Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
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127 geboten wird, in dieser heiligen Sprache unserer Väter vor Gott zum Gebete treten zu können. In der That gilt beim Neligionsunterrichte mehr beim in anderen Disziplinen der Grundsatz: „Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern die Anwendung und Ausführung des Erlernten." Von diesem Gedanken aus geht auch die Einrichtung der „Jugendgottesdienste", welche den Zweck verfolgen, da, wo es angängig und nothwendig ist, mit den Schülern, welche durch den Unterricht zur Morgengebetszeit am Sabbath und Festtagen von dein Besuche der Synagoge zurückgehalten werden, 311 anderen Gebetszeiten besondere Gottesdienste abzuhalten, um sie dadurch an den Besuch der heiligen Stätte und an das gemeinsame Gebet zu gewöhnen. Gewöhnung ist eine Macht und vermag, einmal befestigt, gar viel. „Gewöhne den Knaben an seinen Weg; auch wenn er alt geworden ist, wird er nicht davon ablaffen." Daß es dem Zwecke, die Kinder beten zu lehren, sehr förderlich sein kann, wenn man vielleicht einige kostbare Stunden dazu verwendet, um über die Art und Weise, Eintheilung, Bedeutung, Bedingungen des Gebets sich mit den Kindern zu unterhalten, muß ich ganz entschieden bestreiten. Daß „systematischer Religionsunterricht" ohne Grundlage geschichtlicher Thatsachen, d. h. ohne Anschauung nicht in die Volksschule gehört, ich meine, mit Kindern im volksschulpflichtigen Alter nicht getrieben werden darf, ist eine abgemachte Sache. Für ein wichtiges Hilfsmittel, unsere Kinder in der jüdischen Religionsschule beten zu lehren, halte ich die Schul and achten. Was kann es nutzen, wenn wir Lehrer unsere Schüler in weitläusigsier Weise darüber belehren, wie man beten soll u. s. w., wenn wir nicht auch wirklich mit ihnen beten. „Es ist mit dem Betenlernen" — sagt Schuren — nicht anders als mit irgend einer Wissenschaft oder Kunst. Das Kind kann von einem Manne, der nicht rechnen kann, nicht rechnen lernen. Nur von einem betenden Lehrer kann das Kind beten lernen." (Kehr, Praxis der Volksschule). Darf ich auch wohl annehmen, daß wohl kein Religionslehrer seinen Unterricht ohne Gebet beginnen wird, so kann mir dies doch nicht genügen. Man erweitere das Schulgebet zu einer Schulandacht, zu einem wahren Jugendgottesdienste. Man schaffe Abwechselung in der Auswahl der Gebete. So eintönig es für eine Gemeinde sein muß, wenn ihr VorbeterZ Jahr für Jahr denselben Lecho dodi singt, so abstumpfend ist es für Kinder, täglich immer dasselbe Gebetchen zu sprechen. Für den kundigen Lehrer ist es ein Leichtes, die verschiedensten Gebete zusammen zu stellen. Außer den Gebeten, welche unsere Schulbücher enthalten, wähle man geeignete Psalmen ans, die wohl gelegentlich des Unterrichts auswendig gelernt worden sind und nunmehr beim Gebete ihre Anwendung finden. (5. der Formalstufen). Aber man verabsäume auch nicht, ab und zu in der „heiligen Sprache" unseres Gebetbuches mit den Kindern zu beten. Haben sie z. B. das „Adon olam -- Gebet" übersetzen gelernt, so laste man die herrliche Sachs'sche Uebersetznng auswendig lernen und dann benutze man Urtext und Uebersetzung bei der Schulandacht. In unseren, Frühgebet von Adon olam bis Boruch scheomar finden sich eine Menge der herrlichsten Gebetstoffe, die hier in Anwendung kommen können. Schon Büdinger sagt in seinem Moreh lmaim S. 30: „Jede Religionsstunde werde mit einem Gebete eröffnet. Dasselbe muß aber biblischen Geist athmen und in belebender feierlicher Ai,dacht gesprochen werden. Als sanktionirte Gebete können die Formeln im