Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 Auch der Sohn dieser Frau, Herr Isaak Eichelbaum, Vorsteher der dortigen Gemeinde und Stadtrath, ist in der ganzen Provinz durch seine außerordentliche Wohlthätigkeit aufs Beste bekannt. Er nimmt sich ganz besonders der jüdischen Soldaten an, sorgt, wenn es nur irgend sein kann, für rituelle Beköstigung derselben und entläßt keinen der aus dem benachbarten Rußland herüberströmenden Armen ohne reichliche Unterstützung. Nicht blos, daß er selbst in dieser Weise Mildthätigkeit übt, sondern er flicht auch Andere, wo er nur Gelegenheit dazu hat, dafür zu gewinnen. — Unsere Glaubensbrüder von jenseits der Grenze pflegen die von dort mit herübergebrachten Familiengebräuche, ob sie dem deutschen Auge schön oder nicht schön erscheinen, bei allen hierzu eintretenden Gelegenheiten mit Vorliebe in Anwendung zu bringen. Ich war jüngst darum angegangen worden, eine Trauung ans einem Dorfe zu vollziehen, zugleich aber auch ersucht, es zu gestatten, daß der Hochzeit der Charakter des Althergebrachten, durch das Auftreten eines Badchen. alias Marschelek, einer Art Hanswurst, verliehen werden dürfe. Badchen, Marschelek — das war mir etwas ganz Absonderliches — und da ich annehme, daß auch den Lesern dieses Blattes die Mitwirkullg einer solchen Kraft bei einer Hochzeitsfeier und die Art, wie sie sich zur Geltnug bringt, unbekannt sein wird, so glaube ich nichts Ueberflüssiges zu thun, wenn ich das von mir dabei Gesehene und Vernommene hier wiedergebe. Wenn nun die Leute mit ihrer Anhänglichkeit an die alten Sitten in Russisch-Polen dennoch von mir die Trauung gewünscht, so geschah es deshalb, weil auch eine Anzahl Christen zur Hochzeit geladen war, denen zur Liebe man der Feier auch ein deutsches Gepräge zu geben die Absicht hatte. Der Beamte an der Grenze hat sich mit allen nur vorhandenen Möglichkeiten vertraut zu machen und abzufinden, und so konnte es geschehen, daß ich in meiner Eigenschaft als Prediger mir einen Badchen zur Seite gegeben sah, mit dem im Verein ich die Bedeutung und Würde der Ehe den Leuten zum Bewußtsein zu bringen hatte. An Ort und Stelle angelangt, wurde mir mein gelegentlicher Kollege in einem jungen Mann anfangs der Zwanziger vorgestellt, dessen Lippen ein zierliches Schnurrbärtchen schmückte und dessen moderne Toilette kauni ahnen ließ, daß in ihm noch ein gutes Stück längst überwundener Zeiten begraben liegt. Denn solches trat in durchaus überzeugender Weise zu Tage in dem Augenblicke, wo er zu sprechen begann. Das war der Jargon mit der ganzen Perfektibilität, wie er nur in Russisch-Polen gesprochen, der Jargon, der trotz aller Verdrehungen und Verrenkungen des deutschen Ausdrucks immerhin eine nicht zu unterschätzende linguistische Merkwürdigkeit bildet, da Millionen von Menschen durch ihn miteinander sich verständigen und er, wenn auch mit mancherlei Vergewaltigungen, die deutsche Mundart geradezu international gemacht hat, da er in allen Ländern der Erde gesprochen wird. Jndeß hatte ich den Badchen auch als Improvisator in der verwegendsten Bedeutung des Wortes Gelegenheit zu bewundern. Einen ihm aufgegebenen Gedanken wußte er im Augenblick zu einem Gedicht zu formen, welches, abgesehen von der Maltraitirung, die Reim und Versmaß dabei erfuhren, doch als eine Schöpfung des Augenblicks Erstaunen zu erregen vermochte. Auf mein Verlangen an ihn, mir kund zu thun, ob ein anwesender jüdischer Soldat, der einen Finger im Verband trug, Aussicht habe, einst General zu werden, führte er alsbald schlagfertig alle die Möglichkeiten uns vor, die ihn bis dahin bringen könnten, und schloß mit dem Refrain: „Generul kann er werden, hört Jhrs, nischt geringer — Wast er uns doch hant schon, wie zerhackt is san Finger." Um möglichst meine Funktion von der seinigen zu sondern, sagte ich ihm, daß