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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-13 · Heft 11 (13.3.1896) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 11 (13.3.1896)
Date
1896-03-13
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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131 „Vater," sagte sie, „es ist nicht gut, wenn wir Beide Geheimnisse vor einander haben. Die Tante hat mir eben gesagt, warum Meyerl so oft zu Dir kommt und zu wem er Dich gerufen hat. Es wäre mir lieber gewesen, wenn ich mein künftiges Schicksal von Dir erfahren hätte." „Verzeihstammelte er. „Aber es ist noch nichts entschieden. Ich Hab' Reb David eben gesagt, daß Alles von Deinem Willen abhängt!" „Von meinem Willen?" fragte sie in größtem Erstaunen. „Ich Hab' gedacht: das haben die Mutter und Du ausgemacht und ich habe zu gehorchen." „Wenn Du es nicht willst, so wird die Verlobung aufgehoben," erwiederte er. „Höre mich an, Kind, und entscheide." Und er setzte ihr auseinander, was dafür, was dagegen sprach, verschwieg nichts und beschönigte nichts. Er bekannte, wie sehr Chane die Verbindung gewünscht, aber daß auch sie sich ein anderes und besseres Glück für die Tochter ersehnt. Das junge Mädchen hörte ihn still an, ohne eine Frage zu thun. Und als er zu Ende war, sagte sie nur: „Darf ich'S mir überlegen? Nur einige Stunden —" „So lang' Du willst!" rief er. Aber schon am frühen Nachmittag trat sie mit stillem Antlitz vor ihn hin und sagte ruhigen Ton's: „Ich will's thun!" „Uebereile Dich nicht," bat er. „Hast Du es wohl überlegt?" „Ja," erwiederte sie. „Es ist das Beste für uns Alle, für die Mutter, für Dich, für mich . . ." Es berührte ihn eigen, daß sie dabei vor Allem die Todte nannte. „Deine Mutter," sagte er, „sie ruhe in Frieden, weiß heute besser, als Du und ich, was Dir wahrhaft zum Guten ist. Die ist im Licht, sie kennt Deine Zukunft, wir kennen sie nicht. Vielleicht denkt sie nun anders über diese Heirath, als da sie, gleich uns, im Dunkel war ..." Sie schwieg lange, erwiederte dann aber: „Ich kann mich nur an das halten, was mir als ihr Wille bekannt ist. „Bleib ein ehrlich jüdisch Kind!" hat sie mir mit ihrem letzten Hauch gesagt; ein jüdisch Kind thut, was feine Eltern wollen. Und ich Hab' nichts gegen Reb David; im Gegentheil, nach allem, was Du mir von ihm erzählt hast, Hab' ich große Achtung für ihn!" „Mit Recht," sagte er. „Aber noch eine Frage mußt Du mir beantworten: Du thust es doch nicht auch deshalb, um mich zu versorgen?" „Nein!" erwiederte sie ruhig. „Denn ich kenne Dich und weiß, daß Du nichts von ihm annehmen wirst." „Nun denn," sagte er, „so will ich in Gottes Namen zu ihm gehen und es ihm sagen!" Auch seine Stimme klang fest. Aber als er nun zur Thüre ging, geschah etwas Seltsames. Er hielt Plötzlich inne und wankte. Sie eilte auf ihn zu und umschlang ihn. „Was ist Dir?" fragte sie besorgt. Aber er konnte nichts erwiedern vor jähem, ungestümem Weinen. Auch ihre Thränen flössen, bis sie sich endlich aus seinen Armen losriß. „Nun geh'," sagte sie. „Es muß für einen Mann wie ihn demüthigend sein, so lange auf den Bescheid zu harren. . . . Und noch eins: wenn er für eine baldige Heirath ist, so sei Du nicht dagegen!" „Aber die Trauer?" wandte er ein. „Die äußere?" erwiederte sie. „Was liegt daran? Und die Trauer, die ich jm Herzen um sie trage, und die Erinnerung an ihre Sterbestunde — das vergeht nicht, und wenn ich hundert Jahralt werde." So erhob denn Leib keine Einwendung, als Reb David