Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-06 · Heft 10 (6.3.1896) · p. Seite 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228159--52637-3258270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Nieder mit dem Anti-Christ," brüllte die Menge, deren lang unterdrückter Haß gegen die herrschende Macht in dieser Erregung Ventil fand. „Hauptmann, thut Eure Pflicht!" rief der Richter! „Nein, denn der Mönch spricht die Wahrheit. . Bring den alten Mann fort, Alessandro! Ist Rom toll geworden? Hole die Stadt- Wache, Jacopo!" Fra Guiseppe heftete schnell das „Pallium" an das Kruzifix, und das Tuch hoch in die Lüfte schwenkend, rief er: „Dies ist die echte Fahne Christi! Dies das Symbol eurer Brüder Leiden. Sehet, es ist die Farbe des Blutes, welches Er für uns vergossen! Wer für Jesus ist. folge mir!" »Für Jesus, für Christus! Viva Gesu." Wie eiu weithin schallender Donner, brach cs aus der auschwellenden Menge. Ihr Feuer entflammte sich an dem seinen. „Folgt nur! Dieser Tag wird für Christus zeugen, Sein Reich wollen wir in Rom wieder aufrichten!" Ein wildes Rauschen, die Soldaten spornten ihre Pferde an, das Volk fiel unter ihre Hufe und wurde niedergetreten. Der Dominikaner lief vorwärts, die rothe Fahne schwenkend, seine Anhänger vermehrten sich bei jeder Nebenstraße. Ungehindert erreichte er die große Piazza, wo weiß und majestätisch eine neue Statue des Papstes sich erhob. „Nieder mit dem Anti-Christ," schrie ein Strolch. „Nieder mit dem Anti-Christ," wiederholte der Pöbel. Der Mönch erhob seine Hand, unb sofort trat Stille ein. Er erblickte den gelben Glanz eines jüdischen Hauptes in der Menge uub rief ihm zu, ihm seinen gelben Hut zuznwerfen. Von Hand zu Hand wurde er ihm zngeschleudert. Fra Guiseppe hielt ihn hoch in die Luft. „Mänuer von Rom, Söhne der heiligen Kirche, seht dies schmachvolle Abzeichen an, welches wir unseren Nebenmenschen aufsetzen, so daß jeder Schurke sie anspeien darf. Seht dies Gelb, die Farbe des Neides, mit welchem wir die ehrwürdigen Häupter der Rabbiner brandmarken und die Köpfe ehrenwerther Kaufleute. Ach. ich setze ihn auf den Kopf des Anti-Christ, ein Symbol unseres Hasses gegen* alles, was nicht Liebe ist." Und sich in des Hauptmanns Steigbügel schwingend, krönte er die Statue mit dem gelben Abzeichen. Ein Frendengeheul durchgellte die Luft, von wilden Stimmen ausgestoßen. „Nieder mit dem Anti-Christ! Nieder mit Baccio Valori! Nieder mit Prinzessin Theresa!" Aber im nächsten Augenblick war Alles in wildem Durcheinander. Eine Abtheilnng Stadtwächter, Musketiere, Scharfschützen und Reiter mit Schwertern rückten von einer Seite der Straße heran, von der anderen die päpstlichen Truppen. Sie schossen auf die Menge. Die Soldateil des revoltirenden Hauptmanns wandten sich gegen ihn und traten über in die Reihen der Allgreifer. Ein Babel voll Stöhnen, Schluchzen lind Geschrei entstand, die Flinten knallten, Dolche blitzteil, Schwert und Pike tödteten, Fnilken sprühten, Rauch wirbelte auf, und der Pöbel eilte und stürmte davon, den nassen, scharlachrothen Erdboden mit Leichen bedeckt hinter sich lassend. Und lange, nachdem die aufgeregte Leidenschaft des Gesindels sich in den ^entlegeneren Straßen durch Plünderung und Gewaltthätigkeiten ausgetobt^hatte,Z lag Josef der Träumer vernichtet' im dunkelsten Kerker des Thurmes Nona auf einem Stück zerrisiener Matratze, m seinen^ durchnäßten, buntscheckigen Rock gewickelt, aus einem Dutzend.'Wunden bluteub, von dem wüthenden Kauipf mit feinen Angreifern zu sehr erschöpft, um an den Märiyrerpfahl, der ihn erwartete, denken zu können. Er sollte nicht lange zu