er das, was er bem Brautpaar vorzutragen habe, vor dem eigentlichen Trauakt zu Gehör bringen solle, worauf er auch einging. Er richtete seine Rede an die Hauptbetheiligten des Festes ebenfalls in Reimen und mit einem Pathos, das an und für sich wohl schon viel dazu beitrug, tiefe Rührung und Ergriffenheit bei dem größten Theil seiner Zuhörer hervorzurufen. Ich sah überall nasse Augen. Soviel ich selbst von dem Gesagten verstand, rief er dem Brautpaar die Wichtigkeit des Hochzeitstages ins Bewußtsein, mahnte beide Theile an die Pflichten, die ihnen im Ehestände obliegen, und lenkte ihren Sinn auf das hin, was sie jetzt einander zu sein haben. .. Die christlichen Anwesenden hatten selbstverständlich keine Ahnung von dem Vorgetragenen, hörten indeß in andächtiger Haltung ernst zu; merkten sie ja doch an den verweinten Augen, die sie uni sich schauten, daß der Mann wohl Wichtiges gesagt haben müsse. In gleicher Weise übernahm es auch der Badchen Abends bei der Tafel, die Hochzeitsgäste in gehobener- Stimmung zu erhalten. Er brachte in seiner Sprache und Weise bald heitere bald ernste Gedichte zum Vortrage, von einer Melodie begleitet, die doch wohl auch den Hochzeitsgästen bekannt sein mußte, denn sie fielen jedesmal in die Schlußverse der Strophen im vollständigen. Gleichklange ein. Schließlich gab der Badchen noch eine Selbstbiographie in Neimen zum Bestei,, die mit seiner ersten Jugend begann und bis auf den jetzigen Augenblick führte: „Wo ech hob die große Maale, mit zu sein beim Hochzeitsmahle." Die Melodie spielt bei den russisch-polnischen Juden überhaupt in,allen Erlebnissen des Daseins eine Rolle. Ihre freudigen sowie ernsten Empfindungen, wenn sie dieselben zum Ausdruck bringen kleiden sie mit Vorliebe in entsprechende Töne. Vor nicht langer Zeit berief mich ein Todesfall in eine solche Familie, wo das Haupt derselben, ein Mann in noch jungen Jahren, verstorben war. Die Frau deffelbeu gab ihren Verlust in Jammertöueu kund, die lebhaft au die der „Klageweiber" erinnern konnten, deren der Prophet so oft Erwähnung thut. — Die nach Amerika auswandernden Glaubensgenossen aus Rußland können nicht genug darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie sich in erster Reihe mit ausreichenden Geldnlitteln versorgen, da der Ausweis hierüber an der Grenzstation streng gefordert wird; dann aber auch die Augen offen zu behalten, daß sie nicht der Ausplünderung gewissenloser Menschen anheiin fallen. In Insterburg hat jüngst eine Gerichtsverhandlung stattgefunden, die solche Maßnahme als im höchsten Grade angebracht erscheinen läßt. Dort wurde gegen den pensionirten, berittenen Gendarm Richlitzki, jetzt in Königsberg wohnhaft, die Anklage wegen Unterschlagung im Amte erhoben. In der zweiten Hälfte des April 1892 trafen in Insterburg mit dein Lyker Zuge ca. 40 Auswanderer aus Rußland ein, welche sich auf der Reise nach Amerika befanden. Von diesen wurden fünf Personen von der hiesigen (Jnsterburger) Polizei angehalteu, da sie nicht ausreichende Mittel zur Weiterreise und auch keine Schiffskarten besaßen. Bei ihrer Aufnahme in den Polizeigewahrsam wurde ihnen das Geld, das sie besaßen, abgenommen. Am nächsten Tage gab dir Stadtpolizeiverwaltung die fünf Leute nach der Grenze zu auf Transport. Diesen führte der Pantoffelmacher Neumann aus, welcher den Auftrag hatte, die Leute nach Goldap zu schaffen und der dortigen Polizeiverwaltung zuzuführen. Das den Leuten gehörige Geld im Gesammtbetrage von 468,96 Mark wurde Neuinann mitgegebeu. Das. Geld erhielt die Stadtpolizeiverwaltung in Goldap, die über dessen Empfang auch quittirte. Der Landrath des Kreises Goldap, Herr Jachmann, verfügte nun die Abschiebung der fünf ° Personen. Dieselben sollten nicht der russischen Grenzbehörde zugeführt, sondern, unter in Anspruchnahme von Schmugglern, über