Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
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123 Auch bet Nationalliberale Abg. Dr. Sattler'erklärte: Der Antisemitismus, von dem sich Herr Stöcker jetzt freilich auch wohl lossagen möchte, hat sich zn einer Richtung entwickelt, die jeden Besitz bekämpft. Solchen Richtungen sich anzuschließen, ist besonders für Geistliche gefährlich. Durch ihre Predigten gegen den Besitz machen sie ihre Zuhörer weder zufriedener noch christlicher. (Beifall bei den Nationalliberalen.) Natürlich fühlte man nun von konservativer Seite auch die Verpflichtung, von Herrn Stöcker etwas abzurücken. Der Abg. Jrmergab folgende Erklärung ab: Eine Uebereinstimmung zwischen den sozial-politischen Anschauungen rneiner Partei und denen des Abg. Stöcker besteht nicht. Eine Judenhetze verabscheut jeder von uns aufs Tiefste. (Sehr richtig! rechts.) Unser Tivoliprogramm will auch nur den jüdischen Einfluß bekämpfen. Dies ausgesprochen zu haben, was Viele, ohne es auszusprechen, ebenso denken, rühmen wir uns. (Bravo! rechts.) Und nun suchte auch Herr Stöcker sich zu rechtfertigen: Ich kann für die Uebertreibungen der Antisemiten ebenso wenig wie Abg. Sattler für die Sünden der Liberalen verantwortlich gemacht werden. Was ich gegen die jüdische Anmaßung gesprochen, kann ich vertreten. Die Uebermacht dieser Fremdlinge dürften wir uns nicht gefallen lassen. Die jüdische Presse ist mit schuld an der Glaubenslosigkeit des Volks. Davon sprechen Sie (zu den Nationalliberalen) nicht! Sehr richtig bemerkte hierauf der Abg. v. Eynern, daß es Herrn Stöcker mit seinem Antisemitismus gehe. wie dem Zauberlehrling. und auch der Abg. Sattler erwiederte ihm noch einmal sehr deutlich: Er gab als Antisemit dunkle Andeutungen, um mit der Sozialdemokratie zu konkurriren. Seine Anhänger, die sich deutlicher äußern müßten, sprachen sich gegen die Juden deutlich aus, dann, als man sie darauf hinwies, daß es mit dem jüdischen Kapital allein nicht gethan sei, wandten sie sich gegen das Kapital überhaupt, dann gegen jeden Besitz, nach dem Schlagwort: Juden und Junker, — alles hat Herr Stöcker mit seiner faszinirenden Beredtsamkeit herbeigeführt. (Sehr richtig! links.) Natürlich blieb Herr Stöcker die Antwort nicht schuldig. Dem Abg. Sattler bemerke ich, daß ich gegen die Juden klare Ziele verfolgt und auch erreicht habe. Sie sind bescheidener, toleranter geworden, aus diesem Hause sind sie verschwunden. Ich habe gewünscht, daß sie bei Staatsämtern prozentual behandelt werden und sich in der Presse nicht mit unserer Kirche beschäftigen. Alles klare Ziele. Aber diese Antwort nöthigte Herrn v. Eynern nochmals zu der unter lebhaftem Beifall abgegebenen Erklärung: Was bei Herrn Stöcker wahr ist oder nicht, weiß Niemand auf der Welt. Er versucht ja immer, sich weiß zu waschen, und wenn ich seine Weißwäscherei über den „Scheiterhaufenbrief" lese, ist es mir zweifelhaft, ob er Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden kann. In jedem Fall hat der Antisemitismus mit Herrn Stöcker auch in dieser Debatte schlecht abgeschnitten. * In den Kultusetat-Debatten der letzten Woche im preußischen und baierischen Landtag ist auch die Frage, wie sich einzelne theologische Lehrer in ihren exegetischen Vorträgen gegenüber den Patriarcheligestalten des alten Testaments verhalten, mehrfach gestreift worden. Nach dieser Seite, der rein wissenschaftlichen. bezüglich der Frage der Lehrfreiheit vor akademischen Bürgern, können wir uns nicht auf den Standpunkt stellen, der die wissenschaftliche Forschung in eine dogmatische Zwangsjacke pressen will. Durch die Lehrfreiheit kann vielmehr den Gefahren begegnet werden, welche