Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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136 vollkommen gleichgestellt. Justitia est fundamentum regnorum. Und wenn der Herr Justizminister auf Grund seiner neuen gesetzlichen Befugnisse seine Auswahl unter den für den Justizdienst verwendbaren Bewerbern trifft, dabei aber fast nie einen jüdischen Bewerber für geeignet findet, so ist das eben der Juden Schuld und bei Leibe nicht die des Ministers. Einen sogenannten „Anstandsjuden" im Richterornat wird man indessen sicher aufzutreiben wissen, damit man alsdann stets auf den unverletzt erhaltenen Rechtsstandpunkt Hinweisen kann — wenn es schon nicht anders sein kann! Aber solch eine Rechtsauffassnng ist genau von der Beschaffenheit wie diejenige gewesen, welche nach der talmudischen Legende zur Zerstörung Jerusalems geführt hat. Dort wird nämlich die Frage aufgeworfen, aus welcher Veranlassung denn eigentlich Jerusalem wohl zerstört worden sein mochte. Und die Antwort lautet: „weil es sich niemals auch nur um eines Haares Breite von der Richtschnur des Gesetzes entfernt hatte." Es bestand unerbittlich auf dem Wortlaut des Gesetzes, mochte auch Sinn, Wahrhaftigkeit und wahre Gerechtigkeit darüber zu Grunde gehen. Wird sich eine Mehrheit für diesen geradezu ungeheuerlichen Gesetzentwurf in unserer Volksvertretung, namentlich im Abgeordnetenhause zusammenbringen lassen? Wird namentlich das Centrum seine Zustimmung zu einer derartigen ungemessenen Erweiterung der diskretionären ministeriellen Gewalt geben? Von der Haltung dieser Partei hängt das Schicksal dieses Gesetzentwurfes ab, dessen schärfste Spitze zweifellos gegen uns Juden gerichtet ist. Wir gestehen, daß unsere Hoffnungen, diesen ein gut Theil unserer politischen und sozialen Stellung vernichtenden Schlag von unseren Häuptern abgeweudet zu sehen, sehr schwach sind. Für diesen Gesetzentwurf dürfte keine Centrumsstimme zu gewinnen sein. Allein wie viele von den Mitgliedern des Centrums werden an dem entscheidenden Tage zur Stelle sein? Was bleibt also übrig? Nun! Zu kämpfen, in vollstem Maße seine Schuldigkeit zu thun und mit dem königlichen PsalmensÜnger in die Worte einzustimmew: „Vertrauet nicht auf Menschen, bei denen keine Hilfe ist!" Am schlimmsten wird es indessen um jene feilen und feigen Seelen bestellt sein, die sich von der Gemeinsamkeit des Judenthums losgelöst haben. Jene Wackeren, die ihre religiöse Zugehörigkeit zu den Juden abstreiften wie einen Handschuh, sie werden zur Verachtung noch den Spott mit in Kauf nehmen müssen. Denn der getaufte Jude bleibt uun doch einnml der Jude — und das ist der grimmige Humor davon! Und auch jenen weichherzigen Eltern, welche ihren Kindern nicht frühzeitig genug die Segnungen der Taufe mit auf den Weg geben können, wird es hoffentlich klar gemacht werden, daß das Tanfwasser fortan nicht jede unliebsame Erinnerung wegzuwischen vermag. Und auch darin liegt ein herzerquickender, grimmiger sozialer Humor. Iur Volkskunde der Juden. Vortrag, gehalten von Syndikus Dr. Georg Minden im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Berlin. leben in einer traurigen Zeit. Die guten alten Sitten sind im Verschwinden begriffen. Und mit den alten Sitten schwindet auch die Sittlichkeit. Die Kinder haben keine Ehrfurcht mehr vor ihren Eltern. Pietät lmd Gottesfurcht sind unbekannte Begriffe geworden, — solche Reflexionen, meine verehrten Herrschaften, kann man alle Tage hören, und sie ftitb wahrlich nicht unbegründet! Wenn wir mm aber alte Bücher aufschlagen, so finden wir, daß ganz dieselben Klagen auch schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden