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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-20 · Heft 12 (20.3.1896) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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140 Verkehr und zum Theil-im Briefwechsel stand er mit Heine, Hieronymus Lorm und L. Kornpert; von Interesse für uns sind auch Hebbels Urtheile über Börne, Professor M. Lazarus und Rahel. Es dürfte von Interesse sein, das Verhältniß des Dichters zu den angeführten Männern, wie es sich insbesondere aus den nur sehr wenige gelesenen Briefen und Tagebüchern Hebbels ergiebt, etwas näher kennen zu lernen. Wir beginnen mit Emil Kuh, und zwar deshalb, weil wir gerade hier Gelegenheit haben werden, den großartigen Charakter Hebbels zu würdigen. Wie Kuh mit Hebbel bekannt geworden, berichtet Kuh selbst ' in seiner ausführlichen Hebbelbiographie. Wir entnehmen derselben nur folgende Stelle: „Mein Umgang mit Hebbel dauerte 10 Jahre und hatte mehrere Phasen. Ich war sein Jünger und sein Freund, sein Schüler und sein vertrauter Genosse, ja nicht selten sein Beichtkind und sein Beichtiger zu einer und derselben Zeit. Schon im zweiten Jahre meines Verhältnisses zu ihm begann diese Vertraulichkeit." „Das Herz ist an Ihnen auch das größte", hatte die Gemahlin des Ministers Kleinschrod in München zu Hebbel gesagt; sie hätte nur anstatt „Herz" „Gemüth" setzen sollen, um alles zu sagen." Von größerem Interesse für uns ist, was wir aus dem uns jetzt vorliegenden Briefwechsel über das Verhältniß von Hebbel und Kuh erfahren. Kuh wußte, daß Hebbel sich für jüdische Geschichte interessire, und daruni schreibt er in einem Briefe vom 21. Augnst 1855 an Hebbel: „Ich lese jetzt die Geschichte der Juden von Graetz. Das Buch von Graetz wird Sie theilweise unendlich interessiren. Man bekommt durch Grätz's Darstellung einen Einblick in jene lebendige!: Werkstätten, wo der Talmud erzeugt wurde, und das Ringen und Kämpfen der alten Juden um einen so oder so zu deutenden biblischen Satz, wie das Bannverhängen der jüdischen Patriarchen, wenn irgend eine Lehre mißachtet oder gebeugt wurde, während Rom das Volk aus einer Stadt in die andere trieb und gleich Thieren behandelte, das alles trägt einen großartigen Charakter an sich." Trotz dieser Begeisterung für die jüdische Geschichte wollte sich Kuh infolge einer Neigung zu einer Schauspielerin zum großen Verdrusse seiner Eltern taufen lassen. Und gerade hier müssen wir den Charakter Hebbels bewundern, der sich alle erdenkliche Mühe gab, um Kuh von diesem Schritte abzubringen. In einem Briefe vom 5. Juni 1856 schreibt Hebbel an Kuh, daß er seine Eltern besucht habe, und bemerkt: „Mir war, ich darf Ihnen das nicht vorenthalten, als ob ich in ein Todtengewölbe träte, in dem nur noch Leben gespielt würde. Der Zustand Ihrer Mutter besonders hatte etwas Erschreckendes für mich, nie habe ich ein menschliches Wesen erblickt, das innerlich so kochte. Verhält es sich denn wirklich so, daß Sie bei Ihrer Abreise nicht Abschied von ihr genommen haben? Meine ernste Mahnung: Seien Sie nicht zu rasch fertig mit Menschen und vergessen Sie nicht, daß das größte Recht durch die Art der Ausführung in das größte Unrecht verwandelt werden kann." Diese Worte Hebbels scheinen für kurze Zeit eine Sinnesänderung bei Kuh veranlaßt zu haben, denn in einem Brief vom 19. August 1856 schreibt Hebbel an seinen Freund: „Es freut mich, daß Sie entschlossen sind, meinen Rath zu befolgen und Ihrer Familie gegenüber zu laviren." Doch scheint diese Wirkung nicht lange angehalten zu haben. Denn einige Monate später schickte Kuh an Hebbel eine Gedichtsammlung ein und griff in einigen seiner Gedichte die Juden an. Hebbel