Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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erlöschen. Der Regen war ebenso kurz, wie er heftig gewesest, bod) das Holz, wollte sich nicht wieder entzünden. Aber die Menge wollte nicht so betrogen sein. Auf Befehl des Magistrats stieß der Scharfrichter dem Verbrecher ein Schwert ins Herz und ließ dami, nachdem er den Körper losgelöst, ihn auf den Erdboden fallen; er rollte vornüber ans den Rücken uttb lag einen Augenblick ruhig da. mit dem weißen, abgezehrten Antlitz zum Himmel starrend. Dann ergriff der Scharfrichter ein Beil und viertheilte den.Leichnam. Einige wurden ohnmächtig, Andere eilten voll dannen, aber der große Haufen blieb da, um sich die Augenweide nicht entgehen zu lassen. Dann sprang ein Franziskaner auf den Karren, und zu diesem blutigen, bedeutungsvollen, allen Augen sichtbaren Text predigte er leidenschaftlich über die Liebe und rührte den Pöbel zu Thränen. IX. Im Hause von Manasse, Josefs Vater, herrschte großer Jubel. Musiker waren gemiethet worden, um den Tod des Renegaten zu feiern, und aller vom Gesetz gestattete Lnxlls wurde entfaltet. Und sie tailzten Mann mit Mann und Frau mit Frau. Manasse bot würdevoll feinen Gästen Wein und Früchte an, die alte Mutter tanzte wahnsinnig, eiil irres Lächeln auf dem runzligen Antlitz, ihre ganze Gestalt von Zeit zll Zeit von schrecklichen Lachanfällen durchschüttelt. Miriam floh aus dem Haus, um diesem schrecklichen Lachen zu entgehen. Sie wunderte aus dem Ghetto heraus und fand die Stelle nngeweihter Erde, wo die verstünnllelten Ueberreste voll Josef bent Träumer hastig eingeschaufelt lvordeil waren. Ein Steinhaufen, von frommen, jüdischen Händeil errichtet, um das Gesetz des alten Testanientes, welches die Steinigung eine» Renegaten gebot, zu symbolisiren, bezeichnte fein Grab. Schwere Seufzer entrangell sich ihrer Brust. Ihre Augen, von Thränen geblendet, sahell nichts von der Schönheit der Welt. Plötzlich wurde sie gewahr, daß eine andere Gestalt neben ihr kniete, eine schlanke, weibliche Figur — und beinahe ohne Hinsehen wußte sie, es sei Helena di Franchi. „Auch ich liebte ihn, Signora," sagte sie einfach. „Bist Du Miriam? Er sprach von Dir." Helenas silberne Stimme tönte leise und zitternd. „Ja, Signora." Helena's Thränen floffen tmaufhaltsam. „Ach. ach, der Träumer. Er hätte glücklich sein können, glücklich mit mir, glücklich in der Fülle menschlicher Liebe, im Sonnenlicht, in der Schönheit dieser schönen Welt, in der Freude der Kunst, in der Süßigkeit der Musik." „Nein, Signora, er war ein Jude. Er wäre mit mir glücklich geworden, im Lichte des Gesetzes, im ruhigen häuslichen Leben des^ Gebetes und des Studiums, der Wohlthätigkeit, der Barmherzigkeit und der Ausübung guter Werke. Ich hätte die Sabbathlichter für ihn entzündet und unsere Kinder auf seine Knie gesetzt, damit er sie segne. Ach, ach! der Träumer!" „Keins von allen war sein Schicksal. Küsse mich, wir wollen' uns gegenseitig trösten." Ihre Lippen trafen sich, ihre Thränen mischten sich. „Bon nun au, Miriam, sind wir Schwestern." „Schwestern!" schluchzte Miriam. Sie umschlangen sich, die edle heidnische Seele und das warme; jüdische Herz, über dem Grabe des Christen. Plötzlich ertönten die