Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228159--52634-3258267- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
114 und selbstverständlich wird auch Getreidebau getrieben, sowie eine ausgedehnte Gemüsezucht. Die Schule besitzt ebenfalls einen ziemlich großen Viehbestand und wird sich gerade jetzt ein neues Verdienst um die Laudwirthschaft in Palästina erwerben, weil man sich -zur Zeit damit beschäftigt, Versuche mit dein Anbau von Futterpflanzen zu machen, in welcher Beziehung leider in Palästina noch gar keine Erfahrung vorhanden ist. Die Viehzucht Palästinas ist denn auch verhältuißmäßig gering, da Anbau von Futterpflanzen fast gar nicht betrieben wird. Die Schule hat lange Jahre viel Geld gekostet, aber schon seit einigen Jahren sind die mit jeder Ernte steigenden Erträgnisse der Bodenprodnkte so bedeutend geworden, daß die Alliance tu den letzten Jahren mit dem verhältnismäßig kleinen Zuschuß von circa 30000 Francs ausgekommeu ist. Um diesen Erfolg richtig zu würdigen, nniß man sich vergegenwärtigen, daß auf Mikweh rieben den 100 Schülern ein Lehrer und Aufsichtspersonal von circa 30 Köpfen lebt und daß in diesem Zuschuß der Alliance alle Ausgaben, die Ernährung, Bekleidung der Zöglinge ebenso wie der Unterhalt und die Gehälter der Lehrer mit einbegriffen sind. Noch einen weiteren Vorzug weist Mikweh vor fast allen orientalischen Schulen auf; es herrscht dort eine geradezu bewundernswerthe Disziplin, was man leider int Allgemeinen bei orientalischem Unterricht nicht findet. Mikweh Jisroel wird von den meisten Fremden, die Palästina bereisen, aufgesucht, und man sagt nicht zu viel, wenn man das allgemeine Urtheil in den Ausdruck zusammenfaßt, daß die Alliance israclite universelle stolz auf ihre dortigen Leistungen sein darf. Die größte jüdische Schule im heiligen Lande ist die in Jerusalem von der Alliance gegründete, deren langjähriger Direktor Herr Nissim Behar ist. Dieses Institut liegt vor den Thoren des eigentlichen Jerusalem in der Jaffa-Vorstadt innerhalb des jüdischen Viertels und zählt zu den ansehnlichsten Gebäuden, obwohl sie mit den christlichen großen Schulen weder an Umfang noch an äußeren Einrichtungen einen Vergleich aushalten kann. Die Schule zerfällt in zwei Abteilungen, Volksschule und Handfertigkeits-Unterricht. In den für den Elementarunterricht bestimmten Klassen befinden sich zur Zeit 143 Schüler, während die Handwerkerschule mit ihren verschiedenen Werkstätten von insgesammt 112 Lehrlingen besucht ist. Den Besucher iuteressiren natürlich am meisten diese Werkstätten, in denen mit großem Geschick gerade diejenigen Handwerke vorzugsweise unterrichtet werden, in denen zur Zeit noch die Konkurrenz in Jerusalem nicht allzu groß ist. Es existirt z. B. zwar eine Schneider- und eine Schuhmacher- Werkstatt, es wird aber nach Möglichkeit darauf gehalten, daß die Lehrlinge einen anderen Beruf erwählen. Besonders zahlreich sind dagegen diese Lehrlingsschüler in der Kunst-Drechslerei, Kunst- Schlosserei, in der mechanischen Werkstatt und in der Tischlerwerkstatt. Es sind indeffen auch Grob- Und Kupferschmiede vorhanden. In der ganzen Anstalt werden natürlich eine große Anzahl von Arbeiten hergestellt, die verkauft werden muffen, unb es ist bemerkenswerth, daß ein sehr bedeutender Theil der hergestellten Erzeugnisse an christliche und mohammedanische Anstalten sowohl wie au Privatleute dieser Religionen geliefert werden. So hat erst kürzlich die Schule die gesummten Kunstschlösser für die armenische Kirche geliefert, sowie für den Pascha von Jerusalem einen Wagen gebaut. Unter den Zöglingen der Schule finbet man die verschiedensten Altersstufen und