zu Tage tritt. Keine leichte Aufgabe, aber eine unsäglich lohnende. Daß ich noch nicht stenographireu kann! — Zwar habe ich es seinetwegen gelernt, aber die regelmäßige Uebung fehlt, mußte fehlen bei der Fülle der Obliegenheiten traulich hausfraulicher, still wissenschaftlicher, oft heiterer und ach! in letzter Zeit gar ernster Art . . . dennoch bleibt mein Stoßseufzer: daß ich noch nicht stenographirm kann! Daß ich hinterher in umständlich malender Schriftsprache Hand und Auge mühen muß, um ungefähr wenigstens einen Schatten festzuhalten, von dem, was er in heller Beleuchtung vor mir erstehen läßt. Mein Philosoph ist im Erzählen ein Dramatiker, so prägnant und plastisch spricht er. Ein Stück Leben baut er vor mir auf, und ich? ich sammle hinterher und hebe die Brocken auf, die zufällig auf der Tafel meines Gedächtnisses übrig geblieben. 29. Sept. Wie begann doch gestern unser Gespräch? — Der heutige Tag nach dem Versohnungstag wird: „In Gottesnamen" genannt. Es ist kein Feiertag. Wodurch mag er diese auszeichnende Benennung erhalten haben? Man weiß es nicht. Vielleicht daß durch die gestrige allgemeine Versöhnung mit Gott und den Menschen das alte Jahr gewissermaßen abgeschlossen und mm „in Gottesnamen" ein neues, besseres beginnt! Wie begann also gestern unser Gespräch? Erst feierten wir den Voraheud gu Jom Kippur ernst und schön. Mein Gatte und Lehrer mit mir die Abendgebete rezitirt und mir dann, wie gewohnt, Erläuterungen gegeben. Ueber Kol Nidre gesprochen; alle Gelöbnisse u. f. w. Dieses Gebet bildet bekanntlich für übelwollende Unwiffende und unwissende Uebelwoller eine Handhabe zur Anfeindung; sie lesen den Beweis heraus, „daß die Juden ihre Eide brechen dürfen". Sie übersehen absichtlich (und auch andere oberflächliche Leute und Leser beachten es nicht), daß hier nur von Gelöbnissen die Rede ist „die wir uns gegeben", — d. h. von inneren Selbstgelöbnissen und keineswegs voll Versprechungen oder Verpflichtungen, die der Betende Anderen gegenüber eingegangen ist. Von ganz anderem, höherem Geist, als jene Anfeinder bekunden, ist die Schlußbitte erfüllt: „und es sei verziehen der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremdling,der weilt in ihrer Mitte". Da wir auf dem Lande leben, wo sich der geliebte Rekonvaleszent der Erholung widmet, den Tag, den „Sabbath der Sabbathe!" in vollkommenster Ruhe und Zurückgezogenheit zu Hause zugebracht. Der Ueberfülle der Rezitationen und Gesänge uns in ungestörtester Sannnlnng hingegeben. Natürlich gab mir mein Eheliebster immer wieder charakteristische Einblicke in die schönsten Stellen. (Ich fürchte, das thun die jüdischen Männer ihren Frauen gegenüber viel zuwenig! —) Jom Kippur ist ihm ganz der ernste, hochfeierliche Festtag, der keine Arbeit und keine weltliche Lust gestattet, der den Sinn des Menschen zur Prüfung und Einkehr zwingt. Fast giebt mein Gatte zu sehr der Gemüthsbewegung sich hin! Er spricht die Gebete und singt die Gesänge mit solcher Hingebung, daß bei ergreifenden Sätzen ihm die Stimme bricht vor tiefster Erregung und er nicht weiter kann. Bei: „Ewiger, Ewiger! barmherzig, gnädig und voller Huld" — steht er voller wahrer Devotion auf und bei: „wir beugen und neigen uns und danken —" beugt er sich nieder, — nicht blos weil es ihm Vorschrift,

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