wünschte, daß die Hochzeit schon nach vierzehn Tagen stattfinden solle. „Es ist das Beste so." sagte der Greis. „Soll meine Braut nach Winkowze heimkehren, unter die Bauern, von denen gewiß noch der und jener glaubt, was ihm die Kasia von ihr erzählt hat? Oder soll sie Leuten wie Schmul und Rachel länger als nöthig zur Last fallen?! Bleibet auch Ihr ruhig hier. Die Sach' zwischen Euch und Krumm- Schimmele laß' ich schon ordnen; vielleicht übernimmt er Eure Pacht, das wäre das Klügste. Denn allein werdet Ihr im verödeten Haus nicht wieder wirthschaften wollen. Es findet sich schon etwas Anderes für Euch, ob mit oder ohne meine Hilfe, mögt Ihr selbst entscheiden!" Die Ausrichtung der Hochzeit übernahm natürlich der Bräutigam. „Es soll alles aufs Einfachste sein," versprach er, „nur die nothwendigsten Leute, weder Musik, noch ein großes Mahl. Am liebsten ließe ich die ,Chuppe' (den Trauhimmel) in meinem eigenen Hause aufstellen, aber das geht gegen den Brauch, und so mag es im Hause des Rabbi sein. . . Den Brauch," fügte er lächelnd bei, „wollen wir überhaupt einhalten. Meine Braut ist'gefragt worden, als ob sie eine Christin wäre, aber deshalb bin ich doch ein Jud', sogar ein alter, und darum werde ich sie in den vierzehn Tage nicht besuchen, auch nicht anderswo sehen." So wurde es auch eingehalten, aber das Gegentheil wäre ihm auch schwer geworden. Denn schon nach einer Woche war die Verbindung zwischen beiden Ufern nur noch durch Kähne möglich und die Ueberfahrt nicht ungefährlich. Miriam hörte auch sonst von ihrem Bräutigam nichts; er war sogar feinfühlig genug, ihr kein Geschmeide zu senden. Auch die Aussteuer, die Rachel für sie besorgte, beschränkte sich auf das Nothwendigste. So - fehlte dieser Brautzeit aller Duft, alles Licht. Gran und düster, wie Himmel und Erde, war auch das Leben in der engen Hütte. Wenn der Vater sie ansah, wie sie so mit stillem, ernstem Antlitz, von der Trauer und der ungewohnten Stubenluft noch immer bleich, am Fenster der Kammer saß und bei dem kärglichen Licht dieser häßlichen Herbsttage an ihrer Aussteuer nähte, schwebte ihm oft die Frage auf den Lippen, ob sie ihren Entschluß nicht bereue. Erkämpfte lauge, bis ihm die Worte doch einmal — es war am Donnerstag Abend, und am Sonntag sollte, wenn nur der Bräutigam aus seinem Hause nach dem Marktflecken gelangen konnte, die Hochzeit sein — laut auf die Lippen traten. „Nein," erwiederte sie und hielt seinen prüfenden Blick ruhig aus. „Was hätte sich auch geändert, daß ich es bereuen sollte?!" Der folgende Tag war jener erste sonnige Tag nach dem langen Düster. Er zauberte überall eine andere, hellere Stimmung in den Gemüthern hervor, bei diesen beiden Menschen versagte seine Kraft. Blieb es noch die Leiden nächsten Tage andauernd schön, dann konnte die Hochzeit sicherlich am Sonntag stattfinden — Vater und Kind wurden dadurch weder schmerzlich noch freudig erregt. Dem sonnigen Tag folgte eine klare, helle, kalte Nacht. Leib blieb bis Mitternacht auf dem Bänkchen vor der Hütte seines Schwagers sitzen; er empfand die Kälte nicht, auch kein Bedürfniß nach Schlaf. Es war nur wieder eine in der langen Reihe von Nächten, da er den Schlummer vergeblich ersehnte. Aber heute war . noch minder daran zu denken, als sonst. Der Pope war am Vort. mittag wieder bei ihm gewesen und hatte neuerdings in ihn gedrungen, die Bürgschaft für den Janko zu übernehmen, diesmal in beweglicheren Worten, als das letzte Mal.

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