Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ü tzWUW'' UM WWMWW 138 Unterschiede der jüdischen und christlichen Religion spricht, ist er nicht objektiv, sondern läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne die Ueberlegenheit seines Bekenntnisses zu betonen. Aber er strebt zweifellos dahin, gerecht zu sein und bekämpft darum die zeitgenössischen Schriftsteller, welche als direkt judenfeindliche auftraten, z. B Eisenmenger. Freilich hindert ihn dies nicht, die Synagoge öfters als „Satans-Schule" zu bezeichnen, aber er hält es doch jedenfalls für nöthig, dies in der „Freundlichen Anrede an die sämmtliche Frankfurter Judenschaft," die dem zweiten Theil als Vorrede dient, besonders zu motiviren, indem er sich für diesen Sprachgebrauch auf das Neue Testament und die größten christlichen Theologen beruft. Er fährt fort: Es werden alle diejenigen von den Eurigen, die mich kennen, mir dasZengniß geben müssen, mit wie liebreicher, freundlicher Sanftmuth ich ihnen begegnet und zugesprochen, es wird Euch nnentfallen sein, wie oft ich groben, unhöflichen Leuten, welche Euch ohnverschuldeter Weise auf öffentlicher Straße mißhandelt, beweglich, Euch ohnmolestiret zu lassen, zugeredet — auch der Eurigen, wann die muthwillige Jugend sie angefallen, mich zu ihrem Schutze eifrig angenommen. Ich rühme in diesem Werke unterschiedliches Gute an Euch, ich lobe Euern guten Verstand und scharfsinnige Erfindungen, ich führe an, wie man Euch die erste Einführung der im Handel und Wandel so unvergleichlich nützlichen Wechselbriefe zu danken hat, wie von Euch ein geschickter Künstler die bisher unbekannte Wisienschaft, auch in Diamanten Pettschaft zu graben, erfunden. Und da ich in besonderes Kapiteln von den Lastern einiger Frankfurter Juden handele, so s^ es fern von mir, daß ich solche Urtheile der ganzen Frankfurter JudeH, schaft wolle aufbürden. Es giebt unter allen Völkern und Religionen Gute und Böse, wie ich denn gemeiniglich bei denen Eurigen zugleich auch einiger bösen Christen gleichmäßige Uebelthaten angehängt habe." Ich habe diesen ganzen Passus Ihnen vorgelesen, weil er für die Anschauungen der Zeit charakteristisch ist. Ein Gymnasialdirektor, der es sich als besonderes Verdienst anrechnet, die muthwillige Jugend von Angriffen aus die Juden zurückgehalten zu haben! Der gute, alte Magister Schudt ist ein echter Gelehrter, mit einem starken Ansatz zum Bücherwurm. Er weiß viel Hebräisch, kenut auch die jüdisch - deutsche Sprache. Er liebt sein Thema, sein wissenschaftliches Material, und infolgedessen liebt er auch die Menschen, die dies Material darstellen. Freilich von der allgemeinen Menschenliebe, die fünfzig Jahre später Lessing predigt, ist er weit entfernt. Er ist unendlich belesen und in dem Wunsche, vollständig zu sein, wird er weitschweifig und fällt vom Hundertsten in das Tausendste. Aber er schöpft nicht ausschließlich ans den Büchern, sondern betrachtet auch das Leben selbst mit offenen Augen und Sinnen und unterhält sich gern mit den Leuten und giebt ihre Antworten wieder. So erzählt er z. B. daß ihm eine alte Jüdin auf die Frage, ob sie denn die hebräischen Gebete auch verstehe, geantwortet habe: „Ob ich's schon nicht verstehe, so versteht's doch Gott." Dies ist gewiß eine ganz naive und volksthümliche Anschauung. (Schluß folgt.) Air Juden und der Gartenbau. Von Arthur Bab, Obergärtner in Gernrode am Harz. faß unsere Altvordern vorzugsweise ein ackerbautreibendes Volk waren, dürfte allgemein bekannt sein, weniger vielleicht, daß sie besonders Hervorragendes in dem Zweige der Landeskultur leisteten, welche man als die vollkommenste Stufe, die Quinteffenz derselben, bezeichnen kann, nämlich im Obst- und Gartenbau. Wir müssen uns das heilige Land ehemals, nach