Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228160--52649-3258283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
124 Der Hilfsverein für jüdische Studirende. Berlin, 8. März. eit Jahrzehnten entfaltet der Hilfsverein für jüdische Studirende eine sehr gedeihliche Thätigkeit. Er hat vielen Hunderten lernbegieriger Jünger die Pfade geebnet. In einer Zeit, wo das Bildungsstreben unter unseren Glaubensgenossen erwachte, begründet, haben die Besten es als eine Ehrenpflicht angesehen, diesen Verein zu fördern, um durch ihn die israelitische Jugend einem höheren Bilduugsideal zuzuführen. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Was einst ein Vorzug, erscheint heute fast als ein Fehler, in jedem Falle aber als ein Nachtheil, da die Entwickelung der Dinge die Juden doch immer wieder nur auf zwei gelehrte Berufe beschränkt hat: auf Medizin und Jurisprudenz. Das aber gerade in diesen beiden Fächern überhandnehmende Proletariat, die Schwierigkeiten, welche man den Inden im Lehrfach, in der Beamtenkarriere entgegengestellt, legen es daher unseren Glaubensgenossen nahe, ihre Söhne mehr praktischen als gelehrten Berufen zuzuwenden, da sie in den ersteren das Recht freier Bewegung haben und nicht durch Vorurtheil, Haß oder Abneigung in ihrer Entwickelung gehemmt werden können. Wrch diese Wendung der Dinge ist aber auch der Wirkungskreis des Hilfsvereins für jüdische Studirende naturgemäß ein kleinerer geworden. In vielen Kreisen, auch selbst in solchen, die das akademische Studium der jüdischen Jugend eifrig gefördert und beschützt haben, herrscht jetzt die entgegengesetzte Ansicht vor, in manchen sogar eine Abschreckuugstheorie, die lieber Stipendien auf den Nichtbesuch von Universitäten aussetzen möchte. Dieser veränderten Zeitströmung gegenüber haben nun einige praktische Männer der in den nächsten Tagen stattfindenden Generalversammlung des Hilfsvereins einen sehr praktischen Vorschlag unterbreitet, durch dessen Annahme der Wirkungskreis des Vereins selbst in dieser schlimmen Zeit wesentlich erweitert werden würde. Die Herren Maurermeister Marcus Adler und Joseph Fränkel, sowie der Dekorationsmaler Herr Julius Bodenstein haben nämlich den Antrag gestellt, dem Paragraph 1 des Vereinsstatuts von 1884 folgende Fassung zu geben: „Er hat den Zweck, jüdische Studirende zu Berlin und anderweitiger höherer Lehranstalten (Ballschulen, Technikum, Veterinär- und landwirthschaftliche Schuleli) zu unterstützen." Es ist klar, daß mit der Annahme dieses Antrags das Arbeitsgebiet dieses Vereins nicht nur ein erweitertes, sondern auch ein ziemlich verändertes werden würde; aber die Begriindung, welche diesem Antrag beigegeben wurde, setzt klar und deutlich auseinander^ welchen Zweck diese veränderte Bestimmung haben soll und aus welchell Motiven sie hervorgegangen ist. Es heißt in dieser Begründullg u. A.: Mehr wie die rein wissenschaftlichen Disziplinen haben die technologischen Gewerbe eilien ungeahnten Fortschritt uitb ein sichtbares Aufblühen zu verzeichueil, welcher Thatsache der Hilfsverein feilte Aufmerksämkeit nicht vorenthalten darf. Unsere jungen Glaubensgenossen, welche sich zunächst der praktischen, barm erst der theoretischen Ausbildullg widmen, bethätigen großen Ernst, Eifer und Ausdauer, neben Entbehrungen und Mißhelligkeiten, wofür sie Anerkennung verdienen und durch Gewährung von Unterstützungen aufgemuntert werdest sollen, nicht aber zurückgesetzt und abgewiesen werden dürfen. Die Zahl der wissenschaftlich gebildeten