Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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137 Die Gegenwart zerstört systematisch, was ans der Vorzeit sich noch erhalten hat. Es ist die höchste Zeit, äii sammeln! Nach der Sammlung kommt es darauf an, zu untersuchen, ob das Gewonnene sich geschichtlich verfolgen läßt, wie es in früheren Zeiten gewesen ist, wo sein Ursprung liegt imb was der Grund seines Ursprungs ist. Eine zweite Aufgabe ist, nachzuforschen, ob sich die gleiche Erscheinung auch bei anderen Völkern findet und welche Unterschiede sich bei der Vergleichtmg ergeben. Auf diesem Wege wird man zuletzt die allgemein menschliche Formel aus der nationalen gewinnen. Dann giebt Weinhold ein Schema für diese Studien, das ungefähr folgenden Inhalt hat: Einleitung: Die Physische Erscheinung des Volkes, sil. A. Farbe der Augen und der Haare. „AeußereZustäude: Volksuahrung einst und jetzt —Bereitung derselben. Tracht, einschließlich der Haartracht unb des Schmuckes — besonders bei den wichtigsten Ereignissen des Lebens: Namengebung, Vermählung. Gottesdienst, Tod und Begräbniß. Ferner Wohnung. Hausbau, Hofanlage, Hausgeräth — Waffen." „Innere Zuständ e: 1. Lebenssitten, und zwar sowohl innerhalb als außerhalb des Hauses, insbesondere Leben der Jäger und Hirten, Fischer-, Bauern- und Handwerksgebräuche. 2. Recht, insbesondere Familienrecht. 3. Religion, dazu gehört: Mythologie, Sagen, Märchen, Legenden, Segens- und Zauberformeln, geheimnißvolle Bräuche, Aberglauben, Volksmedizin. 4. Sprache, insbesondere Volks-Dialekte, Scheltreden, Flüche, Namen, besonders Personen- und Familiennamen. 5. Poesie: Lieder, insbesondere Kinderlieber, Sprichwörter und Räthsel, und im Anschluß daran: 6. Musik und Tanz, Gesellschaftsspiele, Kinderspiele. 7. Endlich der Geschmack des Volkes, wie er sich besonders in Form und Farbensinn äußert: die Aesthetik des Volksthums." Meine Herren! Sie sehen, was für ein reiches Gebiet diese Studien eröffnen. Die Dinge, die wir als die gewöhnlichsten und alltäglichsten anzusehen gewohnt sind, gewinnen unter diesem Gesichtspunkt ein wissenschaftliches Jntcreffe. Nichts ist Ihnen mehr gleichgiltig, nichts langweilig, wenn Sie anfangeil, sich mit Volkskunde zu beschäftigen. Jede Ferienreise giebt Ihnen eine Fülle von Beobachtungsmaterial! Aber an diese rein geistige und literarische Arbeit schließt sich noch eine andere an: Wie unsere ganze heutige Unterrichtsmethode auf dem Anschauungsunterricht aufgebaut ist, so wird man auch die dem Volksleben dienenden Gegenstände zu sammeln und in Museen aufzustellen haben. Würden wir ein solches jüdisches Museum begründen, so würden nicht nur Thora-Rollen, Gebetmäntel, Nardenbüchsen, Gebetriemen, Schoferhörner, Mesnssah's, Zizith - Canphos darin Platz finden, sondern auch die gelben Hüte und Ringe, die unsere Vorfahren tragen mußten, Barchus, Mazzoth u. s. w. u. s. w. Für das deutsche Volksleben haben wir vor einigen Jahren unter beiu Vorsitz und der Leitung von Rudolf Virchow ein solches Museum in dem Gebäude der früheren Gewerbe-Akademie in der Klosterstraße 36 geschaffen. Sie finden darin Modelle der Bauernhäuser aus den verschiedensten Theilen Deutschlands, Hausrath, Mangelhölzer, Truhen, vor allein Volkstrachten und Bauernschmuck, Ackergeräthe, Musikinstrumente, Wagen, Schlitten. Schiffe und Boote, Amulette, Kiuderspielzeug, Masken, Schulzenstäbe, Brautkronen u. s. w. u. s. w. Ein solches Museum auch für jüdische Gegenstände zu schaffen, wäre eine dankenswerthe Aufgabe. Es würde das traurige Umsichgreifen der Interesselosigkeit der Juden selbst an ihrem Volksthum verhindern, unseren christlichen Mitbürgern aber einen Einblick in das Wesen des Judenthums verschaffen, welcher den weitverbreiteten Vorstellungen. daß daffelbe