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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-06 · Heft 10 (6.3.1896) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
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115 fiiibet, freilich sicher zur Untergrabung seiner äußeren Ruhe beiträgt, aber dennoch beit Gewinn der innern erbeutet. Dies ist ungefähr mciite Loge, und wenn ich dabei recht vergnügt bin, so kcntnst Du dies verstehen, während Andere weine Ruhe sowie Deine Unruhe nicht begreifen wögen. Aber Du, wein Freund, vegctirst iiicift als Theologe, und dies ist Dein Schmerz. Der einzige Rath ist da, reiße Dich heraus, drücke Deine Gefühle in Worten aus, suche durch wissenschaftliche Arbeiten die unheimlichen Gedanken — nicht los zu werden, sondern — klar zu wachen für Dich wie für Andere, und Du wirst sehen, daß Dir daraus Ruhe erwächst. Wäre ich in der äußerlich glücklichen Lage wie Du, mein Freund, hätte ich keine Verpflichtungen für die Zukunft, hätte ich nicht die Anforderungen in wir, — die ich aber unterdrücken muß, weil ich ihnen nicht uachkonmten kann — meiner Familie Manches zu leisten, so würde ich mit Vergnügen auf meinen Weg Hinblicken und nicht der geringsten Bedenklichkeit Raum geben, alles mit Schärfe aussprechen, was wein Blut in Wallung setzt, und wöge daraus entstehen, was da wolle. Wir bedürfen jetzt der Männer, die mit uneigennützigem Streben, mit rüstiger Thatkraft das Uebel an der Wurzel ergreifen, es ans Tageslicht ziehen und um Abhilfe jamwern, wenn sie sie auch noch nicht augenblicklich bieten können. Denke nicht zu viel an praktisch theologische Wirksamkeit! Meinst Du, sie werde Dich befriedigen? So wenig wie mich. Jener Schneckengang selbst dort, wo er sich mit gewaltigen Schwingen rüstet, bringt nur noch unangenehmere Einpfiudnngen hervor. Vereitelte Unternehwungen, Schmerz bei der Beschäftigung mit Kleinigkeiten, Pflastern, wo man ausschneiden wüßte, kürz, lauter Nadelstiche statt eines kräftigen Stoßes, dessen man sich im Vergleiche mit jenen innig freut. — Seit einiger Zeit, mein Lieber, habe ich ein Judenthnw, das tnich befriedigt, einen Glauben, dessen Grundlagen das Vertrauen auf einen Weltenlenker und die an uns gestellte Anforderung der Gerechtigkeit und Milde ist, der sich in Werten die diesem Ansprüche genügen, ausspricht und ntit erhebenden Formen zur Erweckung dieser Gesinnungen uwgiebt; dies ist mir sicher Geist des Jndenthums, der aber schon in der Bibel, wenigstens iw Pentateuche, nicht klar genug hervortritt. Denn gerade weil auf die Handlungen, als Ergüsse dieser Gesinnungen, weil auf Formen, als Mittel zur Belebung derselben, in einem solchen kräftigen Glauben besonders gesehen werden mutzte, blieb die That als Gebot, auch nachdem durch geänderte Umstände der Geist von ihr geivichen war; und diese Erstarrung wirkte dann wieder zurück auf die Verkehrung des Geistes. — Dies ist die ganze Geschichte des.Jndeuthums, das mit seiner Naivetät des Alterthums, aber mit seiner Kraft der Gesinnung, die sich alle Weichlichkeit und Phantasiegeburt ferne hielt, in die Welt trat, aber auch leicht dadurch in nackte Berstandesausklügelung, die dann allerdings von dem einzelnen Menschen zuweilen mit der ganzen Lebendigkeit des Gefühles umschlungen wurde, verfiel. — Diesen reinen Geist möchte ich wieder anfleben sehen, in seinem Gegensätze sowohl gegen das verknöcherteJndenthuw, als auch gegen jeden andern falschen Geist, diesen Geist möchte ich selbst beleben, den Forwglanben entwurzeln, dem falschen Geiste nichts uachgeben, und wenn ihn auch gerade nicht direkt, doch indirekt bekämpfen. Aber ach, da fühle ich nicht blos die eigene Schwäche, die der Wärme entbehrt, uw die Ueberzeugung überzeugend auszusprechen, der Erk'enntniß iw Einzelnen, um es Anderen zur Erkenntuitz zu führen, ich fühle auch die enge Haft, in der ich mich befinde, von der ein jeder meiner Schritte eingeengt wird, und freilich, ich fühle auch weist die Theilnahmlosigkeit, die ein jeder schwache Versuch findet. — Dn siehst, mein Lieber, so gar sehr zufrieden bin ich gerade auch nicht. Das neueste (5.) Heft nimmt mich sehr in Anspruch, und der Druck enthält im 9. Bogen, uitd zwar in der Mitte, Deine Rezension,*) der ich manches Tröpflein Galle entzogen habe; pnd ich glatibe, daß es gut feilt und gut ausgenommen werden wird, aber so lange wir nicht recht mit der Farbe herauskommen, nützt und fleckt Alles nicht, außer daß wir die Formgläubigen uns entziehen, uns die Achtung manches Gutmeinenden erwerben, aber nicht seine Mitwirkung. Ich kann nicht über den Mangel an Anerkennung klagen, ich bekomme ganz schöne Briefe; aber wir bedürfen der Laieit und, die stehen ferne. Ich verzehre mich wirklich manchmal in Ungeduld und schmolle mit allen Theologen mtd bin fest überzeugt, daß, wenn sich noch Einige mit mir bereinigten, um kräftige, unumwundene Worte zu sprechen, es zu einem großen Kampf kommen würde, aber auch zu einem schönen Resultate. — Jedoch, ich will einmal von dem Gespenste, das mich verfolgt, ablassen und mir Deinen lieben Brief mit seinen kleinen Buchstäbchen vornehmen! Ich übergehe Dein dortiges Leben in seinen Einzelheiten und gelange sogleich zu Deinen Arbeiten. Du wirst vielseitig, mein Lieber; dahin war auch immer Deine Richtung, ohne daß Du darum in unserem Fache nicht immer mehr an Ausbildung gewönnest, und ich werde keineswegs etwas gegen irgend eine Deiner wissenschaftlichen Beschäftigungen Vorbringen. aber dennoch wünschte ich, daß Du Dich mehr konzentrirtest. Mache Sammlungen für den Josephns, auch dies ist gut; aber für die eigentliche jetzige Arbeit mache ihn nicht, da hättest Du Besseres zu thun. Was jetzt das Hauptsächlichste ist, ist auf der einen Seite die Unhaltbarkeit der jetzigen Gestalt des Judenthums, auf der andern der Nachweis, ivie es dazu geworden, aber bis auf die älteste Spitze im Einzelnen verfolgt; alles Andere ist keineswegs vom Uebel, aber, wenn ich so sagen darf, Luxus, und wir sind ja so arm und sollten unser Bischen noch luxuriös vergeuden! — Du hast auf eine sehr schöne Weise die JtnJK* 2) aufgefaßt, und Du weißt wohl, daß ich den Ausdruck „mitternächtliche Briefe" blos scherzweise gebrattcht hatte, ehe ich sie gelesen. Sie haben auf mich einen sehr entschiedenen Eindruck gemacht, und sie, in Verbindung mit dem Buche von Georges) haben mich gewissermaßen zu einem Abschlüsse über das Judenthum gebracht, ohne natürlich meine Ansichten über das bestehende im Geringsten zu ändern. Das 2. Heft wird sich viel mit diesem Buche, das mir dessen Verfasier, Hirsch, selbst freundlich mit seiner Namennennung znsandte, beschäftigen, indem sowohl der erste Aufsatz darüber meist handelt, als auch der Anfang einer Rezension jetzt gedruckt *) Gemeint ist I. Dernburgs große Rezension über die Schrift von I. S. Reggio. Thora und Philosophie in ihrer Versöhnung. Wien 1827, abgedruckt in Geigers Wissensch. Zeitschr. f. jüd. Theol. Jahrg. 1836, Bd. II. S. 33 l—350. — Im 1. Bande der Ztschr. von 1836 waren von Dernbm g vier Artikel über Peter Beer's Maimonides erschienen, die beiden ersten S. 97 - 123, der dritte S. 210 — 224, der vierte S. 414—427. 2) Neunzehn Briefe über Judenthum. Als Voranfrage wegen Herausgabe von „Versuchen" desselben Verfassers über Israel und seine Pflichten hgg. von Ben Usiel, Altona, 1836. Dieser Schrift von S R. Hirsch sind zwei große Artikel Geigers in der Zeitschrift Bd. II. S. 351-359, 518 - 548 gewidmet. Die in der Schlußbemerkuug: „die anderen Artikel folgen" versprochene Fortsetzung ist wohl nicht erschienen. Hirsch war der in der Einleitung erwähnte Bonner Freund, der sich schon damals anschickte, einer der Führer der orthodoxen Partei zu werden. 2) Gemeint ist I. P. L. George's (1811—1872) Schrift: Die alten jüdischen Feste 18:'6. In dem ausgelassenen Theil des Briefes spricht G. auch von Mannheimers Predigtband „der ganz Meisterhaftes und Gediegenes, und zwar nicht blos für Homileten, enthält." 4) Die Rezension s. Anm 1. Der Aufsatz führt den Titel „Neues Stadium des Kampfes in dem Judenthum unserer Zeit", in der Ztschr. Bd. II. S. 209 -227; wiederabgedruckt in Geigers nachgelassenen Schriften I. S. 464-477.

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