Techltiker, die sich u. A> dem Ball-, Maschinen- und Jngeilieurfach, der Landwirthschaft unh dem Veterinärwesen widmen, steht noch sehr zurück, obgleich diesen ein weites Feld für sichere Existenz offen liegt. , Der Antrag bezieht sich natürlich keineswegs auf Lehrlinge und Gesellen, die nur die nothwendigste Werkstattslehre genießen oder hinter sich haben, sondern auf solche, welche vermöge ihrer guten Schul- und Fachbildung den Trieb und die Fähigkeit haben, sich noch eine umfassendere Ausbildung verschaffen zu wollen. Diese soll man bei ihrem Studiunt unterstützen. Wenn also z. B. eilt Dekorationsmaler die Kunstschule oder die Schule des Gewerbemuseums, wenn ein Bauhandwerker die Bauschule, wenn ein Schloffer oder Maschinenbauer die technische Hochschule oder ein Technikum besucht, wenn ein Mechaniker sich in Elektrizität oder Optik ausdildet, wenn ein Gärtner an der landwirthschaftlichen Schule hört, oder wetm Einer dem Veterinärfach sich widmen will, so soll man hier helfend eiilgreifen. Bisher konnte in einzelnen Fällen durch die „Gesellschaft zur Verbreituilg der Haildwerke und des Ackerbaues unter den Juden iln preußischen Staate", deren Vorstande die Herren Antragsteller angehören, oder durch den Deutsch-israelitischeit Gemeitldebund, durch die Kristeller-Skiftung, unter freiester Auslegung ihrer Statuten, entsprechend der ganz geringen Mittel nothdürftig eingegriffen werden. Diese Hilfe befriedigt aber das msstreitig bestehende Bedürfniß nicht, lind es mllß deshalb ein neues Hilfsgebiet erschlossen werden. Wir glauben, daß kein Einsichtiger sich diesen Gründen verschließet! wird, und wir müssen deshalb den erwähnten Antrag, der keineswegs von lokaler, sondern vielmehr von weitgehender allgemeiner und prinzipieller Bedeutung ist, der nächsten Generalversammlung des Hilfsvereins für jüdische Studirende als zeitgentäß und ersprießlich, aber auch als dringend nöthig warm empfehlen. Aus Ostpreußen. Bon Moritz Scherbe!. tit 9. v. Mts. begittg die „Kinderbewahrungsanstalt" zu Insterburg ihr 50jähriges Stiftungsfest, bei dem auch Herr Regierungspräsident Hegel erschienett war. Die „Jnsterburger Zeituttg" schreibt u. A. über dieses Fest: „Der Herr Regierungspräsidetit ergriff nunmehr das Wort, um im Aufträge der Kaiseritt, deren landesmütterliches Herz allen humanen Bestrebungen seine Theilnahme nicht versage, und die auch hier wieder mit regem Interesse uub mit Freude Kenntniß öoti dem Verein und dem schönen Feste, das derselbe begehe, genommen habe, der Frau Minna Eichelbaum in^Anerkennung ihrer unermüdlichen Thätigkeit für die Anstalt die silberne Verdienstbroche aut weißen Bande zu überreichen. Herr Hegel komme diesem kaiserlichen Aufträge um so lieber nach, als ihm dadurch auch Gelegenheit gegeben worden ist, dieser Feier beizuwohnen und auch seinerseits dem Verein, sowie der Jubilarin seine Glückwüttsche aussprechen zu können." Das der Frau Eichelbaum mit der Auszeichnung überwiesene Schreiben aus dem Hofmarschallamte lautet: Frau Minna Eichelbaum, Wohlgeboren Insterburg. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin haben Allergnädigst geruht. Euer Wohlgeboren in Anerkennung Ihrer fünfzigjährigen Verdienste um die Klein-Kinder-Bewahranstalt in Insterburg die silberne Verdienstbroche am weißen Bande zu verleihen. Im Allerhöchsten Aufträge gez. Freiherr v. Mirbach, Oberhofmeifter. Frau Minna Eichelbaum hat, wie von - anderer Seite berichtet wird, bei dieser Gelegenheit der genannten Anstalt ein Geschenk von 500 Mark gemacht.