kulturfeindliche Bestrebungen enthalte, den Boden zu entziehen geeignet ist. So viel ich gehört habe, ist der Plan für ein solches in Wien gefaßt worden; wieweit es mit der Ausführung steht, ist mir nicht bekannt geworden. Meine Herren! Es scheint mir aber auch, als wenn wir Juden einen besonderen Beruf hätten, volkskundliche Studien zu betreiben. Als Ueberbleibsel eines alten und für die Kulturgeschichte besonders wichtigen Volkes sind wir auf dem ganzen Erdenrunde eingesprengt in fremde Nationen. Ueberall ist in höherem oder geringerem Grade eine Vernüschung der beiderseitigen Kulturkreise eingetreten. Und dennoch wird nicht mit Unrecht behauptet, daß wir überall durch alle Wandlungen der Zeit dieselben geblieben, die wir waren. Der deutsche Jude unterscheidet sich durch sein Volksthum nicht nur vom nichtjüdischen Deutschen, sondern auch vom orientalischen, ja selbst vom englischen und französischen Jtlden. Selbst die Religion des Stammes, unter den: er lebt, ist nicht ohne Einfluß geblieben. Sie kennen das Sprüchwort: „Wie sichs christelt, so jüdelt es sich." Diese komplizirten Umstände müssen eigentlich von Natur jeden denkenden Jtlden ztlm Adepten der Volkskunde machen. Bei der Eröffnungsrede, die Professor Lazarus bei der Begründung des oben erwähllteli Vereins für Volkskunde hielt, erzählte er in charakteristischer Weise, wie er ztt diesen Studien gekommen sei. In seiner GebnrtSgegend gab es außer den Jtlden evangelische Deutsche und katholische Polen. Daß er als Jude sich von den umwohiteitden Christen unterscheide, das hatte er mit der Muttermilch eingesogen; es sei ihm dies zunächst nicht besonders aufgefallen. Aber als er auch auf die Unterschiede der Evangelischen imb Katholiken, der Deutschen und Polen aufmerksam geworden sei, da seien in ihm die Grundgedanken zur Völkerpsychologie — es ist dies im Wesetitlichen dasselbe wie VolksktUtde — entstanden. In der That liegt hier bei der Volkskunde der Jtlden sicher der Schlüssel zur Lösting vieler ethnographischer Probleme. Hier ist eilte ununterbrochene Verbindling der ältesten Zeit mit den moderllsten Ideen, eine Brücke von Orient zu Occident. Allerdings fallen ganze wichtige Berufszweige, die im oben wiedergegebenen Weinholdschen Schema aufgeführt sind, hier aus. Von jüdischelt Ballern, Fischern und Jägern und deren Lebenslveise wird man kauiil reden dürfen. Und das Vorhandeilsein und emsig betriebene Studium der Litteratur hinderte vielfach die Naivetät, die wir als nothwendige Voralissetzung des Volkslebens betrachten. Deml das unverfälschte Volksthum gedeiht am bestell im Kreise der Analphabeten. Bei den Juden nun findet sich gerade das Gegentheil. Ihr Volksthum beruht auf der „Schrift". Das fortwährende Rückgreifen auf schriftlich fixirte und mit Komnientaren Mld Superkominentaren verseheile Vorschriften giebt dem jüdischen Volksthum einen besonderen Charakter. Gerade diese Besonderheit macht es so interessailt. Diese Sonderstellung hat es denn auch bewirkt, daß im Grunde genommen die Volkskunde der Juden älter ist, als die moderne Volkskuilde überhaupt. Wenn inan als den Vater der letzteren den großen deutschen Klassiker Gottfried von Herder betrachten kann, der in seinem Buche „Stimmen derVölker" zuerst Volkslieder der verschiedensten Nationen sammelte, so fillden sich Werke über die Volkskunde der Juden scholl ein Jahrhundert früher. Als wichtigstes derselben erscheint mir das iin Jahre 1714 gedruckte, drei umfangreiche Bände starke, voll dem Gymilasialdirektor Johann Jacob Schudt in Frankfurt a. M. verfaßte Buch „Jüdische Merkwürdigkeiten". wie er sich ausdrückt, mit „historischer Feder beschriebeil". ■ Der Verfasser ist ein evangelischer Theologe und. nach heutigem Maßstab gemessen, keiner von den aufgeklärten.. Wo er von dem