ausgesprochen sind. .Ist doch selbst das Buch der Bücher, unsere heilige Schrift, voll von solche:: Beschwerden. Immer wird über Verschlechterung der Sitten geklagt, und doch finden wir immer wieder ein neues Menschengeschlecht, aufgelegt, wie ihre Vorfahren, sich ihres Lebens zu freuen, ja selbst zu behaupten, daß es ihnen viel besser gehe als ihren Vorfahren, daß die Menschheit in einem großartigen Aufschwung begriffen sei, daß wir an Gesittung und Civilisation mächtig vorwärts schreiten. Beide Auffassungen haben sicher ihre Berechtigung und wir wollen die Frage, ob die Sitte:! sich stetig verbessern oder sich stetig verschlechtern, heute nicht zum Austrag bringen. Es hängt wohl von der Auffassung des Beurtheilers,von seinem Charakter, ob er als Pessimist oder als Optimist geboren ist, auch vielleicht von seiner augenblicklichen Stimmung ab, in welchem Sinne er sich entscheidet. Die Alten neigen vorzugsweise dazu, über den Verfall der Sitten zu klagen — laudaloies temporis acti, die Jugend sieht überall Verbesserungen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich auch hier in der Mitte. Was wir aber aus dieser Betrachtung als sicheres Resultat folgern können, ist, daß sich die Sitten der Völker fortwährend verändern, daß sie in einer ununterbrochenen Entwickelung begriffen sind, gerade so wie die Gestirne fortwährend in Bewegung sind und wie in der thierischen und der Pflanzenwelt ein ewiges Entstehen und Wachsen und Vergehen stattfindet. Es könnte darum scheinen, als wenn wir für das Gebiet der Volkssitten nur die eine Regel feststellen können, daß die Menschheit fortwährende Abwechslung verlangt, daß das einzig Feststehende der ewige Wechsel sei — aber dem ist doch nicht so! Eine genauere Betrachtung zeigt, daß auch hier Willkür ausgeschlossen ist, daß vielmehr ewige Gesetze die Handlungen der Menschen bestimmen. Diese Gesetze nun zu erforschen und festzustellen ist die Aufgabe der Volkskunde und der ihr verwandten wissenschaftlichen Disziplinen: Ethnologie, Völkerpsychologie, Kulturgeschichte, Soziologie, Statistik u. s. w. u. s. w. — ich könnte noch 20—30 verschiedene Namen anführen. Wer aber den Versuch macht, diese einzelnen Disziplinen von einander abzugrenzen, der kommt zu dem Resultat, daß das fast unmöglich und im Grunde unfruchtbar ist. In dies ungeheure Gebiet, die Volkssitten zu erkunven und zu erkläre::, ist eben jeder selbständige Forscher von einer anderen Seite her eingedruugen und, da in demselben noch so unendlich viel zu thun ist, ist es erklärlich, daß eine gemeinsame Basis für die Bearbeitung noch nicht gefunden ist, daher die Mannigfaltigkeit der Systeme! Was verstehen wir nun unter Volkskunde — oder wie ein englischer, in alle anderen Sprachen übergegaugener Ausdruck lautet: unter Folklore oder Folkloristik? Als in: Jahre 1891 der Hierselbst neu geschaffene Verein für Volkskunde die von den Professoren Lazarus und Steinthal — die wir mit Stolz die Unseren nennen — 80 Jahre voher begründete Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft übernahm, um sie unter der Redaktion des Professor Weinhold fortzusetzen, äußerte sich der Letztere, der seinen: Studiengange nach germanistischer Philologe ist, etwa in folgender Weise: Die Volkskunde ist zur Zeit noch im Werden begriffen; nur durch exakte Forschung und richtige Methode kann sie zur Wissenschaft sich erheben und der Gefahr des Dilettantismus entgehen. Es kommt zuerst darauf an, umfassende Sammlungen anzulegen, alles und jedes Material so genau, wie der Naturforscher das seinige aufzusuchen, möglichst rein zu gewinne:: und treu aufzuzeichnen, in Wort und Bild, wo beides möglich ist.