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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-06 · Heft 10 (6.3.1896) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
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116 wird. Der Kämpfer .ist sehr gerüstet mit einer außerordentlichen Persönlichkeit, mit Geist und Wärme, und man kann ihm auch aufkeine andere Weise entgegentreten,. will man. nur den geringstellt Erfolg erwarten; dahin habe ich gestrebt, und ich glaube, daß es; mir nicht ganz mißlungen ist. Das . ist mir nun auch eines der. fatalsten Dinge, daß ich nicht über die Zeitschrift mit Dir sprechen: kann; ich hoffe, das Du jetzt das 3. Heft besitzest, wenigstens hat es Sauerländer schon längst versandt. — In der Rezension wirst^ Du sogar einen Ausdrllck Deinem Briefe entlehnt finden und wirst - nichts dagegen einzuwenden haben. Daß ich mich aber mit diesem Büchlein herzlich gefreut habe und noch freue, obgleich es die Ver-. härteten und Denkfchenen und Formgläubigen noch aufgeblähter macht, als wäre ihre Gedankenlosigkeit die höchste Philosophie undjx die höchste Religion, kannst Du Dir denken, und vorzüglich der erste Aufsatz bietet alle Farbenpracht auf, um diese glückliche Wendung im Judenthnm zu bezeichnen, der aber doch die gehörige Richtung zu geben mit Kraft angestrebt wird. Ich wollte, Du säßest bei mir und wir schwatzten darüber miteinander, denn ich habe nicht die gehörige Ruhe, die mit sicherem Zutrauen auf den Erfolg Hinblicks und sich die gewisse Zukunft, wo Alles sich auf die gewünschte Weise macht, vergegenwärtigt; ich möchte die Früchte sogleich genießen, lind : das ist der Genuß einer Unterredung über solche Gegenstände. — —-ll—HI..‘ -Hl—II-^ L II FEUILLETON g I J jMIWWIILL -H-:--^-II-II-, Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetznug von Frau Dr. Jda Modell in Düsseldorf. . (Schluß.) >d^ine unruhige Bewegung entstand in der Menge: der phan- JOji) tastische, schmutzbeworfene, von Flitterlverk glänzende Rock die nackten Beine des Sprechers erhöhten nur seine eindringliche Rede; er erschien wie ein alter Prophet aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit. „Schweig, Du Gotteslästerer," sagte der Richter. „Die Rennen geschehen mit Billigung des heiligen Vaters. Der Himmel selbst hat diese streitenden Ungläubigen verflucht. Pah!" Er trat den alten Juden, mit Füßen. Der . Busen des Mönches schwoll. Das Blut stieg ihm zu Kopf. „Der Papst, nicht der Himmel hat sie verflucht," entgegnete er heftig, „Warum hat er sie nicht aus seinen Ländern verbannt? O, nein, er weiß, wie nützlich sie dem Staate sind. Als er sie in die drei Zufluchtsstädte verbannte, und als die jüdischen Kaufleute der östlichen Seehäfen unsern Hafen von Ankona mit Bann belegten, so daß wir uns nicht proviantiren konnten, rief da Seine Heiligkeit die Juden, deren Werth er erkannt, nicht schnell zurück? Wenn dem so ist, so sollten wir ihnen Liebe anbieten, nicht Haß und Hunderte von erniedrigenden Edikten." „Im Forum sollst Du dafür verbramit werden," schrie der Richter. „Wie darfst Du Dich gegen Gottes Stellvertreter auflehnen?" „Er, Gottes Stellvertreter? Nein, eher bin ich Gottes Stellvertreter. Gott spricht durch mich." Sein bleiches, abgezehrtes Gesicht wurde leuchtend und erschien dem zur Ehrfurcht hingerissenen Pöbel gigantisch. „Das ist Verrath und Gotteslästerung. Arretirt