Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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139 altjüdische Geschichtsschreiber Josephus dadurch, daß man ehemals die Linsen enthülst zu essen pflegte, in welchem Zustande sie in der Thai ein braunrothes Aussehen zeigen. Auch wegen zweier zu gewerblichen Zwecken dienenden Pflanzen war das jüdische Reich berühmt; denn es war das Land des früher so hoch geschätzten Balsams und, wenigstens in späteren Zeiten, das der Baumwolle, welche ebenfalls als Kostbarkeit galt. Letztere wurde im Alterthum nur noch in der griechischen Landschaft Elis gezogen, welche man aber für nicht so werthvoll betrachtete als die hebräische, während der Balsambaum (nach Josephus wurde das erste Exemplar von der Königin von Saba dem Könige Salomo verehrt) lediglich in Judäa und auch dort nur in zwei dem Königshause gehörigen Gärten gepflanzt wurde, also wohl eine Art von Staatsmonopol bildete. Plinius erzählt ferner: „Als die Römer Judäa eroberten, wollten die Juden den Balsambaum ausrotten; aber die Römer vertheidigten ihn und so entstand ein Kampf um einen Strauch." Im Triumphzuge zeigten daun die römischen Kaiser Vespasian und Titus unter den erbeuteten Schätzen zum ersten Male diese Pflanzen dem römischen Volke. Treibhäuser, welche erst im Laufe des Mittelalters in Gebrauch kamen, kannten unsere Vorfahren natürlich nicht; wohl aber ist des öfteren von Lust- und Erholungsgärten in alten Schriften die Rede; pflanzte doch schon Abraham einen Tamariskenhain. Im Allgemeinen müssen wir uns jedoch denken, daß, wie noch heute im Orient. Nutz- und Zier-Gärten vereinigt waren und bei regelmäßigen Formen meist schattenspendende Gewächse berücksichtigt wurden, unter welchen man, von der Hitze geschützt, sich erquicken konnte. Von Blumen werden uns unter anderen die Lilie, der Crocus und die Kronanemone, welche unter der im hohen Liede erwähnten „Rose von Saron" zu verstehen ist, genannt. Den Garten des König Salomo jedoch, von welchem gesagt wird, daß er viele verschiedene Pflanzenarten enthielt, können wir wohl als ältesten botanischen Garten der Welt betrachten, zumal die Bibel von dem großen König berichtet: „Er redete über die Bäume, von der Ceder auf dem Libanon bis zum Isop, der aus der Mauer herauswächst." Auch nach dem Verlust ihrer Selbständigkeit hielten die Israeliten an ihrem Lieblingsberufe fest, so daß noch Plinius berichtet: „Syria in hortis operosissima est, indeque proverbium graecum: Multa Syrorum olera.“ (In Syrien wendet man soviel Fleiß auf den Gartenbau, daß ein griechisches Sprichwort sagt: In Syrien giebt es viel Kohl). In der Zerstreuung hegten und pflegten die Juden die Gartenkunst, soweit ihnen nur irgendwie Landbesitz gestattet war, so als Weinbauer im südlichen Frankreich und in Meißen sogar bis ins 13. Jahrhundert als Obstgärtner. Aber die Zeiten wurden immer trüber, immer strenger die Einzwängung in das Ghetto und der Zwang zu Handel und Wucher; was Wunder, wenn das Interesse und die Liebe zur Natur fast versiegte, und auch in der Pflanzenwelt das Wort „Jude" einen ominösen Beiklang erhielt. So versteht der Volksmund unter Judenkirsche (Physalis Alkekengi) eine Staude, deren röthlich-gelbe Früchte zwar der Kirsche ähnlich sehen, aber einen abscheulichen, Ekel erregenden Geschmack besitzen; auch der Judendorn (Zizyphus vulgaris) ist ein unansehnliches Gesträuch, dessen Früchte man ebenfalls nicht zu den Delikatessen zählen kann. Aber in den letzten Jahrzehnten, die uns trotz aller Anfeindung so viel mehr Raum zur Entwickelung nach verschiedenen