Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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: 130 von einem Gedanken, von der Sehnsucht nach der Zukunft, erfüllt, und in dieser Stimmung läßt sich nicht gut ein ganzer Brief, ziemlich anderen Inhalts, schreiben. Wann werde ich diese Sehnsucht befriedigen können! — Meine Sachen hier gehen einen entfetzlich schläfrigen Gang, so daß ich zwar noch Hoffnungen hege, aber wahrlich keine sehr sanguinischen. Nun lebe ich freilich in einem Jdeenkreise, der mich über die tägliche Kümmerlichkeit erhebet; aber meine Emilie? Jedoch, ich weiß zu dulden und muß kräftig sein, so daß ich kräftigen kann, und das gelingt mir auch?) Zunz wird ein trefflich fleißiger Mitarbeiter, im Heft 2 sind Analekten von ihm, in Heft 3 eine Rezension über Sachs' Psalmenübersetzung, Bd. III, H. 1 wird neue Analekten und noch Anderes von ihm bringen, und kein Brief von ihm ist ohne Nachrichten und theilweise Berichtigungen und ohne die Zeichen eines großen Interesses für die Zeitschrift. Das Gleiche ist von Salomon zu rühmen; der fabrizirt mit seinem lieblichen- Stile Nachrichten drauf los. Auch Steinheim ist wieder erschienen mit einem großen Aufsatze, der recht hübsch ist und den gleichfalls der 3. Band bringen wird. Interessant sind aber Bekenntnisse. die er mir gemacht hat auf vier Fragen, die ich ihm vorgelegt habe. 1. Wo der Inhalt seiner Offenbarung in dem von ihm als offenbart angenommenen Schriften stünde? Antwort: in der Synagoge lebten diese Überzeugungen, und hätte er sie selbst erfunden, so wären sie von da an das Charakteristische derselben (!!) 2. Wie es mit dem Gesetze stünde? Was topisch und temporär sei, bleibe für jetzt dahingestellt, was mit den Grundwahrheiten im Widerspruche sei — Engels- und Teufelslehre — müsse ausgeschieden werden. 3. Wie die Offenbarung zu dem ersten Organe derselben komme? Dies brauche er eigentlich nicht zu wiffen, aber wohl durchs Ohr. 4. Wie seine Ansicht mit der Bibelkritik harmonire? Die möge wohl Recht haben und er auch, sobald er nur bewiesen habe, daß die Wahrheiten offenbart sein müßten. Ich überlasse Dir die Analyse dieser zum Theil sehr schiefen Antworten. Ec ist aber ziemlich zelotisch für seine Ansichten, was ich ihm jedoch wohl zu vertreiben mir getraue. — Rießer ist nun in Frankfurt oder vielmehr in Bockenheim, und ich habe gestern Abend Brief von ihm erhalten; er hat eine Denkmünze von sehr vortrefflichem Gepräge bei seinem Abschiede von Hamburg erhalten, und die,Abschiedsfeier war sehr würdig. —I 1-H II---1 II—1 I-9 11M3QM1KZ3 * | FEUILLETON 1 Ä- 1 1 -- 1-t MlMMMUMMMWMMllltMLMÄlMMMlMWlMlMLMMiMllMMikLtÄ MWMiMmWnWMlilMluMWiliMMMWMMmiWfMMMMMtMMWNA 1--35--1 1—I nui i— m Leib Meihnachtskuchen und fern Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Schluß). eib schwieg, aber nur wenige Athemzüge lang. Denn diesmal , glaubte er, Seine Stimme deutlich zu vernehmen. „Ich will/' erwiederte er mit einer Bestimmtheit, die ihm selten zu eigen war; es schien, als hätte sich etwas von dem Wesen desWannes, vor dem er stand, auf ihn übertragen. „Meine Chane ') Ueber Geigers Stellung in Wiesbaden, die im Folgenden noch mehrfach erörtert wird, s. A. Geigers Leben S. 66 fg. Es handelte sich hauptsächlich um seine und seiner Anhänger Bemühung, die freilich erfolglos blieb, ihm das