ihn!" rief der Richter. Unbewegten Antlitzes schaute der Mönch die Soldaten an, obwohl nur der Körper des alten Juden ihn von ihren sich bäumenden Rossen trennte. „Nein," sagte er und ein mildes Lächeln verklärte sein Gesicht. „Gott ist nüt mir. Er hat dies Bollwerk des Todes zwischen Euch und mein Leben gelegt. Ihr wollt doch nicht unter dem Banner des Anti-Christ streiten." „Tod dem Renegaten," rief eine Stimme aus der Menge. „Er nennt den Papst Anti-Christ." „Ja, er, der nicht für uns ist, ist gegen uns. Regiert er um Christi willen Rom? Bedrückt er nun die Juden? Hat seine Herrschsucht nicht die Feinde vor die Thore Roms gebracht? Haben die Schaaren seiner fremden Hilfstruppen nicht unsere Bürger verhöhnt? Ihr wißt, was Rom von seinem Bastardsohn und seiner Bande von Kehlabschneidern erduldet. Ist es um Christi willen, daß er diesen Schrecken unserer Straßen erzeugt hat?" „Nieder mit Baccio Valori!" schrie eine Stentorstimme und ein Dutzend begeisterter Kehlen wiederholten den Ruf: „Ja, nieoer mit Baccio Valori!" rief der Dominikaner. „Nieder mit Baccio Valori," wiederholte die lenksame Menge, deren Festtagsstiunuung sich in Erbitterung verwandelte. Einige, welche den Mönch liebten, waren ehrlich und wahrhaft ergriffen, andere in toller, lasterhafter Laune zu jeder Ablenkung bereit. Einige, und dieses waren die lautesten, waren Prahlhänse und Beutelabschueider. „Ja, aber nicht Baccio Valori allein," donnerte Fra Guiseppe. „Nieder mit all den Bastardpflanzen, die in der Hauptstadt der Christenheit wuchern. Nieder mit der Höllenbrut, die eine Verleugnung Christi ist; nieder mit den Ablaßkrämern! Gott ist kein Handelsmann, der nnt der Vergebung der Sünden schachert. „ Noch weniger, o Gotteslästerung, mit den ungeschehenen Sünden! Unsere liebe Frau verlangt Euere Wachskerzen nicht. Die jungfräuliche Mutter verlangt ein reines Herz, eine reine Seele. Fort mit Euren Rosenkränzen und Mumien, Euren Paternostern und Kniebeugungeu! Fort mit Eurem Karneval, Eurem gottlosen Aschermittwoch. Ihr alle seid unrein. Rom ist nicht die Stadt Gottes, es ist die Stadt der gedungenen Bravos, der ehebrecherischen Gräuel und übersättigten Feste, der Lust der Augen, und des Hochmuthes des Fleisches. Nieder mit dem blaublütigen Kardinal, der am Altar schwatzt und von den verachteten Juden Geld entlehnt, für feine geheimen Sünden. Nieder mit deni Mönch, dessen Meßbuch Boccaccio ist! Nieder mit Gottes Stellvertreter, welcher mit Kardinalshüten Schacher treibt, der das heilige Abendmahl spendet und vorher genießet, der ganz in weltliche, griechische Bücher sich vertieft, in Gold und Juwelen, in politische Händel und häusliche Jntriguen, welcher dahin fährt in Scharlach und Sammet mit seinen barhäuptigen Kardinälen und hlmderten von glitzernden Reitern. Er, der Repräsentant des bescheidenen Christus, der auf einem Esel ritt und gesagt hat: „Vertheile Alles, was Du hast au die Armen unb folge mir nach!" „Nein," und die Kraft der Wahrheit packte seine Zuhörer, „obgleich er den Vatikan bewohnt, obgleich Hunderte von prächtigeil Bischöfen sich bücken, um seine Zehen zu küssen, doch verkünde ich, daß er kein Beschützer der Armen,£ kein liebender Vater der Vaterlosen, kein geistiger Herrscher, kein Stellvertreter Gottes ist!" „Nieder mit dem Anti-Christ," gellten einige heisere korsische Kehlen.

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