Seiten gaben, ist es auch in dieser Beziehung besser geworden. Der Sitte gemäß Spielarten von Pflanzen mit Personen-Namen zu bezeichnen, finden wir nicht nur eine Rose, ein Stiefmütterchen, eine Azalee mit dem Namen des Baron von Rothschild belegt, sondern auchnach geistigen Größen und weitberühmten Wohlthätern des Judenthums sind eine Anzahl schöner Gewächse benannt. So haben wir einen Crocus und eine Fuchsie namens „Meyerbeer," ein Caladium (eine Blattpflanze des Warmhauses) „Halevy", eine Eschewerin (Teppichbeetpflanze) „Saphir", eine Georgine, „Baron Maurice de Hirsch" und ein Pelargonium „Sir Moses Montefiore". Auch als Lebensberuf wird die „edle Gartenkunst", trotz der verhältnißmäßig kurzen Spanne Zeit, seit welcher wir Grundbesitz (die Vorbedingung jeden Gartenbaus) erwerben dürfen, schon immer häufiger wieder von unseren Glaubensgenossen ergriffen. So war der vor wenigen Jahren gestorbene Gründer und Chef einer der größten Samengärtnereien Deutschlands jüdischen Glaubens, ebenso wie eine sehr bedeutende Obstplantage Süddeutschlands unter Leitung eines Garteninspektors mosaischer Konfession steht, welche Thatsache bis jetzt weder dem Gedeihen der Obstbäume und Sträucher, noch der Güte des Fruchtweins, der aus den Produkten vielfach erzeugt wird, geschadet haben soll. Auch in Quedlinburg und noch an manchen anderen Orten giebt es ältere, jüdische ,Gärtner, die Tüchtiges leisten, denen sich eine Anzahl jüngerer Kräfte anschließt. Systematisch wird die Zurückführung zum Gartenbau von der durch Herrn Konsul Simon gegründeten Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover betrieben, welche ja schon des Oefteren in diesen Blättern erwähnt worden ist. Der Verfasser dieser Zeilen hat die dortige Anlage wiederholt besucht und die Ueberzeugung gewonnen, daß die Zöglinge derselben bei Lust und Liebe zum Fach eine achtungswerthe, vielseitige Grundlage für ihr gärtnerisches Können daselbst erwerben. Mit dem Wunsche, dem Gartenbau im Allgemeinen und diesem gemeinnützigen Unternehmen im Besonderen neue Freunde und Gönner unter meinen Glaubensgenossen zugeführt zu haben, schließe ich meine Betrachtungen. Friedrich Hebbel und die Juden. Von Dr. Adolf Brach, Rabbiner in Brüx. III. ebbel interessirte sich sehr für die jüdische Litteratur und bedauerte, wie Kulke uns berichtet, mehr als einmal, daß „ihm die hebräische Sprache fremd und die Schätze des Judenthums — ein Buch mit sieben Siegeln — verschlossen seien." Fehlte ihm aber auch die Zeit zu diesen Studien, so verkehrte er um so eifriger mit Juden, mit denen er sich gerne über jüdische Litteratur unterhielt. Außerdem schätzte er an ihnen ihren scharfen Verstand, sowie ihre .Begeisterung für das Gute und Schöne. So schreibt Hebbel in seinen Tagebüchern unter dem 1. April 1859. „Im Juden liegt eine nicht zum zweiten Male vorkommende höchst eigenthümliche Mischung von kaustischem Verstand und symbolischallegorischer Phantasie. Er mußte darum groß im Religionsstiften sein; denn sein Verstand gestattete ihm nicht, an dem Grundgeheimnisse der Welt mit zugedrückten Augen vorüberzugehen, und seine Phantasie war besser geeignet wie die irgend eines anderen Volkes, es visionär zu lösen." So kann es uns nicht Wunder nehmen, daß Hebbel Juden zu seinen vertrautesten Freunden zählte. So war er insbesondere durch innige und langjährige Freundschaft mit Emil Kuh und Sigmund Engländer verbunden; mehr oder minder innig befreundet . war er mit L. A. Frankl, E. Kulke, dem späteren österreichischen Justizminister I. Glaser und M. I. Saphir; im persönlichen