warten brauchen. Der Menge eme Hinrichtluig bieten, hieß den Karneval krönen. Verurtheilte Verbrecher wurden oft bis zum Charfreitag begnadigt, und groß war die Enttäuschung, wenn nur gefangene, maskirte Buhlerinnen ausgepeitscht wurden. Das Auspeitschen eines Juden, der ohne Abzeichen getroffen worden, war doch ein besser Ding als die Hinrichtung eines Christen;, denn der Auspeitscher wurde, auf Kosten des Schuldigen, doppelt bezahlt und pflegte seinen Eifer zu verdoppeln. Aber die Hinrichtung eiiles Inden war das Beste von allem. Und daß Fra Guiseppe ein Jude war, war außer Zweifel. Die einzige Frage war, ob er ein Abtrünniger oder ein Spion sei. In jedem Fall traf ihn die Todesstrafe. Und er hatte dell Papst zu seinem eigenen Vortheil geschmäht, eine an und für sich schon linverzeihliche Sünde. Der nnbeliebte Pontifix begnadigte^klugerweise die Andern, der Jude allein nmßte sterben. In der Piazza del Popolo, einem Mittelpunkt des Karnevals, wo der Holzstoß aufgerichtet war, schob imb drängte sich eine große Menge, in fröhlicher, gut gelauliter Balgerei um einen guten Platz. Als der Todtenkarren zur Piazza schwerfällig heranrumpelte, begrüßten wüste Lieder des Pöbels den Verbrecher, und seine wilden, verzweifelteli Augen erblickten mailch lustiges Gesicht, das wenige Stuilden vorher ihm gefolgt war, um seine Gerechtigkeit zu bezeugen, und zwischen ihllen, die von boshafter Freude erfüllten, hagereil Gesichter seiner Stammesgenossen. Keill Mönch reichte ihm die letzte Oelung oder hielt das Kreuz vor feine Augen; war er doch ein verpesteter Ungläubiger, ein von beiden Welten Ansgestoßeuer. Der Obere der Capiorini war anwesend. Truppen umgabeir den Scheiterhaufen, damit dem Verrückten, der vielleicht noch Anhänger haben konnte, nicht ein Befreiungsversuch möglich gemacht werde. Aber die Vorsichtsmaßregeln waren überflüssig, liicht ein Gesicht zeigte Theilnahme. Diejenigen, welche, von dem Mönch behext, feinem Kruzifix und seinem „Pallium" gefolgt waren, übertrieben jetzt ihre Freude, um nicht erkannt zu werden; die Juden waren erfreut, daß die himmlische Rache den Rellegaten getroffen. Der jüdische Dominikaner wurde zinn Scheiterhaufen geschleift. Sie hatten ihm einen groben Kittel angezogen und den gelben Hut auf sein kahles Haupt gesetzt. Sein Gesichtsausdruck war ruhig, aber sehr traurig. Er begann zu sprechen. „Knebelt ihm den Mund zu," rief der Magistrat, „er will Gott lästern." „Bitte nein," bat ein Raufbold in der Menge, „wir hören ja sonst des Schurken Todesgeschrei nicht!" „Oh, fürchtet nichts. Ich werde nicht lästern," sagte Josef, traurig lächelnd. „Ich bekenne nur meine Sünden mW meine verdiente Strafe. Ich wollte in des Meisters Fußspuren wandeln, durch Liebe zu gewinnen, dem Nebel zu widerstehen. Und ach, ich habe Gewalt gegen meine Brüder, die Juden, angewandt und Gewalt gegen meine neuen Brüder, die Christen. Ich habe den Papst gegen die Juden aufgehetzt und habe die Christen gegen den Papst aufgehetzt. Ich habe Blutvergießen und Kampf hervorgerufen. Es wäre besser, ich wäre nicht geboren. — Christ, nimm mich auf in Dein unendliches Erbarmen. Möge er mir vergeben, wie ich Euch vergebe!" Er schloß seinen Mund und sprach nicht wehr, ein Bild unsäglicher Verzweiflung. Die Flammen loderten empor. Sie begannen seine Glieder zu krümmen, aber entlockten ihm keinen Ton, der mit ihrem Geknister wetteiferte. Mail hörte doch in der Menge Weinen. Und plötzlich zuckte aus dem bewölkten Himmel ein Blitzstrahl und ein Donnerschlag ertönte, bem ein heftiger Regenschauer folgte. Die Flammen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.