Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 merkwürdigerweise weder der ausführlichste Biograph Hebbels, Emil Kuh. noch auch E. Kulke in seinen „Erinnerungen an Friedrich Hebbel" deffelben Erwähnung thut, noch auch der langjährige Freund Hebbels, L. A. Frankl es in seinen „Libanon", wo es voll und ganz am Platze gewesen wäre, ausgenommen hat. Dieses Gedicht lautet: Der Jude an den Christen. Ich sank zu Deinen Füßen, bleich und blutend. Ich zeigte stumm auf die Vergangenheit; Ich rief, im Sterben selbst mich noch ermuthend: Sei Du mein Heiland, jüngste, stolze Zeit! Du standest still vor mir, mich ernst betrachtend. Dein Blick, umwölkt zwar, schien doch mitleidvoll. So daß mein Herz, bisher verzweifelnd schmachtend. Zum ersten Mal von sanfter Hoffnung schwoll. Doch ach! Du zähltest schweigend nur die Wunden, Die langsam mich, bis auf den Kern, zerstört. Du fandest schaudernd alle unverbunden. Und wandtest Dich, im Innersten empört! Nun prägt mich, allen Zeiten zu beweisen. Daß mich kein Mensch mehr Bruder nennen kann. Dein Griffel, Zug um Zug, in Stein und Eisen; Dann wiederholst du streng den alten Bann. O, zerr' es nur aus dunklem Tabernakel Hervor, mein Bild, zerrissen und entstellt; O, stell' es nur mit'jedem seiner Makel Im Glanz der Sonne auf, vor aller Welt! Was war in Euerer Märt'rer Leib zu lesen. Wenn man zerfetzt hervor sie stieß ans Licht? Doch nur, wie hart die Folterbank gewesen — Für Sünden hielt man ihre Wunden nicht! Hätte Hebbel nur dies eine Gedicht, wie ich kein zweites ähnliches kenne, geschrieben, wir Juden wären ihm zu Dank verpflichtet, und dies umsomehr, als dieses Gedicht nicht blos Ausdruck einer zufälligen augenblicklichen^ Stimmung war, sondern seinem inneren Herzensdrange entsprang. Dafür bürgt auch die Thatsache, daß Hebbel acht Jahre später (1847)^dieses.Gedicht seinem Freunde S. Engländer zur Veröffentlichung in seiner in Wien erschienenen Zeitschrift „der Salon" übergab.,. UebbelHschreibt darüber in einem Briefe (vergl- F. Bamberg, F. Hebbels Briefwechsel a. a. £).), datirt von Wien, 1. September 1847, an F. Bamberg'nach Paris wörtlich wie folgt: „Nenlich^gab ichIhm^(Engländer)^für den'Salou ein Gedicht: Der Jude an den Christen. Es sprach in meiner Weise, also ohne alles Spitzen- und Stachelmachen, den einfachen Humanitätsgedanken des Jahrhunderts ans, wurde aber desungeachtet^durchstrichen (natürlich von der Censur). Ja, lieber Freund, hier kann man in den Verdacht gerathen, Sonne, Mond und Sterne erfunden zu haben!" II. Im selben Jahre (18-89), in welchem das Gedicht „Der Jude an den Christen" erschin, arbeitete Hebbel atftseiner.'„Judith", die er in kurzer Zeit vollendete. Den Stoff hatte er bekanntlich aus deüi apokryphischen Buche „Judith" genommen. Hebbel wich in mehrfacher Hinsicht von der apokryphischen Judith ab, jedoch nur, um die Heldin in einem noch helleren und reineren Lichte erscheinen zu lasten und ihre That, die ein Akt der Nothwendigkeit war, erklärlicher zu machen. „Das Elend meines Volkes," so spricht Judith, „peitschte mich hierher, die dräuende Hlmgersnoth, der Gedanke an jene Mutter, die sich ihren Puls aufriß, mit ihr verschmachtendes Kind zu tränkend Um Judiths That noch mehr zu rechtfertigen, läßt Hebbel, abweichend vom Original, Judith entwürdigt werden. „Auf die Knie warf ich > mich nieder vor dem Gräßlichen und stöhnte: ,,Verschone7mich',!" Hätte er auf den Angstschrei meiner Seele gehört, nimmer