Landesrabbinat zu verschaffen. — sie ruhe im Frieden — hat's gewollt, und ich war zu ihren Lebzeiten nicht dagegen;, ich kann es auch jetzt nicht sein. Gewandelt hat sich nur Eins: jetzt muß ich meine Miriam fragen, ob sie will oder nicht ..." Dem alten Mann stieg die Röthe des Zornes ins Antlitz, aber er bezwang sich. „Wie soll ich das verstehen?" fragte er. „Bei Eures Weibes Lebzeiten habt Ihr eine solche Frage für überflüssig gehalten, jetzt haltet Ihr sie für nöthig?! Ich will Euch sagen, wie die Dinge stehen: Ihr seid im Herzen ebenso dagegen, als Euer Weib dafür war; so lang sie lebte, habt Ihr kein „Nein" gewagt und wagt es auch jetzt nicht/wohl aber hofft Ihr auf ein „Nein" Eurer Tochter." „So ist's nicht," erwiederte Leib. „So wahr mir Gott gnädig sei — nein! Die Wahrheit ist vielmehr: ich Hab' immer geglaubt, daß meine Tochter 'gefragt werden soll, nur Hab', ich's nicht genau gewußt, ob es Pflicht ist. Inzwischen hat sich etwas begeben, was mich erkennen läßt: ja, es ist Pflicht gegen Euch und gegen mein Kind. Und darum muß ich fragen." „Und was war dies -Etwas'?" „Das kann ich Euch nicht sagen," erwiederte Leib. „Aber ich schwöre Euch, mit der Ehrbarkeit meiner Tochter hat es nichts zu thun." Reb David sah ihn durchdringend an; er hielt den Blick ruhig aus. Es war ein langes Schweigen in der Stube. Der Greis stand auf und schritt einige Male auf und nieder, minder sicheren Schrittes, als er gewohnt war; er rang offenbar einen schweren Kampf. Endlich blieb er vor dem Schänkwirth stehen. „Fragt sie," sagte er, „und bringet mir dann Bescheid. Ich thäte sonst in solcher Sache keinem Menschen den Willen, Euch will ich ihn thun. Denn Ihr seid ein Anderer als die Meisten, denen ich bisher begegnet bin. Ein „Schlemihl" — ja, und Euer Verstand kann hundertmal irren, aber Euer Herz irrt nicht. Es ist unerhört, ein Mädchen zu fragen, aber glaubt Ihr, daß Jhr's in diesem Falle thun müßt, so darf ich nicht dagegen sein . . ." Leibs Augen wurden feucht. „Wie soll ich Euch danken?" stammelte er. „Das habt Ihr Euch selber zu danken," erwiederte der alte Mann. „Hätt' ich nicht dem Begräbniß Eures Weibes beigewohnt, ich hätt' nicht nachgegeben. Aber da habt Ihr mir's angethan. Wie Euch zu Muth war, wußte ich, und darum hat es mich tief erschüttert, wie Ihr dastandet, als Euch die Leut' ihr Beileid sagten. Euer Herz hat geblutet, und dennoch ist es Euch aus dem Herzen gekommen, als Ihr unter bitteren Thränen sagtet: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt!" Wer Solches vermag, ohne zu heucheln, wer so fromm ist, so wahrhaft fromm, der mag ein noch schlechterer Geschäftsmann sein als Ihr, er ist doch nicht blos besser, sondern auch klüger als wir Alle. Sein Verstand ist blöde, sein Herz ist weise. Thut, was Euch Euer weises Herz gebietet, Reb Leib!" Und er schob ihn sanft zur Thüre hinaus. Mit wirbelndem Hirn eilte der Kleine heim. „Jetzt wird's mir leid thun, wenn sie Nein sagt," dachte er. „Ich kann ihm zurückgeben, was er mir gesagt hat: auch auf ihn ist Verlaß!" Erst als er dicht vor der Hütte seines Schwagers stand, fiel ihm bei, daß er sich doch die Art, wie er es ihr sagen wolle, zurechtlegen müsse. Er beschloß, es erst aus dem Wege nach Winkowze und so vorsichtig als möglich zu thun. Der Plan wurde zu Wasser. Als er eintrat, kam sie ihm entgegen.