Geburtsländer vertreten; da arbeitet neben dem Knaben aus Jerusalem ein erwachsener Mann, der von einem Araber auf der Straße nicht zu unterscheiden wäre; es ist einer der eingewanderten Jemeniten, der erfreut ist in seinem reifen Alter ein Handwerk erlernen zu dürfen. Da finden tvir auch Knaben aus dem verschiedensten Gegenden Syriens und Mesopotamiens und vor allen Dingen sehr viele Kinder, deren Wiege in Rußland gestanden hat und die mit ihren Eltern durch die russischen Verfolgungen und Ausweisungen nach Palästina verschlagen worden sind. Aschkenasim, Sephardim, Jemeniten und persische Inden sind bestrebt ihren Kindern die Vortheile, die diese Anstalt bietet, zu verschaffen, und man könnte nur eines wünschen, nämlich daß die Alliance durch eine Vermehrung der Unterrichts-Werkstätten die Anstalt vergrößerte. Es fehlen noch Gewerbe, die überhaupt in Palästina wenig vertreten sind und die den Lehrlingen eine um so größere Aussicht auf ausreichenden Erwerb gewähren würden; als Beispiel nennen wir Weberei, Passementerie, Korbflechterei. Seilerei rc. Anzuerkennen ist auch das eifrige Bestreben der Schulleitung, den ausgebildeteu Zöglingen eine selbstständige Existenz zu verschaffen und sie zu diesem Zwecke möglichst an Orte zu bringen, wo die entsprechenden Gewerbe noch schwach vertreten sind. Die Alliance hat wiederholentlich die Lehrlingsarbeiteu ihrer Schule auf Ausstellungen, wie in Paris uitb Chicago, gezeigt und immer günstige Eindrücke bannt erreicht. Abraham Geigers Briefe a» I. Mrenbourg. (1833 —42) Herausegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. IX. Wiesbaden, 23. Februar 1836. Mein lieber Dernburg! Ich habe länger gewartet, als ich es selbst gewünscht habe, und dieser Aufschub lag vlos in einer Masse von Beschäftigungen, die mich in das Verschiedenartigste hineinstürzt, ohne mir die nöthige Ruhe zu lassen,' mich mit dem lieben Freund ungestört und in behaglicher Zutraulichkeit zu unterhalten. Ich fürchte, diese schöne Zeit des Briefschreibens, wo der Brief das ganze Innere ausspricht, ist für eine Zeit lang bei mir dahin; ich bin zu sehr in Vielfaches getheilt, und es geht in mir. und um mich zu viel vor, was mein Interesse fesselt, als daß ich in die Grenzen eines Briefes alles dieses einschließen könnte, und außerdem kann ich mich zu wenig sammeln, um einen ruhigen Ueberblick darüber zu werfen. Ja, wenn wir zusammen wären, mein Lieber, dann wäre es ein Anderes! Du fehlst mir in jeder Beziehung gar sehr, der liebe Freund, der Wiffenschaftsgenosse, der Mitarbeiter, Alles ist mir mit Deiner Entfernung weggegangen, und dabei machst Dil noch immer ein so trübes Gesicht, wenn Du von der Ferne her Dich einmal zu einem Besuche einstellst. Allerdings verstehen Dich die Andern nicht, und wenn ich von den vergnügten Briefen höre, die Du nach Hause schreibst, so sehe ich ein, wie weit das Verständniß unseres Innern von Denen, die uns am nächsten stehen im Leben, abliegt; aber desto tiefer fühle ich es auch schmerzlich, daß mein lieber Dernburg an einer gewiffen inneren Unzufriedenheit leidet, von der ich ihm zwar sagen möchte, daß er sie besiegen solle und müsse, aber selbst nicht weiß, wie? Es ist nicht zu leugnen, die jüdisch-theologischen Verhältnisse in unfern Tagen sind Demjenigen, der der greulichen Verwirrung derselben auf den Grund sieht, nur dann erträglich, wenn er kräftig kämpfend mit eingreift, so freilich oft die Wirren nur noch mehr verschlingt, aber dann doch auch die allgemeine sowie die eigene Kraft zu deren Lösung oder — Zerhauuug aufruft, freilich sich oft nur in einen noch größeren Zwiespalt mit sich selbst setzt, aber im. Bewußtsein des Kampfes Trost