aus einer Agitation entspringen, die den Masten des Volkes die in der Schule gelehrten religiösen Begriffe verwirren will, kann auch der Zwiespalt beseitigt werden, der zwischen den alten mid den anfkeimenden neuen Anschauungen sich fortgesetzt entwickelt. Dieser Tage hat in Berlin wieder eine Massenversammlung stattgefunden, zu der die Geistlichen und Rabbiner des betreffeilden Stadtbezirkes ausdrücklich ein geladen waren lmd in der ein Massenprotest gegen die mlgeblich veralteten religiösen Ueberlieferungen vorbereitet wurde. An - Schmähungen des alten Testaments hat es hier ebensowenig wie bei den bekannten antisemitischen Agitationen auf Abschaffung der semitischen Religionsanschauungen und der Einführung einer urgermauischen Mythologie gefehlt. Was in dieser Beziehung geleistet werden kann und zwar, soweit nicht „religiöse Einrichtungen" getroffen werden (und dieser Begriff hat sich als sehr dehnbar erwiesen) unter der Konnivenz des Staats, in dem wir leben, beweist ein uns vorliegendes Büchlein: „Die Bibel in der Westentasche" und in beiu es unter Anderm über die Stammväter von Beschimpfungeil wimmelt. Den Psalmisten David nennt das für die breiten Massen berechnete Büchlein „einen Strauchdieb und Wegelagerer". Die Patriarchengeschichten sind „erzdämlich", Jakob ist der „Jud, wie er im Bliche steht". Diese Richtung der Sozialdemokratie, denn von dieser geht das Büchlein ans, ist entschieden antisemitisch. Beiden Richtungen gemeinsam ist der auf Untergrabung des biblischen Unterrichts gerichtete Zug und die unverfrorene, unwissenschaftliche Manier. Nur noch ein kurzes Beispiel: „Der Zug nach Aegypten" ist ein Märchen, die sämmtlichen Söhne (?) sind Namen von Völkern, die nie in Aegypten gewesen sind. Darum kann auch der Auszug keine historische Thatsache sein, und so mit Grazie weiter iu infinitum. Es wimmelt von Ausfällen, die unter dem Deckmantel des wissenschaftlichen Angriffs gegen die Bibel die staatliche Autorität der Gegenwart nntergraben. In einer solchen Zeit erleben wir beispielsweise in Wien, daß die Beamtenschaft fast geschlossen antisemitisch und direkt gegen den Staat, dem sie dienen, stimmt. Unb da wollen wir uns über gar nichts mehr wundern. Rohling ist eine Autorität, Ecker ist eine Autorität in solcher Zeit, die Massen werden straflos verhetzt, — die Folgen solchen Treibens können natürlich nicht ausbleiben. * In Eisenach ist am 3. d. M. der in jüdischen Kreisen wohlbekannte Schriftsteller Benedikt Hanse nach langem schweren Leiden im noch nicht vollendeten 83. Lebensjahre gestorben. Am 5. ds. fand die Beerdigung unter lebhafter Theilnahme statt. Am Grabe sprachen Landrabbiner Dr. Salzer und Lehrer Heidingsfeld. — Benedikt Hause war früher Oberlehrer und Prediger in Oberaula. Nach langjähriger erfolgreicher Wirksamkeit zog er sich nach Eisenach ins Privatleben zurück. Er war seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf einem bisher leider gar zu vernachlässigten Gebiete, dem der Jugendschristlitteratur, mit Erfolg thätig. Seine Erzählungen: „Die Starken", „Der Wahrheit Segen und der Lüge Fluch", „Schein und Sein", „Die Aufnahme", „Aus dem jüdischen Leben" haben freundliche Leser gefunden. Hause war zwar kein Meister der Erzählungsknnst, wohl aber ein braver und tüchtiger Arbeiter auf diesem Gebiete; seine Schilderungen aus dem jüdischen Volksleben sind eine gesunde Hausmannskost. Auch ein Drama „Esther" und drei Sammelbände von Sabbnth- und Kasualreden hat der fleißige Mann veröffentlicht. Er ist gleichwohl ein armer Mann geblieben. Aber das ist ja wohl das gemeinsame Loos der Meisten, die diesem Berufe sich widmen. Möge dem braven verdienstvollen Mann die Erde leicht sein.