erwiederte ihm — und darin zeigt sich der edle Charakter des Dichters — in einem Briefe vom 18. Dez. 1856: „Zu der Herausgabe Ihrer Gedichte gratulire ich, dagegen verlangen Sie wohl nicht von mir, daß ich Ihre Ansichten über die Inden unterschreibe, da Sie wissen, daß ich mich vor vielen Jahren mit einem christlichen Freunde auf lange entzweite, als er Aehnliches aussprach, und da Ihnen früher obendrein mein Wort: der Jude ist geradeso schlecht wie der Mensch! recht wohl gefiel. Und dann denke ich zu groß vom Menschen, obgleich ich ihn wahrlich nicht überschätze, um nicht daran festzuhalten, daß er die kleinen Hinderniffe, welche die Raffe ihm allenfalls in den Weg legen mag. durch die kleinste sittliche Anstrengung überwinden kann. Erwägen Sie diese Gedanken in ihrer ganzen Tiefe und söhnen Sie sich mit Ihrer Nation wieder aus; es thut nicht gut, sich von dem Boden loszureißen, dem man angehört, und ich sehe Sie nicht gern auf diesem Wege." Und wenn auch diese Worte Hebbels nichts gefruchtet, so werden sie doch für alle Zeiten ein Denkmal für den edlen Charakter Hebbels bleiben. Abraham Geigers Briefe an I. A^renbourg. (1833—42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. XII. Wiesbaden, 19. Juni 1836. -Ich bin für den Augenblick nun ganz allein und dies ist nicht gerade sehr geeignet, niich aufzuheitern; bis zum 10. k. Mts. kommt jedoch wieder ein sehr tüchtiger junger Mann, Bernhard Wechslers aus Schwabach bei Fürth, zu mir, nach dem ich mich schon recht sehne. Warum ich seit einiger Zeit wieder nicht ganz vergnügt bin, weiß ich wahrlich nicht; die Hauptsache ist, daß ich nichts Rechtes arbeite, und daran hat allerdings die Zeitschrift schuld, die mir zwar viele Freuden macht, aber mich theils zersplittert, theils auch zu einer Bestrebung hinführt, zu der ein festerer Wille und eine tiefere Ueberzeugung, als ich sie besitze, gehört, nämlich das Judenthum zu reformiren. Wenn ein solcher Quark vorliegt und so wenig Interesse bei den sogenannten Aufgeklärten vorhanden ist, da mag man sich die Lunge ausschwatzen und alle Kiele platt schreiben, es ist kein Erfolg zu sehen. Ich mache mir freilich oft Vorwürfe über dieses unmännliche Aufgebenwollen einer Sache, für die ich doch so mannigfach ermuthigt werde und von der mir gesagt wird, ich selbst glaube, sie richtig angefangen zu haben, und in die ich — vielleicht leider! — nun einmal ganz und gar verstrickt bin, aber die wahre Freude daran fehlt mir doch gar oft. Nun, auch diese Zeit wird wiederkommen. — Ich habe die Hoffnung gehabt, diesen Sommer meine liebe Emilie einige Tage hier zu sehen, aber auch diese Hoffnung ist mir vereitelt worden, und so sehe ich sie wahrscheinlich im August einen Tag in Koblenz. Was soll ich machen? Dies ist nun einmal nicht zu ändern! Meine Sachen stehen hier noch immer am ersten Anfänge. Von den Aemtern sind die statistischen Berichte, betreffend Anzahl, Synagogen, Steuern u. s. w. der Juden, nun alle eingelaufen, aber diese liegen nun hübsch zusammen bei der Regierung, und es ist noch immer kein Bericht ans Ministerium darüber gemacht. Wir haben hier den 0 Jakob Auerbach, der früher die Stelle eines Religionslehrers bekleidete, war als Hauslehrer nach Wien gegangen. Bernhard Wechsler, der nach ihm kam (gest. 1874), ist der spätere Landesrabbiner in Oldenburg, einer der freisinnigsten Rabbiner jener Zeit, der, ohne sonderlich produktiv zu sein, mit ausdauerndem Fleiß und kritischem Sinn literarische Produktion und gelehrte Arbeit der Zeitgenossen verfolgte und dem Freunde eine rührende Treue wahrte. Auch ich erinnere mich aus meiner Breslauer Zeit des ehrwürdigen Mannes mit wehmüthiger Freude.

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