Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-13 · Heft 11 (13.3.1896) · p. Seite 132

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 11 (13.3.1896)
Date
1896-03-13
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228160--52657-3258291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

132 „Der Mensch geht itn Kerker zu Grunde," sagte ec ihm. „Wenn Du ihn sehen könntest, Du hättest Mitleid mit ihm, auch wenn Dein; Herz von Stein wäre. Und Du hast ein weiches, gutes Herz, Leibko, Denk' daran, wie viel Gutes Du ihm schon im Leben erwiesen hast und füge diese größte, letzte Wohlthat hinzu. Du kannst es ruhig thun, er ist ein anderer Mensch geworden, so traurig und ergeben! Er weiß ja — ich habe es ihm gesagt —, daß Deine Tochter am Sonntag heirathet; er hat nur leise aufgeseufzt, aber nichts gesagt, geschweige denn gedroht oder getobt. Du läufst also gar keine Gefahr dabei. Auch verlange ich Deine Bürgschaft so, daß er erst am Montag frei wird. Da ist Deine Tochter bereits Herrin in einem großen, wohlbehüteten Hause — was kann ihr dagegen geschehen?!" Leib hatte sich abermals Bedenkzeit erbeten, diesmal bis zum Sonntag Morgen. Und nun saß er in der stillen Nacht und lauschte und lauschte in sich hinein. Aber er konnte auch nun nicht erkunden, was Er ihm befahl. Am nächsten Morgen fragte ihn Miriam, warum er so lange schlaflos geblieben. „Woher weißt Du das?" war seine besorgte Gegenfrage. „So kurz vor der Hochzeit schlafen wohl die wenigsten Bräute," erwiederte sie gepreßt. Dann aber drang sie in ihn, ihr zu sagen, was der Pope von ihm gewollt. Da gestand er es ihr endlich. Sie wurde um einen Schatten bleicher und sagte dann: „Ich bin nur ein dummes Mädchen, aber weißt Du, was ich an Deiner Stelle thäte? Ich würde Reb David fragen, ob er sich vor dem Saufo fürchtet. Sagt.er „Nein", so darfst Du das gute Werk thun." „Du hast Recht," sagte er erfreut, „so will ich's machen." Am Sonntag — es war abermals ein klarer, schöner Tag — ließ er sich schon in aller Frühe über den Fluß setzen; die Brücke war noch immer nicht passirbar. Reb David war erstaunt, als ihm Leib sein Anliegen vortrug; von der Leidenschaft des Janko für Miriam wußte er ja längst, nicht aber, daß er je so furchtbare Drohungen ansgestoßen. „Ihr thätet es wohl gern?" fragte er dann lächelnd. „Es sieht Euch ähnlich, Reb Leib! Gutes für Böses, Trost für ein Unglück, das er sich selbst bereitet hat. Aber ob ich Euch den Gefallen thun kann, weiß ich nicht. Ich geb' Euch hier einen Brief an den Bezirksrichter mit, er soll Euch sagen, ob der wilde Mensch wirklich so zahm geworden ist, wie der Pope sagt. Natürlich soll er aber erst morgen, freikommen." Die Antwort des Richters lautete beruhigend: „Zahm, wie ein Pudel. Du kannst ruhig unterschreiben, Leibko. Unter uns gesagt, Du thust damit nicht blos ein gutes Werk, sondern auch mir einen Gefallen. Ich fürchte wirklich, er geht mir hier sonst zu Grunde." So setzte denn Leib in hebräischen Buchstaben seinen Namen unter die Bürgschaft neben den des Popen. „Aber er wird wirklich erst morgen frei?" fragte er besorgt. „Morgen!" beruhigte ihn der Richter. Am Nachmittag kamen Reb David und seine Schwester im Kahn über den Dniester gefahren und die Trauung fand im Hause des Rabbi statt, wie es bestimmt war. Nur währte das Hochzeitsmahl doch etwas länger, als der Bräutigam es gewünscht. Er trank und aß wenig, die Braut, die mit stillen, ernsten Mienen im Kreise der. Frauen dasaß, fast ilichts, aber die andern Gäste desto mehr. Er. ließ Miriam aus dem Weiberzimmer holen, sobald es irgend ging,' aber es war doch bereits tiefe Dunkelheit, als er mit seiner Neuvermählten den Kahn bestieg, der sie in sein Haus tragen sollte, das jenseits der breiten, dunklen Fluth hellschimmernd herüber grüßte. „Du mußt vorsichtig rudern, Michalko," sagte er dem Knecht, der im Boot, auf der Ruderbank zusammengekauert, ihrer harrte. „Du weißt doch, auf die Pappeln zu? Sonst trägt uns die Strömung zu weit ab!" Der Mann murmelte etwas Unverständliches und stieß ab. „So leid es mir thut, Du mußt Dich recht weit von mir setzen," sagte Reb David scherzend zu seinem jungen Weibe, „in die Mitte hin, sonst schaukelt der Kahn zu stark." Sie that es, aber das Schaukeln ward immer stärker und nun zog der Knecht die Ruder ein und erhob sich. „Was treibst Du, Michalko?!" rief Reb David erschreckt. „Bist Du betrunken?!" : ' ' „Miriam!" Im nächsten Augenblick hatte Janko Wygoda die Entsetzte umfaßt. „Ein Grab. . .!"g Eine Sekunde später schlug der Kahn umrund die drei Gestalten versanken in der dunklen, kalten Fluth. Das Hochzeitsmahl ging ungestört weiter; erst als nach zwei Stunden die Schwester Reb Davids heimkam und die Neuvermählten nicht im Hause fand, erkannte sie, daß ein Unglück geschehen, fuhr wieder zurück und störte die Fröhlichen auf. „Der Janko!" stöhnte Leib und brach ohnmächtig zusammen. Am nächsten Morgen konnte der Bezirksrichter in seinem Protokoll Alles aufs Beste aufklären; der Kerkermeister hatte seinen Gefangenen eigenmächtig schon am Nachmittag des Sonntag entlassen, und der Michalko war, statt auf der Ruderbank zu harren, in die Schänke am Ufer gegangen. Aber davon wurden Reb David und sein junges Weib nicht wieder lebendig. Leib Weihnachtskuchen hatte nach dem Tode seines Weibes viel geweint; diesmal fand sein Auge keine Thränen. Stumm, mit starren, blassen Mienen saß er auf demselben Schemel, wo er die Todtenwacht um Chane gehalten, und blickte in die zuckende Flamme des Seelenlichts. „Sucht! sucht!" — stieß er dann immer angstvoll hervor. Die Hände hingen schlaff herab, nur manchmal griff er sich ans Herz, als empfinde er da einen ungeheuren Schmerz. Zwei Tage später war sein brennender Wunsch erfüllt, da wurden die Leichen aus dem Strome gehoben. Zuerst die Re b Davids allein, bann jene Miriams und des Janko. Er hatte ihre Hand im Todeskampf erfaßt und seine starre Rechte umkrallte die ihre noch immer. Mit Mühe lösten sie die Umschlingung. Als man Leib meldete, daß das Letzte, was er noch auf Erden wünschen konnte, erfüllt sei, nickte er still vor sich hin; er erhob die Augen zum Himmel, und sein Antlitz ward wieder friedlich. Auch hatte er die Kraft, der Leiche bis ans Grab zu folgen. Als die ersten Schollen niederfielen, zuckte er zusammen, die Thränen flössen über das Antlitz, und er rief mit markerschütternder Stimme: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn —" Das Letzte konnte Leib Weihnachtskuchen nicht mehr sagen. Er preßte die Hand aufs Herz und brach todt zusammen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortüch für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.