würd' ich ihn — Holofernes hatte aber nur ein Hohngelächter für sie, und darum ruft sie später aus: „Hab' ich in meiner Entwürdigung das Recht des Daseins eingebüßt, mit diesem Schwert will ich's mir erkämpfen!" Trotzdem aber kostet es Judith schwere Kämpfe, Hand an Holofernes zu legen. „Es ist mehr als eine Heldenthat; ich möchte den Helden sehen, dem seine größte That nur halb so viel gekostet hat wie mich die ineinige." (5. Akt.) Eine genauere Lektüre der Hebbelschen Judith zeigt aber auch, wie der Dichter nicht blos mit den biblischen Motiven, sondern auch mit der biblischen Sprache vertraut war. Doch darauf einzugehen ist hier nicht der Platz; dagegen sei eine Stelle aus dem ersten Akte hervorgehoben, in welcher sich Hebbels Wohlwollen für die Juden bekundet. Auf die Frage des Holofernes: „Welche Städte haben sie (die Juden), was vermögen sie, welcher König herrscht über sie, wie viel Kriegsvolk steht ihm zu Gebote?" antwortet der mesopotamische Gesandte: „Herr, dies Volk ist versteckt und mißtrauisch. Wir wiffen von ihnen nicht viel mehr, wie sie selbst von ihrem ttnsichtbaren Gott wiffen. Sie schellen die Berührung mit fremden Völkern. Sie essen lind trinken nicht mit uns, höchstens schlagen sie sich mit uns." Darauf läßt Hebbel — und dies ist charakteristisch — den Holofernes antworten: „Wozu redest Du, wenn Du meine Frage nicht beantworten kannst?" Mit diesen Worten, die Hebbels eigenste Erfindung sind, da sich nichts dergleichen im Originale findet, wollte Hebbel jedenfalls jenen Jndenhassern einen Hieb versetzen, welche auf Israel schimpfen, ohne es zu kennen. Noch mehr aber zeigt sich"Hebbels Wohlwollen für die Juden in der Schlußszene des zweiten Aktes der „Genoveva", die er ein Jahr später, am 1. März 1841, vollendete. In dieser Szene, die der Freund Hebbels, L. A. Frankl, in seilten „Libanon" aufgenommen, geißelt Hebbel das rohe und grausame Treiben des hohen und niedrigen Pöbels gegen die Juden. Daß dem Dichter sehr viel an dieser Szene lag, nicht blos bei der Ausarbeitung, sonderit noch in späteren Jahren, beweist ein Brief, den Hebbel zehn Jahre später, am 2. September 1851, an F. Dingelstedt, der zu jener Zeit Theaterintendant in München war, richtete. Dingelstedt wollte diese Szene vom „alten Inden" streichen. Da schrieb Hebbel an Diilgelstedt: „Den Juden, über den Sie schon das Verdammungsurtheil gefällt, lege ich Ihnen nochmals atls Herz. Ich glaube, was in diesem Stücke wirkt, ist die konzentrirte Darstellung des Mittelalters, und dieses ist gewiffermaßen in bein Juden verkörpert. Also überlegen Sie sich's!" Hebbel mußte es sich allerdings gefallen lassen, daß der baierische „Landbote" die „Genoveva" das Schandstück des.getauften Juden Hebbel nannte. Der Witz unserer heutigen Judenfeinde, jeden edlen und objektiv denkenden Christen als Juden zu verschreien, ist also nicht nett, ja sogar sehr alt; hatten ja schon im dritten Jahrhundert die Gegner des judenfreundlichen Kaisers Alexander Severus denselben spottweise „Archisynagogus", Synagogenvorsteher, gcnanttt. (Grätz IV. S. 243). Hebbel ließ solches ^Geschimpfe des Pöbels herzlich gleichgiltig. Dies beweist nicht nur bte: Mittheilung Ed. Kultes*) daß es ihm sehr gleichgiltig war, als er in einem Prager Blatte als Jude angesprochen unb gefragt wurde, ob denn seine Vorfahren nicht Sklaven in Aegypten gewesen seien, sondern auch eine Stelle in Hebbels l) E. Kulke, Erinnerungen an Friedrich Hebbel, Wien 1878.