täglichen Gebete: & und NTN rDHK, sowie die Psalmen 1, 8, 19, 103 und ähnliche zu diesem Zwecke angewendet werden. Außer diesen mögen die hier beigefügten Versuche, sowohl zum Gebrauche als zur Nachbildung (denn auch hierbei muß der Reiz der Neuheit, welcher der Jugend so lebhaft inne wohnt, unterhalten werden) dienen." Chorgebet und Einzelgebet. Lehrer und Schüler mögen bei der Schulandacht mit einander abwechseln. Ist die Schule im Stande, einen deutschen Choral zur Eröffnung der Andacht zu -singen, so dürfte wohl ein religiöses Bedenken hiergegen von keiner Seite geltend gemacht werden. Den Schluß der Andacht bilde stets der Wochenspruch, der natürlich auch eine Frucht des voransgegangenen Unterrichts sein muß. Durch eine derartige Erweiterung der Andacht vor Beginn des Religionsunterrichts wird entschieden die Kindesseele in eine Stimmung versetzt, welche geeignet ist, die Religionsstunde als eine Stunde der Erbauung des Herzens und -des Geinnthes ans sich einwirken zu lassen. Leben schafft wieder Leben, und unsere Lehre ist ja „ein Baum des Lebens". Friedrich Hebbel und die Juden. Von Dr. Adolf Biach, Rabbiner in Brüx. I. (A^^icht nur Bücher, sondern auch Dichter haben ihre Schicksale. Während manch' oberflächlicher Lnstspieldichter rasch bekannt und populär wird, währt es bei bedeutenden Dichtern oft recht lange, bis denselben die ihnen gebührende Achtung und Anerkennung zu Theil wird. Zn den letzteren gehört auch Friedrich Hebbel, der nicht blos ein genialer Dichter, sondern auch ein selten edler Mensch war. Und gerade in unserer Zeit, wo ein beträchtlicher Theil des hohen und niedrigen Pöbels Waffen aus den verborgensten Schlupfwinkeln hervorsucht, um die Inden anzugreifen, wo Stellen aus den Werken bedeutender Dichter aus ihrem Zusammenhänge gerissen werden, um auf Autoritäten gestützt, die Inden der Verächtlichkeit preiszngeben, ist es unsere Pflicht, auf bedeutende nichtjüdische Denker und Dichter hinzuweisen, die sich der Inden angenommen. Zn diesen Männern gehört auch Friedrich Hebbel, besten „Judith" kürzlich im königlichen Schauspielhause zu Berlin eine so merkwürdige Renaissance erlebte. Hebbel, der fortwährend, als Knabe, als Jüngling, ja sogar noch im Alter von 32 Jahren mit Noth, Sorge und Kummer zu kämpfen hatte, der aber von seiner Mutter die Güte und Milde geerbt, die er selbst von ihr rühmt, wußte und fühlte, wie dem Bedrückten zu Muthe sei; darum entströmten seinem edlen Dichterherzen schon im Jahre 1829, als er 16 Jahre alt war, die Worte: „Gern mag die Welt den Tugendhaften kränken. Gern übt sie Rache an dem Biedermann, Weil sie nach ihrem Willen ihn nicht lenken. Zu ihrem Dienst ihn nicht bewegen kann. Des weisen Griechen dürft ihr nur gedenken, Doch schauet seinen Helden muth auch an — Das Leben konnten sie dem Großen rauben. Doch nicht den ho hen, Himmelvöllen Glauben." ') Ob Hebbel hierbei auch an die Juden dachte, will ich, trotzdem die zwei letzten Strophen des Gedichtes dafür zu sprechen scheinen, nicht mit Bestimmtheit behaupten; kein Zweifel aber obwaltet bei dem 10 Jahre später (1839) abgefaßten Gedichte „Der Jude an den Christen", einem Gedicht, bei dem man nicht weiß, ob man mehr den meisterhaften Dichter oder den gefühlvollen Menschen be-- wundem soll. Dies Gedichts möge hier seinen Platz finden, da 0 In dem Gedichte: „An die Unterdrückten." 2) Ich halte es für meine Pflicht, an dieser Stelle dem hier in " Brüx lehrenden Gymnasialprofessor, Herrn Dr. A. Reicht, meinen innigsten Dank auszusprechen, daß er mich bei einem Gespräche über Hebbel auf'dieses wunderschöne Gedicht aufmerksam machte.