Glocken der Stadt. Miriam erschrak und' wand sich los. „Ich muß gehen," sagte sie eilig. „Es ist nur das Ave Maria," sagte Helena. „Du brauchst doch nicht zur Vesper zu beten." Miriam berührte das gelbe Abzeichen aufihrc-m Haupte. „Nein, aber die Thore werden geschlossen, Schwester." „Ah, ich hatte es vergessen. Ich glaubte, wir blieben beisammen von nun an. So weit ich darf, begleite ich Dich. Schwester." Sie eilten Hand in Hand hinweg von dem einsamen, nngeweihten Grab. Die Schatten verdunkelten sich, cs war beinahe Nacht, als sie das Ghetto erreichten. Kaum war Miriam hineingeschlüpft, so schlossen sich die Thore des Ghetto mit rauhem Klang nnd trennten sie während der langen Nacht. Leib Mrihnachtsturchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. ~ (Fortsetzung.) nt seinen Schwur zu halten!" hier setzte jener Gedanke wieder ein, den Leib als sündhaft empfand, und ließ sich mm nicht wieder verscheuchen. War der Janko zum Verbrecher geworden, um feilt Gelöbniß bezüglich des Obstgartens zu halten, dann wäre sicherlich auch sein Schwur bezüglich der Miriam nicht unerfüllt geblieben. Vielleicht hatte Er dies gefügt, der Allerbarmer, um nicht noch größeres Unheil geschehen zu lasten. Aber auch dieseu Gedanken konnte der Kleine wieder verwinden; wollte Er Unheil verhüten, dann bedurfte Er eines solchen Mittels nicht! Erst in später Stunde übermannte ihn die Müdigkeit, nnd er schlief auf seinem unbequemen Sitz ein. Als er am Sabbath- Morgen erwachte, fühlte er sich so matt und zerschlagen, daß er sich kaum erheben konnte. Und nicht bloSsin den Gliedern, auch im Gemüth haftete ihm diese schmerzhafte Schwäche. Grau nnd trostlos, wie draußen der Tag, war's auch in ihm. Er verrichtete sein, Morgengebet, so inbrünstig wie je, der Gedanke an Gott erhob seine Seele, aber als er sich nach beendetem Gebet fragte: „Was nun?" — da fühlte er sich wieder rathlos nnd hilflos wie zuvor. So traf ihu die Miriam. Sie mußte in der Nacht viel geweint haben, — er sah es ihr. an den Angen an. Auch klang ihre Stimme leise nnd befangen, als sie ihm den Morgengrnß bot. Und als er nach seiner Gewohnheit mit der Hand leise über ihren Scheitel fuhr, zuckte es schmerzhaft um ihre Mundwinkel, unb die Augen füllten sich mit Thränen. Aber sie bezwang sich, faßte seine Hand und zog ihn auf den Sitz neben sich nieder. „Vater," sagte sie nnd versuchte sogar zu lächeln. „Du findest es allein nicht heraus, wie es nun mit uns werden soll, und ich auch nicht. Wollen wir es zusammen überlegen?" „Ja, Kind." erwiederte er seufzend. „Nein," sagte sie, „Du mußt tapfer sein. Ich Hab' gestern gesagt, ich wollt' nicht heim. Du weißt, warum?!" Ein dunkle Röthe flammte über ihr Antlitz, aber sie sah ihm dabei festen Blicks ins Auge. „Ich weiß . . ." erwiederte er. „Aber das war Unsinn," fuhr sie fort. „Leicht fällt's mit ja auch heute nicht, umsomehr, da ich nun weist, was die Kasia über mich ausgesprochen hat. Aber cs muß eben sein. Dort haben wir unser Brod, — wenigstens für die nächste Zeit," flocht sie hastig ein, als er wieder hörbar aufseufzte — „und dann Hilst uns Gott weiter! Und was geschehen muß, wollen wir bald thun. Heut' ist ja Sabbath, aber morgen wollen wir zum Grab der Mutter gehen und dann in unser Haus!"