Beschreibung gleichzeitiger und Forschung neuerer Schriftsteller, neben Weizen- und Gerste-Feldern über und über bedeckt mit Obstplantagen vorstellen, denen man, wie schon aus zahlreichen Stellen der Bibel hervorgeht, eine sorgfältige Kultur augedeihen ließ. Allerdings werden wir von den bei uns angepflanzten Arten sowohl den Apfelwie den Birnbaum, die Pflaume und die Kirsche vermiffen, desto häufiger jedoch die Weinrebe antreffen, deren Wichtigkeit für das gesammte altjüdische Leben schon aus der Bedeutung, welche dem Wein im religiösen Kultus zugewiesen ist, hervorgeht. Ja, von den semitischen Völkern ist sowohl die Pflege des Weinstocks wie der Gewinn des Weins zuerst betrieben und durch die zu ihnen gehörenden Phönizier nach den übrigen Ländern, vor allen nach Griechenland, gebracht worden. Dieser Thatsache giebt Viktor Hehn in seinem Werke „Kulturpflmizen und Hausthiere in ihrem Uebergange von Asien nach Europa" in folgenden seltsamen Worten Ausdruck: „Den Semiten, die auch die Destillation des Alkohols erfunden haben, die die ungeheure Abstraktion des Monotheisnrus, des Maßes, des Geldes und der Buchstabenschrift — einer Art geistiger Destillation — vollbrachten (denn die Aegypter blieben an der Schwelle stehen), wird auch der zweideutige Ruhm verbleiben, den Fruchtsaft der Weinbeere auf der Gährungsstufe fest gehalten zu haben, wo er ein aufregendes und betäubendes Getränk giebt." Nächst dem Weinstock spielte der Feigen- und der Oliven-Baum in der Obstzucht eine äußerst wichtige Rolle, und zwar eine um so bedeutendere, wenn man in Betracht zieht, daß das Oel des letzteren die Stelle der den Kulturvölkern des Alterthums unbekannten Butter vertrat. Bolz sagt in seinen „Beiträgen zur Kulturgeschichte": „Palästina war seit ältesten Zeiten das echte Land der Kulturfeige und des Oelbaums, und schon Moses gab zweckmäßige Gesetze in Bezug auf die Obstkultur." Die in unseren Bibelübersetzungen mit Aepfel bezeichnten Früchte waren wohl die des auch häufig angebauten Granatbaums, neben .welchem ferner noch die Mandel, die Quitte und der Johannisbrotbaum, deffen längliche Schoten auch noch heute zu uns eingeführt und als Näscherei verkauft werden, als Fruchtbäume der Israeliten zu bezeichnen sind. Ein ganz besonders angesehener Kulturzweig von Palästina war der Anbau von Datteln, welche aber nur in den wärmsten Theilen des Landes, in der Gegend von Jericho, gediehen. Nach Strabo, einem alt-griechischen Geographen, hat sich dort ein Obstpark von 100 Stadien (über 20 Kilometer) Länge mit künstlicher Bewässerung befunden, in welchem eine sehr gesuchte Spielart, die Nußdattel, gedieh. Der römische Naturforscher Plinius wie der griechische Arzt Dioskorides erwähnen in ihren Schriften ebenfalls die Vorzüglichkeit dieser Früchte; auch ist bekannt, daß Kaiser Augustus stets aus Judäa seine Datteln bezog. Wir wollen hinzufügen, daß Orangen und Apfelsinen, welche jetzt vielfach in Palästina angebant werden und dort gut gedeihen, den Israeliten unbekannt waren; ebenso wie wir dort in alten Zeiten die Kastanie, die Aprikose und die Pfirsiche vergeblich suchen werden. Immerhin war der Obstgarten durch die erwähnten acht Fruchtarten reichlich ausgestattet; auch im Gemüsegarten finden wir eine ganze Reihe Vertreter, wenn sich derselbe auch an Reichhaltigkeit mit dem unsrigen, der mit den Naturschätzen aller Herren Länder versehen ist, nicht inessen kann. Wir bemerken dort angepflanzt und in den Schriften der Alten erwähnt die Zwiebel und den Knoblauch, Kümmel, Dill, Minze, Raute, Senf, die Waffermelone, die Kichererbse, die Buffbohne (unsere gewöhnliche Speisebohne stamnlt aus Süd-Amerika) und die Linse. Den auffallenden Umstand, daß in der Bibel von einem rothen Linsengericht erzählt wird, erkärt der